„The Birds“ von Lenio Kaklea

Watching them watching us

Hellerau eröffnet die Spielzeit mit Lenio Kakleas entspanntem „The Birds“

Warum gucken die denn so? Halten diese komischen „Vögel“ dem Publikum etwa einen Spiegel vor die Nase?

Dresden Hellerau, 29/08/2026

Ein Ruckeln des Kopfes, eine gefühlt unlogische Beugung des Oberkörpers nach vorn, ein auffällig offener, neugieriger Blick aus weit offenen Augen ins Publikum. Die griechische Choreografin Lenio Kaklea schickt ihre Tänzer als „Birds“ auf die Bühne und vermeidet dabei das Nächstliegende: Sie lässt, trotz aller Augenfälligkeit, niemanden wirklich Vögel imitieren. Federn gibt’s trotzdem in den Kostümen, an der Biese einer Hose entlang eine lange Reihe, ein flamboyanter Kragen, aber vor allem grotesk lange Wimpern. 

Wie zum Sonnenaufgang kriechen langsam, ganz langsam Licht und vorsichtige Sounds in den Raum, ein Solo, entspannt, ein wiederholtes Streifen des Kinns über die Schulter zum Erwachen. Das lässt sich so viel Zeit, dass ausreichend Raum entsteht, darüber nachzudenken. Da wird klar: Same procedure as last year.

Die vergangene Spielzeit hatte Hellerau mit Trajal Harrells „The Köln Concert“ eröffnet. Kein knalliger Start in die Saison, sondern ein stilles Stück menschlicher Würde. Bei Kaklea von tierischer Würde zu sprechen, läge nahe, aber ihre sieben Tänzerinnen und Tänzer bleiben menschlich, bewegen sich nur an den Rand, holen Vögel gedanklich in den Raum. Was „The Birds“ mit Harrells Stück verbindet, ist die innere Gelassenheit, die ein ungestörtes Sein ist.

Die anfänglich simplen Sounds setzen sich langsam zu einem Rhythmus zusammen, als würden nur zwei sich immer wieder abwechselnde Töne langsam eine einfache Melodie zusammenbauen. Zwischendurch winzige Glitches: Morgens will die Stimme erst mal in Ruhe in Schwung kommen. Der sich im Verlauf des Stücks immer wieder verändernde Rhythmus der Musik bestimmt die Geschwindigkeit, die Struktur des Tages. Ziehen die Beats das Tempo an, hat es fast eine 80er-Synthie-Ästhetik. 

Geborgenheit des Schwarms

Daran entlang hangelt sich alles, mehr nicht. Tag und Nacht geben die Struktur vor. Und das Publikum schaut diesen „Vögeln“ zu, wie sie ganz sie selbst sind, solange sie vereinzelt und für sich nach innen blicken. Individuelle Kostüme lassen sich als charakterliche Vielfalt lesen. In der Gruppe aber, wenn alle gemeinsam in die gleichen Bewegungen gehen, ganz ohne Drang nach Synchronizität, ist nichts individuell. Da funktionieren die unsichtbaren Regeln des Schwarms. Alles bleibt aufrecht. Es sind Positionierungen im Raum, nichts Besonderes. Einfaches Gehen, ein kleiner Sprung, eine Drehung. Und noch mal. Die Arme spielen keine Rolle, sondern balancieren den Körper nur aus. Hier will niemand abheben. Aufgehoben in der Gruppe gibt es keinen Grund, davonzufliegen. 

Und doch findet sich einer der Tänzer irgendwann in der Luft wieder. An einer Schaukel hängt er, und man fragt sich, ob das mehr ist als die bloße dritte Dimension. Teilweise schwingt dieser „Vogel“ wie tot über dem Boden, als hätte er sich irgendwo verfangen. Der Effekt ist aber vor allem eins: ästhetisch. 

Wo also liegt der „ökokritische“ Ansatz, den die Choreografin hier offiziell transportieren will? Er kommt zum Ende hin in Form einer Drohne. Mit der Technik bricht der Mensch in diese Welt. Eine Kamera, entsprechend aus der Vogelperspektive, zeigt ästhetisch verstörende Bilder. Tot am Boden liegende Wesen, eins mit drei Brillen vor dem Gesicht, als wäre es Zivilisationsmüll. Einem Tänzer läuft blaue Farbe aus dem Mund den nackten Oberkörper herab. Rhythmus gibt es da keinen mehr, die Struktur ist weg, auch das Miteinander. Das erschließt sich einfach, bleibt aber trotzdem schön und interessant, nicht etwa abschreckend oder mahnend. Desto wirkungsvoller ist das Schlussbild, in dem die Drohne ganz sanft auf der ausgestreckten Hand einer Tänzerin landet.

Das verlangt vom Publikum gar nichts. Genau so schaut man Vögeln zu, wie sie einfach sind, ganz bei sich. Es sei denn, der Mensch mischt sich ein. Dann wird es destruktiv. Zumindest hier. 

Was bleibt, sind vor allem diese Blicke ins Publikum, so auffällig besonders, dass man sich denkt: Stimmt, so schauen einen Vögel an. Aber was liegt in diesem Blick, der so anders erscheint als der menschliche? Irgendwann wird klar: In diesem offenen Blick liegt kein Urteil. Das aber ist alles andere als tierisch, sondern ein menschliches Ideal. 

 

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