HOMEPAGE



Stuttgart

"DIE CHANCE DES THEATERS LIEGT IM ALTEN"

Interview mit Marco Goecke



Seit 2000 hat Goecke ein beeindruckendes Konvolut an Tanzwerken geschaffen. Aktuell feiert eine Kreation an der Pariser Oper ihre Uraufführung. Parallel laufen die Vorbereitungen für seine erste Spielzeit als Ballettchef an der Staatsoper Hannover.


  • Marco Goecke mit Marc Moreau bei den Proben zu "Dogs Sleep" an der Pariser Oper Foto © Ann Ray

Marco Goecke ist Residenzchoreograf des Nederland Dans Theaters und in diesem Jahr von Gauthier Dance Theaterhaus Stuttgart und hat seit 2000 ein beeindruckendes Konvolut an Tanzwerken geschaffen: zum jetzigen Zeitpunkt exakt 68 Stücke. Aktuell feiert die neueste Kreation des 46-Jährigen an der Pariser Oper ihre Uraufführung. Parallel laufen seit Wochen die Vorbereitungen für seine erste Spielzeit als Ballettchef an der Staatsoper Hannover.

Ihr choreografisches Werk ist vom Umfang und der weltweiten Nachfrage her beeindruckend. Viele Kompanien fragen an, um ein Werk von Ihnen aufführen zu dürfen. Wie regeln Sie das?

MG: Da ich nicht überall sein kann, habe ich Menschen, die meine Stücke in den Kompanien einstudieren. Manchmal bin ich zwar noch bei der einen oder anderen Kompanie, aber ich kann es mir zeitlich oft nicht leisten, vor Ort so intensiv noch einmal an den Stücken zu arbeiten, wie ich es vielleicht gerne tun würde. Generell ist die Übernahme eines älteren Stücks genauso aufwändig wie eine Neukreation, aber viel Verantwortung liegt dann eben nicht bei mir, sondern bei den Ballettmeistern, denen ich vertraue.

Planen Sie dafür in Hannover mehr Zeit ein?

MG: Mich beschäftigt in der Tat zur Zeit sehr, alte Stücke von mir nochmals über einen längeren Zeitraum als sonst intensiv mit mir selbst zu erarbeiten und sie so auf die Bühne zurückzubringen, wie ich es vielleicht gerne hätte. Meinen Besitz an Stücken sozusagen in Hannover zu verwalten und zu verfeinern, an dieser Idee habe ich Spaß.

Werden Sie auch Gastchoreografen einladen?

MG: Ja, daran arbeiten wir aktuell – Menschen, die ich sehr schätze und Menschen, deren Arbeit ich als wichtig empfinde. Mehr kann ich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen.

Alle Ihre Stücke speisen sich absolut aus Ihrem Empfinden Ihrer selbst in und gegenüber der Welt. Erleben Sie jeden neuen Kreationsprozess als eine tiefe Selbstbegegnung?

MG: Ja, aber auf einer anderen Ebene. Selbstbegegnung im Privaten speist sich ja aus den alltäglichen Erlebnissen und Sorgen. Und dann gibt es diese andere Welt, eine verborgenere Welt, die wir alle und die wir immer vor Augen haben. Aus ihr speisen sich meine Stücke.

Wie erleben Sie diese Welt?

MG: Manchmal, abends, wenn ich mitten in einem Kreationsprozess bin, habe ich große „Sehnsucht“ – ein sehr schönes deutsches Wort. Da zerreißt es mich fast, weil ich so viel empfinde und zeigen möchte. Da bin ich ganz romantisch. Das alles ist nichts Konkretes, sondern auch oft Unbekanntes. Es lässt mich Angst empfinden. Diese Angst ist dann auch da, wenn ich für meine Stücke täglich von diesen meinen Empfindungen zehren muss. Ein Stück nur aus mir heraus geschaffen, ist im Grunde für mich immer beängstigend. Deswegen fällt es mir nicht immer leicht, ein Stück zu choreografieren.

Haben Sie darüber nachgedacht, andere Wege einzuschlagen?

MG: Ich wünsche mir manchmal, ich hätte mehr Konzept oder mehr eine Geschichte zu erzählen. Das trifft mich insgesamt nicht so tief. Ein Handlungsballett mit einer vorgegebenen Handlung ist entspannender.

Sie haben erstmals für die Pariser Oper eine Uraufführung kreiert. Was hat das mit Ihnen gemacht?

