„Jewels“ von George Balanchine. Tanz: Ensemble

Echte Liebhaber-Stücke

Wiederaufnahme von George Balanchines „Jewels“ am Wiener Staatsballett

Und wieder brilliert Chefin Alessandra Ferri mit ihrer neuen Tänzer*innengarde, allen voran der Stilist Alessandro Frola.

Wien, 31/01/2026

Als wäre es ein Besuch beim Juwelier, so funkelt dem schnöden Betrachter von George Balanchines „Juwelen“-Dreiteiler (1967) getanzte „High Jewellery“ entgegen. Höchste, eleganteste Prachtentfaltung besonders bearbeiteter Steine, pardon natürlich besonders sorgfältig angeleiteter Tänzer*innen. Diana White und Nanette Glushak haben im Sinne des Balanchine-Trusts die veritablen Liebhaber-Stücke „Emeralds“, „Rubies“ und Diamonds“, die Direktor Manuel Legris 2019 in den Wiener Repertoire- Schaukasten stellte, frisch aufpoliert. Paul Connelly steht verantwortungs- und geschichtsbewusst am Pult des Staatsopernorchesters.

Wie das so ist mit älteren Schatullen, die Dekorationen von Peter Harvey sind für Balanchines verbürgt guten Geschmack aus heutiger Sicht Kitsch. Doch das, was vor diesen Vorhängen und Klunker-Gehängen an choreografischer Erfindungsgabe durch die feine Einstudierung aufblitzt, erzählt von der Bewusstheit des George Balanchine um fortlaufende, der Zeit immer wieder neu entsprechende Tradition. Ein subtiler Spaziergang mit Olga Esina auf Zehenspitzen, begleitet von Victor Caixeta, über eine Waldlichtung zu impressionistischen Klängen von Gabriel Fauré beschwört in „Emeralds“ französische Romantik herauf. Delikate Armführungen und Handgesten, die in einem seltenen Variantenreichtum den gesamten Abend bestimmen, ergänzen die wie selbstverständlich zum Leuchten gebrachte klassische Tanztechnik. Ioanna Avraam und Kentaro Mitsumori eröffnen mit smarter Erhobenheit, Gaia Fredianelli, Phoebe Liggins und Giorgio Fourés sorgen für gewitzte Kontrapunkte. 

Das Capriccio für Klavier (Anna Malikova als Gast) und Orchester von Arbeits-Partner Igor Strawinski nutzte der gebürtige Georgier Balanchine für „Rubies“, von der damals prominenten Kostümdesignerin Karinska eigenwillig eingekleidet. Seine in den USA zur Vollendung gelangte Auffassung einer sportiven, rasanten mit Vorwärts-Hüftverschiebungen garnierten Neoklassik befeuert zentral den Abend. Margarita Fernandes und António Casalinho, von der Statur eigentlich keine Balanchine-Tänzer, wirbeln mit einer Direktheit über die Bühne, die das Publikum mitreißt. Doch dann ist da noch Milda Luckuté als hohe Solodame, die scharf-zackige Ecken wirkungsvoll produziert.

Wie sorgsam inszenierte, imperiale russische Klassik à la Marius Petipa krönen die „Diamonds“ die „Haute Joaillerie“ des Mister Balanchine. Piotr I. Tschaikowskis zweiter bis fünfter Satz aus seiner 3. Symphonie, der „polnischen“, gibt Raum für die angekündigte Prachtentfaltung mit großem Ensemble im klassischen Kostüm. Den Höhepunkt erreicht denn auch das Paar Laura Fernandez Gromova und Alessandro Frola. Die Balanchine‘sche Tanz-Hommage an zaristisches Schaugepränge erhält durch die Kultiviertheit und Besonnenheit des „kompletten“, weil auch vielseitigen Künstlers Frola noch einmal eine besondere Note: Ein umsichtiger Partner der zarten, herausgeforderten Gromova, ein Solist mit einem musikalisch-physischen und stilistischen Artikulierungsvermögen, das man selten sieht. In diesem Part jedenfalls von edler Anmut und stiller Größe.

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