HOMEPAGE



Hamburg

VON DER BEDEUTSAMKEIT DES INNEHALTENS

Sommerfestival auf Kammnagel: Rachid Ouramdane mit „Tenir le Temps“



Nein, die Zeit lässt sich nicht festhalten. Aber wir können uns immer wieder bewusst machen, wie wichtig es ist, nicht einer sinnlosen Hektik hinterher zu hecheln. Damit ging das Sommerfestival zu Ende – ein schöner und zukunftsweisender Abschluss.


  • Sommerfestival auf Kampnagel: Rachid Ouramdane mit "Tenir le Temps" Foto © Patrick Imkert
  • Sommerfestival auf Kampnagel: Rachid Ouramdane mit "Tenir le Temps" Foto © Patrick Imkert
  • Sommerfestival auf Kampnagel: Rachid Ouramdane mit "Tenir le Temps" Foto © Patrick Imkert
  • Sommerfestival auf Kampnagel: Rachid Ouramdane mit "Tenir le Temps" Foto © Patrick Imkert
  • Sommerfestival auf Kampnagel: Rachid Ouramdane mit "Tenir le Temps" Foto © Patrick Imkert
  • Sommerfestival auf Kampnagel: Rachid Ouramdane mit "Tenir le Temps" Foto © Patrick Imkert
  • Sommerfestival auf Kampnagel: Rachid Ouramdane mit "Tenir le Temps" Foto © Patrick Imkert
  • Sommerfestival auf Kampnagel: Rachid Ouramdane mit "Tenir le Temps" Foto © Patrick Imkert

In unserer Zeit muss alles immer schnell gehen, Hektik dominiert unseren Alltag auf allen Ebenen. Den Tänzer und Choreografen Rachid Ouramdane, Sohn algerischer Einwanderer in Frankreich, hat das so beschäftigt, dass er daraus ein Tanzstück gemacht hat: „Tenir le Temps“ – die Zeit festhalten. Natürlich geht das nicht, und deshalb sind die knapp 60 Minuten, die das Werk dauert, eine Studie über die Atemlosigkeit unseres Lebens.

Das Stück beginnt mit einem einzelnen Tänzer in einer weiß ausgeschlagenen Bühne – weißer Tanzboden, weiße Wände, weißer Hintergrund. Der Mann fängt an zu zucken und sich zu schütteln, und je mehr er das tut, desto mehr drängen die 14 weiteren Tänzerinnen und Tänzer des Centre Choréographique National de Grenoble auf die Bühne. Sie gesellen sich zu ihm, zu immer neuen Arrangements, zu zweit, zu dritt, zu mehreren. Ouramdane verwebt die Menschen in Bewegung zu ständig neuen Formationen. Wellenförmig bewegen sie sich miteinander, nebeneinander, umeinander zu Kurven, Diagonalen und Geraden. Nur kurz halten sie inne, dann rennen sie wieder, in nur scheinbarem Chaos, das sich zu flüchtigen symmetrischen Formationen ordnet.

Der Klangteppich dazu ist ähnlich hektisch, hämmernde Minimal Music von Jean-Baptiste Julien. Zweimal hält die Musik plötzlich inne, die Tänzer – in schlichten Shirts und Hosen in Olivgrün bis Braun (Kostümdesign: La Bourette) – verschwinden, die Bühne verdunkelt sich, und für einen kurzen Moment findet sich Ruhe. Aber dann setzt die Hektik von neuem ein mit ihrem Laufen und Rennen und ihren ständigen Bewegungswechseln. Im ersten Teil liefen die TänzerInnen noch vorwiegend aneinander vorbei, im zweiten begegnen sie sich häufig, verharren ganz kurz miteinander, um dann doch wieder davonzustieben.

In Teil zwei legt einer von ihnen eine Platte auf den Tanzboden und beginnt zu steppen. Und es ist gerade dieses Aus-der-Reihe-fallen, das dem Stück plötzlich eine neue Dimension gibt, etwas Individuelles, Persönliches im Reigen der sich doch stark ähnelnden Bewegungsstudien der anderen. Um dann in Teil 3 doch wieder aufzugehen in der sich wellenartig beschleunigenden und verlangsamenden Masse, die nie zur Ruhe kommt, sich mal umarmt, dann wieder auseinanderfällt, um gleich wieder zusammenzukommen - bis zum Schluss alle das Weite suchen und nur eine Frau zurückbleibt. Bis schließlich auch sie geht.

