Dreier-Spitze für Ballett Dortmund
Jaš Otrin, Annabelle Lopez Ochoa und Edward Clug wollen junge Talente in Kompetenz-Zentren fördern
„Tradition der Zukunft“ der Juniorcompagnie des Ballet de L’Opéra de Paris an der Oper Bonn
Geschwind, klar und rhythmisch pointiert präsentieren sich die Tänzer*innen des Junior Ballett zu den ersten Klaviertönen in Allegro Brilliante zu Tschaikovskys „Piano Concerto No. 3“. George Balanchine beschrieb sein Werk als ein Maximum an choreografischer Entwicklung in einem eher begrenzten Zeit- und Raumgebiet. Fünf Tänzer*innen und fünf Tänzer zeigen von der ersten Bewegung an: Heute ist dieser Abend ihre Zeit und ihr Raum.
Seit 2024 existiert das Junior Ballett als Programm des Ballet de L’Opéra de Paris, unter der Leitung von José Martinez, Direktor des Ballet de l’Opéra national de Paris seit 2022. 24 Tänzer*innen im Alter von 18 bis 23 Jahren kommen an der Schnittstelle zwischen Ausbildung und Ensemblepraxis zusammen, im Training, als Teil des Corps de Ballet und für ihre Tournee. Die Compagnie ermöglicht den Tänzer*innen eine frühzeitig Bühnenerfahrung auf professionellem Niveau und dem Pariser Ballett erste Schritte einer Diversifizierung der Ausbildungshintergründe ihm Rahmen der Präservierung des 300-jährigen Erbes.
Der blaue Akt
In Allegro Brilliante spreizen die Tänzer*innen subtil mit einem sanften Nachgeben im Handgelenk à la Balanchine ihre Fühler aus und die mit Steinen besetzten, pastellfarben Trikots begleiten funkelnd die dynamischen Schritte der Tänzer*innen. Als Solistin überzeugt Angélique Brosse besonders brillant und meistert das komplexe Schrittvokabular, als würden ihre Füße die schnelle Klaviermelodie des Concertos schreiben. Zu Maurice Béjarts „Cantate 51“ geben sich die Tänzer*innen einer Transzendenz von Raum und Zeit hin, gefüllt von Johann Sebastians Kirchenkantate „Jauchzet Gott in allen Landen“. Zwei Solist*innen im Dialog unterstreichen das religiöse Sehnen und halten inne mit sich zu Ornamenten ergänzenden Armen und Beinen, gerahmt von zwei Solist*innen. Alle ganz in weiß gekleidet.
Die Oper Bonn betitelt den Abend mit „Tradition der Zukunft“. Die Franzosen nennen es schlicht „hors-les-murs“, also Programm außer Haus. Im ersten Teil des Abends scheint das Junior Ballett lediglich Sprachrohr des Balletts des 20. Jahrhunderts zu sein, und die traditionsverbundene präzise Linienführung des Pariser Opernballettes zu unterstreichen.
Es ist, als würde José Martinez mit diesem Abend das Publikum herausfordern wollen. Bei Balanchine und Béjart verleiht technische Perfektion den Ballerinen auf Spitze eine Schwerelosigkeit. Diese wird von den Tänzern aufgenommen und sanft gen Himmel gehoben, bevor sie ihrerseits in fulminanten Sprüngen und Drehungen fortgesetzt wird. Martinez versucht erst gar nicht, mit der klassischen Technik zu brechen, sondern spielt mit ihr.
Rote Rosen, rote Röcke
Mit Rose vor dem Mund eröffnet Shani Obadia in „Requiem for a Rose“ von Anabelle López Ochoa den zweiten Teil des Abends. Kein strahlendes Lächeln ins Publikum, kein Pariser épaulement. Mit zielgerichtetem Blick streckt sie sich elegant nach oben und krümmt sich, so dass ihre langen Haare ihr Gesicht und die leuchtende Rose verschwinden lassen. Sie ist der Herzschlag des Stückes. Begleitet wird ihr Puls von 12 Rosen, getanzt von 12 Tänzer*innen in schimmernden dunkelroten Röcken (Kostüme: Tatyana van Walsum).
Die Körper und Bewegungen erzählen zu der Musik von Franz Schubert von Vergänglichkeit und Leere, von Romantik, wenn sie nicht zur Liebe wird, und erweitern mit kraftvoller Zärtlichkeit das klassische Vokabular, wenn die zwölf Rosen im Ein- und Ausfalten ihrer Arme und Beine in- und umeinander agieren. „Requiem for a Rose“ zeigt Ochoas Liebe zum Detail der Bewegungen, die Liebe zur Liebe und die Liebe zum Tanz der Tänzer*innen sich von jeder Bewegung tief erfüllt zeigen.
Auf die Spitze getrieben
Als zweite zeitgenössische Perspektive scheint Josés Martinez erste Kreation nach seiner Bühnenkarriere „Mi Favorita“. Oder doch nicht? Der Vorhang hebt sich nicht mal ein Viertel. Auf rosa Spitzenschuhen trippeln weiße Strumpfhosen, am vorderen Bühnenrand stolzieren gelbe Schuhe, die Beine lasziv ausgestreckt in einer roten Strumpfhose, direkt aus der Garderobe des Gründers der Pariser Oper Louis XIV.?
„Mi Favorita“ scheint Ode an und Parodie des Balletts zugleich. Ein Kräftemessen der Tänzer in hohen Sprüngen und schnellen Drehungen fordert mit kokettem herausforderndem Blick das Publikum auf zu klatschen und zitiert Bewegungen zwischen Don Quixote und Romeo. So auch bei den Tänzerinnen in verschieden langen Tutus die jede Bewegung mit einem aufgesetzten Lächeln verzieren. Zwischen Zu- und Abneigung bewegen sich die Tänzer*innen untereinander und auch das Publikum: immer wieder scheint es in den klassischen Sequenzen, die perfekt vollführt werden, zu schwelgen, bis diese mit frechem Blickwechsel auf der Bühne gebrochen und im Saal gelacht und geklatscht wird. Die roten Kostüme, vor blauem Bühnenlicht schließen mit einer Kaskade der klassischen Verbeugungsposen, die einen humorvolle Schussapplaus und standing ovations verdient erhalten und das Publikum lachend den Saal verlässt.
Die clevere Collage aus Facetten des klassischen Ballettes zeigt die Präzision der Schritte von Martinez an der Spitze der Institution auf ihrem Weg der Öffnung bzw. Offenheit für neue Perspektiven. So wird Tradition mit in die Zukunft getragen, aber vorsichtig redigiert: Tradition der Zukunft.
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