„Making of an Animal“ von Quindell Orton

Grauzonentanz mit Ansage

Quindell Ortons „Making of an Animal“ im Münchner HochX

Schlimme Geschlechter-Klischees und die Herabwürdigung ganzer Menschengruppen bedienen sich verbal bei allem, was auf der Erde so kreucht und fleucht. Aber der beim Münchner Rodeo-Festival herausgekommene Abend zeigt auch, wo die körperlichen Grenzen zwischen Mensch und Tier zerfließen.

München, 10/10/2026

Ob Schlange, Affe oder Wurm: Wenn Menschen mit Tiernamen bezeichnet werden, schwingt immer eine Bewertung mit. Der Platzhirsch etwa ist ein toller Hecht und natürlich männlich. Das Kätzchen dagegen wird auch ohne Diminutiv als anschmiegsam empfunden. Das Weibchen-Klischee ist da nicht fern. Und von frauenverachtenden Klassifikationen wie der „läufigen Hündin“ und testosterontriefenden Usernamen wie „Badbadwolf“ wollen wir erst gar nicht sprechen. 

In „Making of an Animal“ nimmt die Tänzerin und Choreografin Quindell Orton die Abwertungen, die mit begrifflichen Animalisierungen verbunden sind, unter die Lupe. Und das Verhältnis des Menschen zum Tier generell. Damit schließt sie an ihr erfolgreiches choreografisches Debüt „Making of a man“ an, ein Solo, das die körperlichen, psychologischen und sozialen Mechanismen vorführte, die in Summe das konstruieren, was wir als „männlich“ begreifen. Wo es in der so klugen wie humorvollen Lecture Performance um eine Systematik ging, geht es jetzt um die Grauzonen, in denen die Existenzformen „human“ und „animal“  zu einer Art „humanimal“ verschwimmen. 

Falsches Lächeln einer Verkaufs-Show

Der knapp einstündige Abend, der im Rahmen des Münchner Freie Szene-Festivals Rodeo seine Uraufführung feierte, beginnt wie eine Verkaufs-Show. Mit telegen abgefälschtem Lächeln entern Quindell Orton, Cola Ho und Amie Jammeh die Bühne des HochX und präsentieren: einen flachen weißen Bauch, „für filigrane Arbeiten geeignete“ Hände oder ein „herrlich pigmentiertes“ Gesicht. Die Kaufargumente, die die drei den Zuschauer*innen um die Ohren hauen, sind vielfältig. Nützlichkeitsaspekte stehen neben „Geiz ist geil-Schnäppchen“ und sexistischen, rassistischen und ableistischen Attributen wie „kindliche Statur“ oder Gebärfähigkeit, „gelblicher Teint“ und körperlicher Unversehrtheit. Ja sind wir denn hier auf dem Vieh-, Fleisch- oder gar Sklavenmarkt?

Unbehagliche Fragen wie diese evoziert der Abend immer wieder. In der Folge werden dafür aber meistens weniger Worte benötigt. Drei unterschiedliche Frauen- und Tänzerinnen-Typen genießen in den Kostümen von Anne-Marina Fidler volle Bewegungsfreiheit. Mit schuppenartigen Rissen im Stoff, die auch als Fell gelesen werden können und einer Art Exoskelett am Rücken, das an Reptilien, Schalentiere oder manche Insekten erinnert, bleiben sie abstrakt genug für die unterschiedlichsten Anverwandlungen an die Tierwelt. Längere mimetische Strecken wie die, in der die drei wie Menschenaffen über die Bühne federn, bleiben in der Minderheit. Interessant wird‘s, wenn die anderen das Tier spielen und einen Hund entstehen lassen, indem sie den Körper der Partnerin auf diese ruppige Herrchen-Art rubbeln und klapsen. 

Gerade da, wo die Szenen kippen, gelingen Orton und ihren feinen Mittänzerinnen einige Preziosen. Auslöser sind oft Ansagen wie „Platz!“, „Brav!“ oder – plötzlich harsch – „Untenbleiben!“. Die eben noch lustig wuselnden „Hunde“ werfen sich hart auf den Boden, und die in den Kommandos mitschwingende Praxis des Kleinhaltens wird sichtbar. Und die dünne Grenze, die Lob von Herablassung und Disziplin von Unterwerfung trennt. Mensch oder Tier? Diese Frage ist plötzlich nicht mehr wichtig. 

Pan-organisches Getöse

Viel von dieser Grauzonen-Arbeit übernimmt der Tanz. Ein gestrecktes Bein vibriert in sexueller Ekstase oder wie kurz vor dem Markierungen-Setzen. Und sind das gerade „Jazz Hands“ oder putzige Katzenpfötchen? Aber auch die Mimik spielt mit, die etliche Stufen zwischen Lächeln und Zähnefletschen durchläuft. Aber für die Kontextualisierung braucht es doch oft wieder Worte. Plötzlich ist etwa von „Blutegeln“ und „widerlichen Kakerlaken“ die Rede, die im Namen der „Zivilisation“ dahin verschwinden sollen, wo sie hergekommen sind. Und man schaut prompt mit anderen Augen auf das Geschehen.

In einigen ausufernd verspielten Szenen vermisst man das Analytische in „Making of a man“. An anderer Stelle sind die Kontextualisierungshilfen überdeutlich oder unnötig. Dass es gerade um hündisches Verhalten geht, hätte man beispielsweise auch begriffen, ohne dass jemand eine Tasse mit bunten Hundebildern vor die Kamera schiebt, die neben zwei Kunstgrasinseln auf der Bühne steht (Szenografie: Sahra Huby). Auf die kleinere dieser Inseln zieht sich immer eine der drei zurück, um mit allerlei Gegenständen, Folien, Ketten und dem eigenen Körper knisternde und schmatzende Geräusche zu erzeugen, die den rhythmischen Soundtrack von Anna-Maria Rammou zu einem pan-organischen Getöse anreichern. 

Am überzeugendsten aber gerät der Abend in den ganz stillen Szenen, in denen Orton, Ho und Jammeh in aller Ruhe einzelne Körperteile so nah vor der Kameralinse platzieren, dass sie abstrakt und fremd wirken: Ein rollendes Auge, ein von unten aufgenommenes glattes Kinn, über dem eine schneckenartige Zunge erscheint. Das wirkt eigenartig pornografisch, ohne dass es dafür Nacktheit oder explizite Gesten bräuchte. Auf eine humanimalische Weise.

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