MG: Was den Kreationsprozess anbelangt, ist es heute für mich nicht mehr wichtig, wo oder für welches Theater ich arbeite. Die Angst ist immer die gleiche - ob das in Paris oder in Plauen ist. Sicher, das war auch einmal anders. Bei meinem erstes Stück für das Nederlands Dans Theater - „Nichts“ im Jahr 2008 - war ich sehr nervös in Bezug darauf, was die Leute davon halten würden. Heute bin ich, so gesehen, nur der Sache und meiner wegen nervös.

Für Ihre neue Kreation an der Pariser Oper hatten Sie nicht mehr als gut zwei Wochen Zeit. Sie müssten sich hierfür innerlich anders aufstellen, um das neue Stück in der kurzen Zeit zu schaffe, erzählten Sie mir vor wenigen Wochen.

MG: Ja, davon habe ich geträumt. Ob es funktioniert hat, ist die Frage. Ich habe mir im Vorfeld ein paar Personenkonstellationen zusammengestellt. Aber was dann im Endeffekt passiert ist und was getanzt wird, das kam mir von Tag zu Tag, das konnte ich auch nicht planen. Ich habe gehört, dass andere Choreografen ihre Stücke bis in die Schritttechnik hinein komplett vorausplanen. Das klingt verlockend, ich glaube aber nicht, dass das mein Ding ist. Das wäre nicht ich.

Die technologischen und digitalen Entwicklungen kreieren neue Vorstellungen davon, wie wir sein und leben könnten. Wir leben mit dem Smartphone in der Hand, die Verteilung von Macht und Ohnmacht in der Welt tritt in vielen Bereichen deutlich hervor und gestaltet die Gesellschaft und wie wir sie wahrnehmen. Beschäftigt Sie, welche Position Ihr Werk in diesem Zusammenhang einnimmt?

MG: Ich glaube dass all die Technik, die uns heute unzählige Möglichkeiten bietet, in dem ganz einfachen System von „Vorhang auf, Vorhang zu“ nicht funktionieren wird. Theater ist meines Erachtens etwas sehr Antiquiertes, aber zutiefst Menschliches. Vielleicht darf es mit der heutigen Zeit und ihren scheinbaren Maßstäben gar nichts zu tun haben.

Viele Theatermacher denken anders.

MG: Aber ist das Theater im Grunde genommen nicht einfach eine emotionale Bretterbude? Also etwas sehr Rohes? Dort, in dieser Bretterbude, mit ein paar Lichtern an der Decke, geht doch nur ein Fetzen Stoff hoch, und auf der einen Seite sind die einen, und wir sind die anderen, die etwas zeigen. Oder die uns etwas über uns erzählen. Da ist also nichts außer wir und das Nackte und das Unzeitgemäße. Und im besten Fall fällt das, was die einen zeigen, auf den Menschen und das, was wir alle fühlen, zurück. Und das ist dann immer das Gleiche im Leben, immer dieselbe Verzweiflung - im Mittelalter wie im Zeitalter der Smartphones. Das ist für mich das Spannende am Theater. Und das Anstrengende. Die Chance des Theaters liegt für mich daher im Alten.

Was bestimmt Ihre Auswahl an Tänzerinnen und Tänzern für Ihre Kompanie?

MG: Ich habe bis jetzt so ausgewählt, dass Menschen dabei sein werden, die ich schon lange kenne. Denn es geht auch darum, mich fallen lassen zu können. Außerdem wird es bald in Hannover eine Audition geben, bei der ich noch einige neue Tänzer suche werde.

Beschreiben Sie den Goecke-Tänzer.

MG: Er oder Sie hat auf eine natürlich Weise eine große Offenheit jenseits jeder Eitelkeit. Eine Offenheit für eine Schönheit, die auch das Hässliche beinhaltet. Und wenn ich im Bewegen eine gewisse kindliche Naivität spüre. Etwas Unkalkuliertes. Als würde die Bewegung, der Tanz erst gerade während des Tanzens entstehen, auch wenn man weiß, dass in der Choreografie alles fixiert ist. Und ich suche mutige Menschen. Auch Stolz gehört für mich dazu.

Sie haben sich über Ihre Jahre die einzelnen Partien des Körpers für Ihr eigenes choreografisches System regelrecht erarbeitet. Der nackte Oberkörper, das Port de bras, die Gesichter und Stimme, die Bein- und Fußarbeit. Welches Körperareal kommt demnächst dran?

