„La Mer“ von Nanine Linning, Tanz: Barbara Hannigan und Ensemble

Sirenengesänge der Venus

„La Mer“ von Nanine Linning mit dem Scapino Ballet Rotterdam

Sirenen locken ins Dunkel, und eine Venus erstrahlt ohne jeden Hauch von Melancholie. Ein faszinierendes Wechselspiel aus Schönheit und Bedrohung, das die fragile Welt der Meere in eindringliche Bilder übersetzt.

Rotterdam, 11/10/2026

Das Licht wird so hell, dass die Körper auf der Bühne gesichtslos werden, bis nur Konturen und Pose übrigbleiben. Der Arm vor der Brust abgewinkelt, das angestellte Bein und die zur Seite geschobene Hüfte: Botticellis Venus. Allerdings, in einer ganz eigenen Version. Sinnlich, ja. Stark. Aber ohne jeden Hauch von Melancholie.

„La Mer“ heißt sie, die dritte Arbeit von Nanine Linning in ihrer Funktion als künstlerische Leiterin des Scapino Ballet Rotterdam. Die Premiere im Nieuwe Luxor Theater unterstreicht die Neuausrichtung der traditionsreichen Kompanie und führt konsequent weiter, wofür Linning bekannt ist: Inszenierungen, die Spartengrenzen aushebeln und durch enge Kollaboration mit Künstler*innen aus Musik, Mode und Visual Arts zu vielschichtigen Inszenierungen werden. 

Kontraste als Ausgangspunkt

Titelgebend ist das Orchesterwerk von Debussy, das vom Philharmonischen Orchester Rotterdam gespielt und dem Lauren Collegium gesungen wird. Als Kontrapunkt: zeitgenössische Musik von Yannis Kyriakides, die teils disruptiv und bedrohlich den alarmierenden Zustand der Meere ins Bewusstsein rückt. Ein Thema, mit dem Linning die weltweit gefeierte Barbara Hannigan für eine ganz besondere Art der Kollaboration gewinnen konnte: Wie bereits in anderen Produktionen dirigiert und singt sie hier nicht nur – wechselt mehrmals vom Orchestergraben auf die Bühne und zurück – sie tanzt auch mit dem 20-köpfigen Ensemble. Ihre Präsenz ist bestechend: Wenn Hannigan sich fallen lässt und Hebungen einfordert mit dem Selbstverständnis einer Meeresgöttin aus der griechischen Mythologie, muss sie kaum etwas (Sichtbares) tun. Allein ihre glasklare Stimme und ihre ausdrucksstarken Hand- und Armbewegungen lassen alle Blicke zu ihr wandern, wenn sie, gehoben von den Tänzer*innen, wie schwerelos durch den Bühnenraum zu schwimmen scheint.

Diese sprechenden Hände und Arme, fließend-weich bis kraftvoll-expressiv, sind typisch für Linnings Bewegungssprache; darauf beschränken lässt sie sich nicht: Zu Beginn ist die schwarze Bühnenfläche übersät mit liegenden Körpern in schwarzen Ganzkörperanzügen. Wie an Land gespülte Fische mit ölverklebten Kiemen zucken und bäumen sich die Tänzer*innen in einer feinteilig gearbeiteten Choreografie auf. Wirbellos und fluide, zugleich seltsam schwer ohne den gewohnten Auftrieb des Wassers, erliegen sie schließlich der Schwerkraft. 

Am anderen Ende des Spektrums steht dagegen ein neoklassisch anmutendes Pas de Deux. Hier blitzt Debussys romantisierender Blick auf das Meer vom sicheren Ufer aus auf. Auch für das Publikum ein Moment zum Durchatmen. Zum Genießen der Schönheit. Genau wie eine Ensembleszene, in der die Tänzer*innen in grün-bläulich irisierende Kostüme (Yuima Nakazato) gehüllt sind, die sie wie Wasserstrudel umgeben und einer faszinierenden Eigendynamik zu folgen scheinen. 

Soghafte Schönheit

Dass die Schönheit trügerisch ist und den menschengemachten, bedrohlichen Zustand des Meeres nicht erkennen lässt, wird in anderen Szenen umso deutlicher. Ein wiederkehrendes Motiv sind die Sirenen, die in variierenden Gestalten auftauchen. Mal am Platz nur mit den Armen lockend, mal ausschwärmend, mal fast verschwindend in den optisch weiten Tiefen der Projektionen (Heleen Blanken). Wann immer sich jemand verführen lässt und in ihren Sog gerät, verlieren die gerade noch runden, kraftvollen Bewegungen ihren Fluss und werden zu einem krampfhaften Sich-Ausbreiten im aussichtslosen Versuch nicht verschlungen zu werden. 

Verschlungen – von der Dunkelheit – bleibt an anderer Stelle alles, was dem Licht nicht hinterhereilt. Ein Scheinwerfer pendelt von der einen zur anderen Bühnenseite, der Lichtkegel streift ein Wirrwarr aus Körperteilen, chaotisch ineinander verschlungen. Aufgeschreckt durch den Schein flüchten einige Wesen ins Dunkel, andere folgen ihm wie gebannt. Ein beklemmendes Bild dafür, dass wir Menschen immer weiter vordringen, die fragile Balance stören und in Systeme eingreifen, ohne die Folgen zu verstehen, die längst auch uns selbst treffen.

Das finale Bild der wie von innen leuchtenden Venus-Figuren erinnert daran, welchen Schatz und welche Kraft es zu schützen gilt. Es verharrt in einem Moment der Ruhe, bevor das Licht ausgeht. Eine Reduktion, die dem Tsunami an Eindrücken der vorangegangenen 75 Minuten auch an anderer Stelle schon gutgetan hätte. Denn, so delikat eingesetzt bietet es den Raum, den manche Bilder, den dieses Bild braucht: Es bleibt es vor dem inneren Auge stehen, als der Vorhang fällt und der Applaus einsetzt, nein: aufbrandet. Und dann lange nicht verebbt.

 

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