Rachid Ouramdane hat mit „Tenir le Temps“ eine Art Perpetuum mobile konstruiert, das durch seine puristische Schlichtheit in Bann schlägt. Es ist eine Studie, die immer wieder nach der Bedeutung des Einzelnen im großen Ganzen fragt. Das klarmacht, welche Verantwortung der Einzelne trägt, weil er Kettenreaktionen auslösen kann – und dominosteinartig die ganze Riege zusammenstürzen lässt. Und das ebenso verdeutlicht, wie wichtig die Gemeinschaft ist für das Leben des Einzelnen. Gerade deshalb ist dieses Werk so zeitgemäß und auch so politisch.

Nein, die Zeit lässt sich nicht festhalten. Aber wir können uns immer wieder bewusst machen, wie wichtig es ist, innezuhalten, zu reflektieren, und nicht einer sinnlosen Hektik hinterher zu hecheln. Das Sommerfestival auf Kampnagel ging damit zu Ende – es war ein schöner und vor allem sehr zukunftsweisender Abschluss.

Veröffentlicht am 01.09.2016, von Annette Bopp in Homepage, Kritiken 2015/2016, Tanz im Text

Dieser Artikel wurde 2569 mal angesehen.



Kommentare zu "Von der Bedeutsamkeit des Innehaltens"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    AGGRESSION UND ZÄRTLICHKEIT

    (La)Horde mit "To Da Bone" beim Internationalen Sommerfestival auf Kampnagel

    Das Pariser Kollektiv erforscht mit 11 PerformerInnen den Tanz- und Musikstil Jumpstyle, der Anfang dieses Jahrhunderts in Vororten belgischer und niederländischer Großstädte entstand und sich über YouTube weltweit verbreitet.

    Veröffentlicht am 25.08.2018, von Annette Bopp


    GEOMETRISCHER TANZ, WILDE MUSIK

    Die Michael Clark Company eröffnete das Internationale Sommerfestival auf Kampnagel

    Ein nicht durchweg gelungener Auftakt für das dreiwöchige Festival, bei dem der Tanz mit sechs verschiedenen Aufführungen eher eine Nebenrolle spielt.

    Veröffentlicht am 11.08.2017, von Annette Bopp


    RUN, BABY, RUN!

    Olivier Dubois und das Ballet du Nord eröffnet mit „Auguri“ das Sommerfestival auf Kampnagel

    An den Flug von Vögeln erinnert diese Choreografie, die volle 70 Minuten lang aus nichts anderem besteht als aus Rennen und vereinzeltem Innehalten, mal alleine, mal in Gruppen, mal alle zusammen.

    Veröffentlicht am 14.08.2016, von Annette Bopp


    MANEGE FREI FÜR DIE KUNST!

    „The Greates Show On Earth“ vereint Zirkusdynastie und Performancestars

    Antonia Baehr, Valérie Castan und Emmilou Rößling sind die Zirkusfamilie „La Fortunada“ und bringen ihre Performance-Zirkus-KünstlerInnen auf die Kampnagel Bühne des Sommerfestivals in Hamburg.

    Veröffentlicht am 14.08.2016, von Elisabeth Leopold


    ER? SIE? ES!

    Tabea Martin mit „Pink for Girls and Blue for Boys“ beim Sommerfestival auf Kampnagel

    Eine fantasievolle Orgie des Verkleidens, die jegliche Zuweisung in Geschlechterrollen sprengt.

    Veröffentlicht am 14.08.2016, von Annette Bopp


    GANZ UND GAR NICHT ROMANTISCH

    Emanuel Gat mit „Plage Romantique“ beim Sommerfestival auf Kampnagel

    Uraufgeführt im Juni 2014 beim Festival Montpellier Danse, gab der Titel des Stücks zu schönsten Phantasien Anlass. Romantisch wird es allerdings nur für wenige Augenblicke.