MG: Im Moment suche ich nach richtiger Nähe. Nach Intimität und wie ich diese mit Elementen des Balletts Wirklichkeit werden lassen kann. Dass man sich beispielsweise wirklich küsst, da habe ich zur Zeit so ein Faible dafür. Ich muss natürlich schauen, wer dazu bereit ist.

Tanz ist für mich dann am Schönsten wenn die Schwelle zwischen Spiel und Realität überschritten wird. Wenn ich weiß, dass ich das genauso erlebe, wie es die Tänzer für mich in dem Moment auf der Bühne leben, während ich zusehe.

MG: Ja, das ist der Idealzustand. Ich habe als Jugendlicher viele Stücke von Pina Bausch in Wuppertal gesehen. Ich erinnere mich, dass ich nie einordnen konnte, was die mir da vorspielten. Ich habe mich immer gefragt, ob das jetzt echt ist oder gespielt war. Es wirkte echt, und doch war ich im Theater. Pina Bausch hat für mich diese Grenze geöffnet. Das fand ich faszinierend.

Veröffentlicht am 04.02.2019, von Alexandra Karabelas in Homepage, Gallery, Leute

Dieser Artikel wurde 1619 mal angesehen.



Kommentare zu ""Die Chance des Theaters liegt im Alten""



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    HOMOEROTIK UND WAHNSINN

    Marco Goeckes „Nijinski“ mit dem Ballett Zürich fasziniert das Publikum

    Uraufgeführt von Gauthier Dance in Stuttgart, ist Goeckes „Nijinski“ jetzt in Zürich angekommen. Ein Work in Progress. Erstmals werden Chopins Klavierkonzerte dabei live gespielt. Eine Erfolgsgeschichte.

    Veröffentlicht am 10.03.2019, von Marlies Strech


    IST ÜBERALL

    Marco Goecke zählt zu den wichtigsten Künstlern der Gegenwart

    Ab 2019 übernimmt der ehemalige Hauschoreograf des Stuttgarter Balletts und zukünftige Erste Residenzchoreograf von Gautier Dance am Theaterhaus Stuttgart die Leitung des Balletts am Staatstheater Hannover. Ein Porträt.

    Veröffentlicht am 03.09.2018, von Alexandra Karabelas


    ER HAT JA GESAGT!

    Marco Goecke wird Artist-in-Residence am Theaterhaus Stuttgart

    Erstmals wurde die Position eines Artist-in-Residence für die Company Gauthier Dance geschaffen. In den kommenden zwei Jahren wird Marco Goecke - designierter Ballettdirektor in Hannover - pro Spielzeit mindestens eine Uraufführung kreieren.

    Veröffentlicht am 11.06.2018, von Pressetext


    GOECKE GEHT NACH HANNOVER

    Der neue Ballettdirektor am STAATSTHEATER HANNOVER steht fest. Marco Goecke übernimmt zur Spielzeit 2019/20 die Leitung.

    Marco Goecke wird mit Beginn der Opernintendanz von Laura Berman zur Spielzeit 2019/20 neuer Ballettdirektor an der Staatsoper Hannover. Damit bekommt nach 13 Jahren zeitgleich mit dem Intendantenwechsel auch das Staatsballett eine neue Leitung.

    Veröffentlicht am 21.02.2018, von Pressetext


    LIEBE UNTER CRASHTEST-DUMMYS

    Choreografien von Stephan Thoss, Guiseppe Spota und Marco Goecke in Mannheim

    Eine höchst originelle Uraufführung steuerte Guiseppe Spota mit seiner Petruschka-Version „Let’s Beat“ dem neuen Tanzabend bei. Marco Goeckes „Nichts“ begeisterten ebenso wie Stephan Thoss’ „La Chambre Noire“.

    Veröffentlicht am 08.01.2018, von Isabelle von Neumann-Cosel


    IM HIER UND JETZT

    Die Staatliche Ballettschule Berlin begeistert mit „The Contemporaries, Volume 2“

    Wayne McGregor, Marco Goecke, dazu Mauro de Candia als aufgehender Stern und Gregor Seyffert als Crossover-Regisseur, sind ein beeindruckendes Choreografen-Quartett für diese Gala.

    Veröffentlicht am 17.03.2017, von Volkmar Draeger


    TANZ ALS BEWEGTE MUSIK

    Von Wigman bis Goecke und de Candia: "Danse Macabre" in Osnabrück

    „So geht freier Tanz heute!“ möchte man der selbst ernannten „Priesterin des Tanzes“ Mary Wigman zurufen, die so viel wagte, aber aus heutiger Sicht so wenig ahnte von den Möglichkeiten „der Bewegung aller Dinge“.

