KRITIKEN 2010/2011



Düsseldorf

HOLLÄNDISCHE MEISTER TRIUMPHIEREN AM RHEIN

"b.07“, die 7. Premiere der Ära Schläpfer an der Deutschen Oper am Rhein


  • „Compositie“. Tänzer: Julie Thirault und Bogdan Nicula Foto © Gert Weigelt
  • „Frozen Echo“. Tänzer: Wun Sze Chan und Ensemble Foto © Gert Weigelt
  • "Robert Schumann Tänze". Tänzer: Niels Funke, Alexandre Simões, Géraldine Dunkel Foto © Gert Weigelt

Mit „b.07“, der 7. Premiere der Ära Schläpfer an der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf/Duisburg, profiliert sich sein „Ballett am Rhein“ einmal mehr eindrucksvoll als eine der hochkarätigsten deutschen Kompanien. Der Chefchoreograf allerdings geriet mit der Uraufführung seiner „Robert Schumann Tänze“ auf die 3. Sinfonie des rheinischen Romantikers nach den fulminanten Aufführungen von Hans van Manens „Compositie“ und Regina van Berkels „Frozen Echo“ ins Hintertreffen und hörte zum ersten Mal einige Buhs. Van Manen löst Bewunderung aus mit dem stupenden Raffinement seiner auf strenge Symmetrie bauenden „Compositie“ (Komposition). 1994 für das Holland Festival entstanden, hat der hier zu Recht als „Mondrian des Tanzes“ apostrophierte Choreograf diese dichte, knapp halbstündige Choreografie dem niederländischen Maler Piet Mondrian gewidmet. Keso Dekker nimmt in seiner Bühnenausstattung auf den Konstruktivisten Bezug. Zwei identische Möbelarrangements aus je einem quadratischen, schlichten Holztisch und vier Hockern (im Ikea-Stil) stehen wie in einer Kantine auf der Vorderbühne. Zu John Adams‘ Klavierkonzert „Eros Piano“ gruppieren sich darum nach und nach in völlig gleichen Bewegungsmustern je zwei Paare in schlichter Alltagskleidung. Bei dem fast unmerklichen Wechsel der Musik zu der rhythmisch weich fließenden, von einem immer wieder erklingenden Kuckucksruf durchwirkten Hommage Morton Feldmans auf „Madame Press“ (seine Klavierlehrerin), beginnt sich Bogdan Nicula schließlich zu entkleiden. Julie Thirault folgt ihm. Während ihres Pas de deux im Zeitlupentempo fordert eine weitere Tänzerin in dezentem Dessous die anderen Männer heraus – vergeblich. Unvermittelt verlischt das Licht. Ein trotz seiner distanzierten Kühle, zutiefst menschliches Meisterwerk.
Einer jüngeren Generation als der Grandseigneur van Manen gehört Regina van Berkel an. Schon während ihres Engagements als Tänzerin bei William Forsythe in Frankfurt begann sie 1998 zu choreografieren. Heute zählt sie zu den internationalen Größen des Niederländischen Tanzes. Für ihr grandios theatralisches Ensemblestück mit dem scheinbar widersprüchlichen Titel „Frozen Echo“ erweiterte ihr Landsmann Theo Velbey ein früheres Orchesterstück zu einem überaus ausdrucksstarken Dreiteiler. Der Installationskünstler Dietmar Janeck bestückt den Raum mit einer faszinierenden Reihe aus 70 entkernten, beleuchtbaren Computermonitoren in der Form der Wirbelsäule eines Dinosauriers. Darunter beginnt ein surrealistisches Arrangement aus Gruppen und Gestalten sich wie in einem Dalì-Film fast unmerklich zu regen. Ein dunkler Menschenberg fließt in- und auseinander, verharrt, löst sich auf. Verträumt, wie in Trance, tanzt vorn Daniela Svoboda in Weiß und die rotschöpfige „Gefrorene“ (Cristina Garcia Fonseca) ganz hinten schwebt horizontal davon. Gegen Ende schließlich fasziniert das Trio Wun Sze Chan, Maksat Sydykov und Antoine Jully in einer Pina-Bausch-ähnlichen Szene. Jäh zerstob die Hoffnung, Schläpfer könne, ähnlich seinen Duetten „Schubert-Tänze“ oder dem „Forellen-Quintett“, nun ein großer Wurf mit Schumann gelingen. Zwar flackern zu Beginn und am Ende der Rheinischen Sinfonie (wie alle Musikstücke des Abends von den Düsseldorfer Symphonikern unter Catherine Rückwardt „tanztauglich“ musikantisch gespielt) sehr romantisch Lichterreihen, die sich im Rhein zu spiegeln scheinen, und die wunderschönen bläulichen Kostüme der 26 auftretenden Tänzerinnen und Tänzer (von Nelly van de Velden) glitzern wie das Schuppenkleid quicklebendiger Fischchen. Aber choreografisch bleibt der Tanz merkwürdig hektisch, nervös, kindisch (mit Purzelbäumen) oder gewollt komisch (Jörg Weinöhls „Marsch“ im Kreis). Ungelenk mischen sich Episoden aus dem Leben der Familie Schumann mit „Hausfreund“ Johannes Brahms in mehrfacher Besetzung von Robert, Clara und Brahms mit den Kindern (neckisch kostümierte Eleven der Ballettschule). Schläpfers erste Annäherung an ein Handlungsballett überzeugt leider nicht. www.ballettamrhein.de

Veröffentlicht am 21.02.2011, von Marieluise Jeitschko in Kritiken 2010/2011

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Kommentare zu "Holländische Meister triumphieren am Rhein"



    • Kommentar am 23.02.2011 08:56 von Angela Reinhardt
      Eva-Elisabeth Fischer in der Süddeutschen Zeitung vom 21. Februar 2011 „Diesmal hat sich Martin Schläpfer verhoben. Der Chef des Balletts am Rhein und allenthalben gelobte Choreograph hat aus Schumanns dritter Symphonie, der Rheinischen, gewiss unabsichtlich, in der Düsseldorfer Oper ein Karnevalsballett gemacht. Schläpfer wollte das Burleske und schuf das Lächerliche. Sein Duell um eine schlaffe Frau in vier Männerarmen - gemeint sind wohl Schumann und Brahms, kämpfend um Clara - beginnt als großes Maulaufreißen und endet mit einem Schachmatt für Zweiteren.“ Dieser Artikel ist online nur gegen Gebühr erhältlich: www.sueddeutsche.de Wiebke Hüster in der FAZ vom 21. Februar 2011 „Die Uraufführung "Frozen Echo" der langjährigen Forsythe-Tänzerin Regina van Berkel, stattfindend unter einer riesenhaften hängenden Wirbelsäule aus Computermonitoren, war ein ins Mädchenhafte, Seidenglatte gewendeter Forsythe mit schicken Kostümen, strukturell langweilig, manieristisch in den Bewegungen, gespreizt, ein Püppi-Ballett. Schläpfer hat das Risiko getragen und verloren, vorwerfen kann man ihm das nicht.“ Dieser Artikel ist online nur gegen Gebühr erhältlich: www.faz.net

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