    Veröffentlicht am 27.08.2014, von Annette Bopp


    ORDNUNG UND REBELLION

    Die Michael Clark Company beim Sommerfestival auf Kampnagel

    Mit „Animal/Vegetable/Mineral“ präsentierte das Sommerfestival eine deutsche Erstaufführung des früheren Tanz-Rebellen Clark. Was der mittlerweile über 50-Jährige mit seinem neuen Stück inszeniert hat, ist allerdings ein recht zahmes Werk.

    Veröffentlicht am 17.08.2014, von Annette Bopp


    HÜPFHOCHBURG HAMBURG

    Kampnagels Sommerfestival-Auftakt: "White Bouncy Castle" von William Forsythe in den Deichtorhallen

    Artikel aus Die Welt vom 13.08.2010


     

    LEUTE AKTUELL


    EINE WARMHERZIGE UND STARKE FRAU

    Marlis Alt ist am 19. Juni verstorben
    Veröffentlicht am 29.06.2020, von tanznetz.de Redaktion


    DANCE!

    Lucinda Childs wird 80 und wirkt heute noch radikal und neu
    Veröffentlicht am 25.06.2020, von tanznetz.de Redaktion


    MIT DEM RÜCKEN ERZÄHLEN

    Michael Molnár ist gestorben
    Veröffentlicht am 23.06.2020, von Hartmut Regitz



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    SAISONSTART IM AUGUST UND SEPTEMBER

    Zwei Gala-Abende und eine Neuproduktion des Staatsballett Berlin auf den Berliner Opernbühnen

    Das Staatsballett Berlin eröffnet die Saison 2020/21 zurück auf den Opernbühnen der Stadt mit den Gala-Abenden FROM BERLIN WITH LOVE (I + II) im August in der Deutschen Oper Berlin und im September in der Staatsoper Unter den Linden sowie der Neuproduktion LAB_WORKS COVID_19 in der Komischen Oper Berlin zu Anfang September 2020.

    Veröffentlicht am 19.06.2020, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    VORWÜRFE GEGEN TANZAUSBILDUNG

    Verdacht auf Missstände an der Staatlichen Ballettschule Berlin
    Veröffentlicht am 25.01.2020, von tanznetz.de Redaktion


    STAATLICHE BALLETTSCHULE BERLIN– KEIN ENDE IN SICHT

    Seyffert geht gegen Freistellung und Hausverbot vor. Bisher ohne Erfolg.
    Veröffentlicht am 19.05.2020, von tanznetz.de Redaktion


    STABEL WILL SCHULLEITER AN DER STAATLICHEN BALLETTSCHULE BERLIN BLEIBEN

    Der Gütetermin um freigestellten Ballettschuldirektor scheitert. Der Zwischenbericht der Untersuchungskommission sorgte vorab für kontroverse mediale Resonanz.
    Veröffentlicht am 12.05.2020, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    EINE MILLIARDE EURO FÜR "NEUSTART KULTUR"

    Die Bunderegierung legt im Zuge der Corona-Krise ein Förderprogramm für die Kultur vor

    Veröffentlicht am 02.07.2020, von Pressetext


    SCHRITT FÜR SCHRITT

    Buchneuerscheinung: „Entwicklungsförderung durch Bewegung und Tanz"

    Veröffentlicht am 02.03.2020, von Sabine Kippenberg


    ROLAND VOGEL TRITT AB

    Verletzung beendet Karriere des Stuttgarter Solisten

    Veröffentlicht am 16.05.2003, von tanznetz.de Redaktion


    IMPROVISATION IN ZEITEN DES IMPROVISIERENS

    "Our Daily Post" von Katja Wachter im schwere reiter München

    Veröffentlicht am 01.07.2020, von Peter Sampel


    DIE PREISTRÄGER*INNEN STEHEN FEST

    Preisvergabe beim 24. Internationalen Solo-Tanz-Theater Festival Stuttgart 2020

    Veröffentlicht am 29.06.2020, von Pressetext



    BEI UNS IM SHOP