„Eins vor, zwei zurück“ von Ioannis Mandafounis, Tanz: Emanuele Co’, Emanuele Piras, Jón Vallejo und Simon Voitoux Puigrenier

Diskursverschiebung

Dresden Frankfurt Dance Company mit dem Doppelabend „Byways“ im Festspielhaus Hellerau

Wer Dinge befragt, stellt sie dazu auf den Kopf. Das kann man auch mit der Balletttradition machen, wie Ioannis Mandafounis zeigt. Im zweiten Teil langweilt Rosalind Crisp zwar mit einem inhaltslosen Konzept, dafür beeindruckt Frédéric Blondy an den Tasten desto mehr.

Dresden Hellerau, 08/02/2026

Als wäre das Publikum zufällig da, ungeplant: Emanuele Co', Emanuele Piras und Simon Voitoux Puigrenier sind auf der Bühne zugange, als steckten sie mitten in der Probe. Da wird gequatscht und ausprobiert, korrigiert und kommentiert. Und mittendrin, als Stargast, so darf man das formulieren: Semperoper-Solist Jón Vallejo. Ioannis Mandafounis, so verrät Dramaturg Philipp Scholtysik im Gespräch, wollte in sein Stück „Eins vor, zwei zurück“ eine volle Ladung Ballett-Expertise einbauen und gleichzeitig die Verankerung in und mit Dresden verstärken. Dass er mit Vallejo die richtige Wahl getroffen hat, stand bereits vor der Uraufführung fest. Es würde nicht überraschen, wenn einige im Publikum extra seinetwegen nach Hellerau pilgern. Natürlich lohnt sich diese Pilgerreise absolut.

Mit seiner Company befragt Mandafounis seit mehreren Spielzeiten, was Tanz kann und will und ist. Ballett als die Tradition schlechthin schließt das ein, wenngleich man das seinen Arbeiten in der Regel nicht ansieht. Und die Diskurserweiterung fällt hier, absichtlich oder nicht, geradezu komisch aus: Jón Vallejo, der sogar noch darauf hinweist, dass er nicht gerade sehr groß ist, nimmt trotzdem ohne jede erkennbare Mühe die Bühne komplett ein und lässt mit seiner Präsenz die Kollegen neben ihm aussehen wie Schuljungen. Die gucken tatsächlich blöd aus der Wäsche, weil sie seine Gesten erst mal nicht lesen können. Großzügig erläutert der Maestro den naiven „Eleven“, wie Ballett geht. Soll heißen: Er zeigt ihnen, wie man „richtig“ und „ordentlich“ tanzt, was Reaktionen und Emotionen sind, ganz große, selbstredend. Angesichts dessen wirkt der improvisatorische Stil der Company geradezu wie auf dem Spektrum der Möglichkeiten ganz weiten nach draußen geschoben. Und genau um diese Kontrastierung geht’s.

Das Ziel dieses Stücks ist nicht in eine choreografierte Bewegungsroutine mit nachvollziehbarer Systematik oder gar Dramaturgie zu finden. Drei der Tänzer klettern ins Publikum, picken sich drei Damen aus der Menge heraus und nehmen sie mit auf die Bühne, wo sie, auf einem Stuhl platziert, ein persönliches Solo vorgetanzt bekommen. Puigrenier performt über den Schluss der Musik einer eingespielten Live-Aufnahme hinweg, quer rein in den aus den Lautsprechern rauschenden Applaus. Und Piras erzählt von seiner ersten Trainingseinheit, als er beschlossen hatte, Tänzer zu werden. „I’m living my dream“, die Pointe dessen, formuliert Puigrenier. Vallejo, wiederum, nimmt die Tänzer bei allen „Versuchen“ an die Hand, ganz wörtlich. 

So sprengt man Grenzen

Das alles sprengt Grenzen, Grenzen des Tradierten, Grenzen herkömmlichen Diskurses wie Grenzen des Tanzes. Alles durcheinander, weil alles gleichzeitig stattfindet. Das eine lässt sich vom anderen nicht lösen. Wer Dinge befragen will, stellt sie dazu auf den Kopf. So muss das sein.

Ruhe kommt in den Reflexionsprozess erst, als „Ases Tod“ aus Griegs „Peer Gynt“ zaghaft die ersten Töne in den Raum schiebt und schließlich lauter wird. Piras und Co‘ liefern sich dazu ein Duett, mit dem sie zeigen, dass sie ganz genau wissen, wie es geht. Ihr Gespür für die gemeinsame Improvisation ist hochemotional. Das hat eine beeindruckende Intensität, die wortlos auf die vorangegangenen, chaotisch wirkenden Auseinandersetzungen mit Bewegung und Balletttradition verweisen. In perfektem Timing haben sich die beiden zur Vorstellung am Samstag am Ende in einer herzerweichenden Pieta zusammengefunden.

„Seen Unseen“

Für den zweiten Teil des Abends, die Arbeit „Seen Unseen“ der Australierin Rosalind Crisp improvisieren die Tänzerinnen und Tänzer in vier Gruppen zwischen dem lose auf Bänken im Raum verteilen Publikum. Ohne Dramaturgie bleibt das auch ohne Spannung. Es bietet zwar die Gelegenheit, alle im Ensemble aus der Nähe zu erleben. Nur tun sie dabei nichts, was man von ihnen nicht schon kennen würde. Als Konzept ist das altbacken und oft gesehen, zumal der Raum an sich nicht wirklich kreativ genutzt wird. Da wird nur dafür Sorge getragen, dass alle mal an jeder Stelle auftauchen und damit von allen gesehen werden können. Immerhin scheinen einige im Ensemble auch Spaß an der ganzen Sache zu haben. 

Das einzig Spannende an diesem Stück ist Frédéric Blondy am offenen Konzertflügel, der auf viele wundersame Arten noch wundersamere Töne in den Raum zu schicken versteht. Und auf seinem Schemel ist er als Charakterkopf, sorry, der interessanteste „Tänzer“ dieses Stücks. 

 

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