Plädoyer gegen Rassismus im Tanz
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Saisonauftakt-Premiere des Bayerischen Staatsballett: „Waves and Circles“
Was haben wir momentan für Alleskönner in München! Solistisch, in Paaren oder als Gruppe sind es die Tänzerinnen und Tänzer des Bayerischen Staatsballetts, die mit ihrer bis in die Fingerspitzen beredten Expressivität das Publikum wie selbstverständlich auch über manch Krudes hinwegtragen. Diese Qualität wunderbarer Leichtigkeit, egal in welchem Stil mit den Zuschauer*innen zu kommunizieren, zeichnet das Bayerische Staatsballett gerade bei der aktuellen Spielzeit-Premiere unter der Überschrift „Waves and Circles“ aus.
Insgesamt wird ein Bogen von der Klassik in eine performative Tanzgegenwart gespannt, die den Schmusekurs mit dem Ballett nicht scheut. Das ergibt Sinn – auch wenn der Thrill von schlichtweg Sensationellem ausbleibt. Der zweistündige Abend schaukelt sich seinem Motto entsprechend zu einem klaren Höhepunkt auf – in energetisch immer neuen Schüben aus Körperwellen und Kreisstrukturen: programmatisch hübsch unrund wie ein Ei. Als das sprichwörtlich „Gelbe vom Ei“ entpuppen sich an diesem Abend nicht in erster Linie die drei unterschiedlichen Choreografien. Es sind vielmehr die darin eingesetzten Tänzerinnen und Tänzer, die sich mit technischer Bravour und persönlichkeitsstarken Interpretationen ins Gedächtnis der Zuschauer graben.
Zeitgenössisches Gewicht
Allerorts stets ein Erfolgsgarant wurden die beiden Großmeister William Forsythe (*1949) und Maurice Béjart (1927-2007) mit jeweils einem signifikanten Werk ins Repertoire zurückgeholt. Zeitgenössisches Gewicht verleiht dem Dreiteiler sein Mix aus Altbewährtem und einer Uraufführung. Dass letztere mit Emma Portner eine 31-jährige Frau verantwortet, sollte eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein, stieß im Vorfeld aber auf erstaunliches Medieninteresse.
Auf Portners Engagement hat Ballettdirektor Laurent Hilaire zweieinhalb Jahre hingearbeitet. Mit „Megahertz“ konnte die Kanadierin nun in München ihre erste Kreation für eine deutsche Tanzkompanie präsentieren. Damit ist Hilaire in seiner Zielsetzung, hierzulande noch unbekannte Tanzschaffende ans Bayerische Staatsballett zu binden, einen guten Schritt weitergekommen. Getanzt wird bei Portner zu einem orchestralen Klangteppich aus Streichern, Bläsern, Vibraphon und Elektronik. Der Clou von Paddy McAloons 22-minütigem Musikstück „I Trawl The Megahertz“, das Emma Portner gleich eines inhaltlichen Leitfadens für ihre Uraufführung verwendet, ist die weibliche Erzählerstimme. Auf der Nationaltheaterbühne gibt ihr Carollina Bastos einen Körper.
Unter tiefhängenden Scheinwerfern werden im Zusammenspiel mit sechs weiteren Interpret*innen nach und nach Momente aus dem Leben einer Frau greifbar, die traumwandlerisch wie in einem Film auf der Suche nach Erinnerungen zu sein scheint. Sie begegnet Fremden (Jakob Feyferlik) alias Geliebten (Severin Brunhuber, Osiel Gouneo), ihrer Vergangenheit und Sehnsüchten (Ana Goncalves, Marina Mata Gómez). Und dann ist da noch Soren Sakadales in einem weißem Schmetterlingskostüm à la Loïe Fuller mit weißen Schwingen an langen Stöcken, die gegen Ende bildmächtig und Ikarus vergleichbar vom Bühnenhimmel zur Erde fallen.
Was die sieben – von Eric Chad in eine überwältigende Lichtregie getaucht –zusammenschweißt, bleibt ein Geheimnis. Portners introvertiert-surreale Handlung, deren kleinteilige Nebenstränge manchmal im Hintergrund bloß schemenhaft zu erahnen sind, hat das Potential zu berühren. Inwieweit die junge Choreografin, deren Anfänge im Pop, bei Musikvideos, Clips und Musicals liegen, künftig die Repertoire-Gestaltung großer klassischer Kompanien weiter aufmischen wird, bleibt – durchaus mit Spannung – abzuwarten.
Handwerkliche Verve
Vor Portners „Megahertz“ als Mittelstück war am Beginn des Abends „Blake Works I“ zu sieben Musikstücken aus dem Album „The Colour in Anything“ des englischen Singer-Songwriters James Blake zu sehen. Dessen vielschichtige Klanglandschaften hatte Forsythe nach einer langen Abnabelungspause vom Ballettgenre ursprünglich für 21 Tänzerinnen und Tänzer der Pariser Oper in seine unverwechselbar kühne, extrovertiert coole choreografische Sprache übersetzt. Das Vokabular basiert auf der französischen Danse d’école, der Forsythe hier ebenso wie Balanchines Neoklassik (hellblaue Trikots; unter den 24 Münchner Tänzer*innen trägt nur der Tänzer Robin Stona Shirt, Hose und Schuhe) seine Reverenz erweist.
Zugleich lässt sich an Brüchen, hipp geschwungenen Hüften, jazzig angewinkelten Armen und abgeknickten Handgelenken bestens nachvollziehen, mit welcher handwerklichen Verve Forsythe vor einem halben Jahrhundert den akademischen Tanz bis heute nachhaltig aus der Achse zu kippen wusste. Die tänzerische Umsetzung scheint für die Münchner Truppe ein Klacks zu sein. Merken muss man sich jedoch fortan Clark Eselgroth unter den Newcomern. Das pure Tanzerlebnis gipfelt in einem Pas de deux von Carollina Bastos und Jakob Feyferlik, die zur finalen Textzeile „How wonderful you are“ nebeneinander stehend nur mehr auf die eigenen Hände blicken.
Physisches Exerzitium
Ganz am Ende ist das Publikum nach Ravels „Boléro“ in der ikonischen Fassung von Maurice Béjart zu Recht aus dem Häuschen. Exponiert auf einem roten Tisch tanzt sich Osiel Gouneo umringt von 40 weiteren Tänzern ekstatisch in eine sehr spezifische Art von Rage. Lange bleibt er – fast zurückhaltend – ganz und gar bei sich, fokussiert sich völlig auf das Präzision erfordernde Tänzer-Sein und lächelt nur, wenn er sich neue Energie aus der maskulinen Menge um ihn herum zu holen scheint. Gouneos Interpretation dieser überaus exponierten, oft nur vordergründig erotisch aufgeladenen Solopartie wirkt wie ein physisches Exerzitium. Den kraftraubenden Exzess inszeniert er klug als quasi erlösenden Befreiungsschlag. Eine solch tiefe, ehrliche, ja wahrhaftige künstlerische Aufrichtigkeit ist wirklich selten auf der Ballettbühne.
In „Waves and Circles“ fungieren Forsythes „Blake Works I“ und Portners „Megahertz“ – obwohl inhaltlich und stilistisch völlig verschieden – als melancholische Gegenpole zu Béjarts „Bolero“. Pur rhythmisch mit einem packenden Crescendo aus Musik und einem überragenden Osiel Gouneo als personifizierter Melodie bildet dieser den krönenden Abschluss.
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