„Parts and Pieces“ von Kinsun Chan, Tanz: Ensemble und Christian Bauch (m.)

Wer will schon ein Gesamtkunstwerk?

Kinsun Chans „Parts and Pieces“ mit dem Ballett der Semperoper Dresden

Es geht um Teile, es geht um Fragmente, doch schafft Kinsun Chan, diese Einzelteile zu einem funktionierenden Abend zusammenzuschrauben?

Dresden, 09/05/2026

Dunkle Schatten spannen sich hinter Christian Bauch auf, der im weißen Hemd, auf dem ein riesiger schwarzer Tintenklecks thront, der Protagonist des Abends ist. Die Schatten sind Tänzer*innen, die in einer aus dem Kabuki-Theater entlehnten Ästhetik in einer Art schwarzen Ganzkörpermaske die anderen Tanzenden oder Objekte wie von unsichtbaren Kräften bewegen. So schwebt auch Bauch durch den Raum, wird getragen und getrieben in einer eindrucksvollen Gruppenchoreografie von angedeuteter mystischer Tiefe.

Der Rückgriff auf japanische Stilelemente ist sicherlich kein Zufall bei Kinsun Chans „Parts and Pieces“ mit dem Semperoperballett, der jetzt im Kleinen Haus des Staatsschauspiel Dresdens zur Uraufführung kam. Der Abend ist inspiriert von der japanischen Kulturtechnik des Kintsugi, bei der zerbrochenes Altes wieder zusammengefügt wird und die Bruchlinien durch Goldstaub als neue ästhetische Aussage kenntlich gemacht werden.

Im Bühnenbild findet sich dieses Abstraktum in Form von großen schiebbaren Paneelen wieder, die in der richtigen Reihenfolge eben eine solche Goldlinie ergeben, meist aber neu kombiniert durch die Gegend geschoben werden und gleich zum Start eindrucksvoll wie eine Reihe Dominosteine zusammen fallen. Im Laufe des Abend bauen die Tanzenden immer wieder neue Konstellationen. Mal werden sie als Dach wie bei einem Fries zusammengebaut, an anderer Stelle räkeln sich vier Tanzende auf den unsichtbar gehaltenen Platten und scheinbar permanent gleiten sie über die Bühne – eine Choreografie der Objekte, der Parts, der Pieces.

Elektronische Musik versus Klavier

Doch nicht nur der Tanz läuft hier mit der Wand, auch musikalisch clasht es ordentlich. Pianist Gianmarco Bughetti sitzt live am Bühnenrand und spielt munter Bach, Debussy, Schubert und andere und liefert den punktgenauen Soundtrack, doch dazwischen kommen elektronische Tracks zum Einsatz, die ganz andere atmosphärische Räume mit waberndem Sound und Effekten wie Echolot oder hubschrauberartigen Kandenzen aufmachen. Meist funktioniert das im Wechsel, viel zu selten probieren beide Musiken einen wirklichen Dialog, dabei hätte ein elektrogestütztes Klavier sicher seinen Charme. 

Zudem schwingt sich Mira Speyer in neue Höhen auf. Gleich zur Eröffnung singt sie zur Klavierbegleitung „When I died, Love“ von Malakoff Kowalski, und in der Mitte des Stücks – quasi als Zwischenfinale – wird sie barbusig, markiert mit einem schwarzen Kleks, in der Spitze eines lebendigen Frieses getragen und singt erneut. Wieder haben sich die Tanzenden hier in Schatten verwandelt, während sie zwischendrin sich auch mal in Weiß oder Gold gewandet über die Bühne bewegen. 16 Bewegungsmuster will Khan hier herausarbeiten und diese stehen zwischen den großen Gruppenszenen, mal solistisch, mal als Duett oder sogar größer angelegt. Das führt dazu, dass dem Abend gegen Ende dramaturgisch ein wenig die Puste ausgeht, zumal die Nummern auch sehr unterschiedlich in ihrer Wirksamkeit sind.

Stark hingegen sind durchgehend die Gruppenszenen, in denen auch mal auf einem herumgetragenen Tisch getanzt wird, detaillierte Shockwellen durch die gemeinschaftsbildenden Körper gejagt werden oder der Protagnist in einem Wimpernschlag vom maximalen Helden zum größten Verlierer wird. Christian Bauch tanzt einen mal euphorischen, mal verzweifelten Kampf mit dem Material, mit Erinnerungen und mit Zuständen, die in Form seiner Mittanzenden immer wieder auf ihn einprasseln. Am Ende dann die große Apotheose, wenn alle ganz befreit zur Schlusschoreografie in den verschiedenen Kostümen der Inszenierung zwischen den auseinanderstehenden Mauerteilen noch einmal aufdrehen dürfen, bevor der rote Vorhang fällt. Das Fragment hat sich gegenüber dem formvollendeten Gesamtwerk durchgesetzt. Ein Triumph der Parts und Pieces.

 

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