    Veröffentlicht am 12.02.2017, von Marieluise Jeitschko


    SPANNENDER DREIKLANG

    Thoss, Goecke und de Candia in Osnabrück

    Dreiteilige Ballettabende gibt es an deutschen Theatern zuhauf. So oft stehen sie landauf, landab auf dem Programm, dass man manchmal fast gar keine Lust mehr darauf hat. Nach der Osnabrücker Premiere von „Tri_Angle“ wird man schamrot angesichts derartiger heimlicher Maulerei.

    Veröffentlicht am 21.02.2016, von Marieluise Jeitschko


    HÖCHSTE FREUDE, TIEFSTE PEIN

    Zum neuen Stuttgarter Ballettabend „Forsythe/Goecke/Scholz“

    Der scheidende Stuttgarter Intendant Reid Anderson erlaubt sich nach zwanzigjähriger Amtszeit einen kleinen persönlichen Rückblick auf diese Erfolgsgeschichte: Drei der ganz großen Choreografen aus der Stuttgarter Ballett-Kaderschmiede zeigen ihr Können.

    Veröffentlicht am 30.01.2016, von Isabelle von Neumann-Cosel


     

    AKTUELLE NEWS


    ADOLPHE BINDER BEKOMMT AUCH IM BERUFUNGSVERFAHREN RECHT

    Neues in der Causa Tanztheater Wuppertal
    Veröffentlicht am 19.08.2019, von tanznetz.de Redaktion


    JOHANN KRESNIK IST TOT

    Das deutsche Tanztheater hat einen seiner Pioniere verloren
    Veröffentlicht am 28.07.2019, von tanznetz.de Redaktion


    EHRUNG FÜR JOHANN KRESNIK

    "Goldenes Verdienstzeichen des Landes Wien" für den bedeutenden Vertreter des choreografischen Theaters
    Veröffentlicht am 12.07.2019, von Pressetext



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    SENSEFACTORY-RAHMENPROGRAMM: DAS TOTALE TANZ THEATER 360°

    Das 360º Musik Video mit einer Choreographie von Richard Siegal

    Das ganze Theater soll Bühne sein! Das Totale Tanz Theater macht den Bauhaus-Traum eines „Totaltheaters“ im Jubiläumsjahr wahr, lässt Körper und Raum verschmelzen und überführt die Bühnenexperimente von Walter Gropius und Oskar Schlemmer mittels Virtual Reality ins digitale Zeitalter.

    Veröffentlicht am 16.08.2019, von Pressetext

    LETZTE KOMMENTARE


    ADOLPHE BINDER BEKOMMT AUCH IM BERUFUNGSVERFAHREN RECHT

    Neues in der Causa Tanztheater Wuppertal
    Veröffentlicht am 19.08.2019, von tanznetz.de Redaktion


    ENGAGEMENT VERLOREN

    Sergei Polunin nicht mehr im "Schwanensee" an der Pariser Oper
    Veröffentlicht am 15.01.2019, von tanznetz.de Redaktion


    HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH!

    Der Primaballerina Lynn Seymour zum 80. Geburtstag
    Veröffentlicht am 06.03.2019, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    JOHANN KRESNIK IST TOT

    Das deutsche Tanztheater hat einen seiner Pioniere verloren

    Veröffentlicht am 28.07.2019, von tanznetz.de Redaktion


    ADOLPHE BINDER BEKOMMT AUCH IM BERUFUNGSVERFAHREN RECHT

    Neues in der Causa Tanztheater Wuppertal

    Veröffentlicht am 19.08.2019, von tanznetz.de Redaktion


    SPEKTAKULÄRES DEBÜT

    Shale Wagman als James in „La Sylphide“ am Mariinsky Theater St. Petersburg

    Veröffentlicht am 26.07.2019, von Gastbeitrag


    EMPÖRUNG IN DER BERLINER TANZSZENE

    Versprechen aus dem Koalitionsvertrag nur teilweise eingelöst

    Veröffentlicht am 04.08.2019, von tanznetz.de Redaktion


    ZU EHREN TERPSICHORES

    "Terpsichore-Gala I" im Nationaltheater zum 10jährigen Bestehen des Bayerischen Staatsballetts

    Veröffentlicht am 09.10.1999, von Katja Schneider



    BEI UNS IM SHOP