Der Widerspenstigen Zähmung
Umjubelter Einstand von Münsters neuer Tanzchefin Lillian Stillwell mit ihrem Stück „Furien“
Lillian Stillwell begeistert mit „Die Schwäne“ als feministischem „Schwanensee“
Zitate aus dem Off aus Ingeborg Bachmanns Erzählung „Udine geht“ aus dem Jahr 1961 und manche Kostüme verorten das Stück in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Den Anspruch zeitloser Aktualität erhebt der feministische Blick des Librettos von Claus Spahn auf eine Frau, die Liebe sucht.
Im Zentrum dieser Geschichte steht Odette, beeindruckend getanzt von Melina Solkidou. Odette ist eine Frau, vielleicht die Frau schlechthin, die nur ihrer Sehnsucht zu lieben folgt und daran laut Programmheft in der „Welt, die sich die Männer geschaffen haben“, scheitert. Sie begegnet auf ihrem Weg drei Männern, dreimal Siegfried, die sie lieben will, und die sie alle durch Akte der Lieblosigkeit enttäuschen.
Stillwell verbindet in „Die Schwäne“ Bewegungen des klassischen Balletts mit Elementen des modernen Tanztheaters und pantomimisch erzählenden Passagen. Es gibt hinreißende Soli, Duette voller Innigkeit und auch Gewalt und kraftvolle Ensembles. Die in Fülle vorhandenen Pirouetten, raumgreifende Sprünge, elegante Hebefiguren sowie Spitzentanz, Linien- und Kreisfiguren sind immer gebrochen durch geerdeten Ausdruckstanz. So stürzt Odette aus einem Sprung auf den Boden oder entledigt sich als Ausdruck der Verweigerung ihrer Spitzenschuhe, die sie dem aufdringlichen Hauptschwan, getanzt von Wendel Lima de Alcantara, vor die Füße knallt. Und der Kreis, den die Schwäne um Odette bilden, öffnet und schließt sich nicht harmonisch, sondern unter aggressivem Zischen; Odette kommt bei ihrer Sehnsucht nach menschlicher Liebe, letztlich nach Menschlichkeit, auch bei den Schwänen nicht an.
Tutus mit Hosenträgern
Die Schwäne in ihren angedeuteten Tutus mit Hosenträgern sind deutlich individualisiert und bilden nicht mehr kollektiv eine weiße heile Gegenwelt. Nur vereinzelt zeigen sie die Pose des Glättens ihres Gefieders oder das Formen des Schwanenhalses bei geöffnetem Schnabel. Wenn die vier kleinen Schwäne, getanzt von Hana Kato, Enrique Sáez Martinez,Valerie Yeo und Naho Takeda, sich überkreuz an den Händen haltend, zierlich den ikonischen Pas de Quatre des zweiten Aktes tanzen, wirkt das wie eine augenzwinkernde Referenz an die klassischen Vorläufer.
Die Musik orientiert sich an der ursprünglichen Fassung von Pjotr I. Tschaikowsky. Sie trägt, gekürzt und umgruppiert, bruchlos auch die Geschichte des Librettos von Claus Spahn, in der Odette im rebellisch roten Kleid aus der Enge einer sprachlosen Paarbeziehung ausbricht, nachdem ihr Mann sie mit Odile – getanzt von Valerie Yeo – betrogen hat. In der sie sich schließlich ganz einer kleinbürgerlichen Welt verweigert, die sich besitzergreifende, grobe Männer in von Hosenträgern gehaltenen Hosen, gestrickten Pullundern und Krawatten (Kostüme: Uta Meenen) geschaffen haben.
Offenes Ende
Im letzten Bild trifft Odette noch einmal ihre drei Siegfriede. Zwei von ihnen küsst sie mit ihrem Todeskuss, dass sie sterbend zu Boden sinken. Dann küsst sie den letzten von ihnen und geht mit ihm in das auch ins Publikum gleißende Licht einer die ganze Breite der Bühne einnehmenden Scheinwerferbatterie. Ob sie dem gemeinsamen Tod oder dem noch zu findenden menschlichen Leben entgegengehen, bleibt offen.
Lillian Stillwells „Die Schwäne“ sind voll beeindruckenden, musikalisch genau choreografierten Tanzes, den das Sinfonieorchester Münster unter Henning Ehlert einfühlsam begleitet. Allen an der Aufführung Beteiligten galten nach kurzen eindreiviertel Stunden die langanhaltenden Standing Ovations des Premierenpublikums, vor allem aber den begeisternd tanzenden Solistinnen und Solisten vom Ensemble wie auch dem Tanz Münster Studio.
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