„Heimatkörper“ von Sascha Paar, Tanz: Sascha Paar und Karl Reinisch

Zwei Generationen im Heu

„Heimatkörper“ von Sascha Paar im HochX München

Ein tastender Versuch der Annäherung zweier Tänzer-Generationen: Der Abend erforscht den Körper als Archiv von Erinnerungen und bleibt auf halbem Wege stecken. Das aber auf sympathische Weise.

München, 14/06/2026

Die Bühne des Münchner HochX ist über und über mit Heu bedeckt. Darin sitzen Sascha Paar und Karl Reinisch auf zwei Hockern, beschauen das Heu und lassen es durch ihre Hände rieseln. Paar hat bei Reinisch in Graz seine erste Ballettausbildung erhalten, bevor er an die Palucca Hochschule in Dresden ging und bis 2023 Ensemblemitglied am Theater Chemnitz wurde. Reinisch tanzte in den siebziger Jahren am Bayerischen Staatsballett unter John Cranko. Auch seine Ballettschule ist inzwischen geschlossen. 

In Paars Choreografie-Debüt in der Münchner freien Szene geht es um eine Alters- und Erfahrungsdifferenz von 50 Jahren. Es geht um das Nicht-Mehr-Tanzen, den Verlust und das Wiedererlangen von Sichtbarkeit und um das allerlei Veränderungen unterworfene Zuhause, das uns der eigene Körper ist. Vor allem denen unter uns, für die der Körper einmal das Arbeitsfundament dargestellt hat.

„Heimatkörper“ provoziert zu Beginn den Vergleich. Nur mit schwarzen Unterhosen bekleidet, setzen sich die Männer den Blicken aus. Trainingsstand und Muskeltonus, Textur und Straffheit der Haut werden sicht- und ablesbar. Und auch wenn beide bewundernswert in shape sind, fordert das Alter natürlich seinen Tribut. Das merkt man auch den vorsichtigen ersten Schritten an, mit denen Karl Reinisch das Bühnenviereck durchquert. Und weil die zwei sich bei ihren ersten Streifzügen komplett ignorieren, wirkt es fast so, als seien hier zwei Versionen desselben Menschen unterwegs, ohne ihr früheres oder zukünftiges Ich zu erkennen. Mehrere Zeiten, zusammengezurrt in einem irrealen Raum. 

Körper-Erinnerungen

Ein zarter Anfang, bei dem sich der elektronische Soundteppich von Ronia Klug unnötig in den Vordergrund drängt und durch sein dröhnendes Wummern die Gehirnmasse vibrieren lässt. Und währenddessen finden die beiden Männer unter dem Heu zwei Besen und die Kleidung, die sie für den Rest des knapp einstündigen Abends tragen werden. Eine lackschwarze Kunstlederhose und Sneaker für den Älteren, einen langen Faltenrock für den Jüngeren, und dunkelrote Westen für beide verbergen sich unter dem Natur und Ursprünglichkeit markierenden losen Grund. Dabei hätte man derlei eher in der Papiertüte von „Spar“ vermutet, die die ganze Zeit über wie nach dem letzten Einkauf vergessen auf der Bühne steht. 

Sie bleibt auch an ihrem Ort, nachdem eine Diagonale durchs Heu frei-gefegt wird und sich Radius und Varianz der Bewegungen erweitern. Ein nah am Ohr geklatschter Rhythmus ruft bei Reinisch offenbar tiefer vergrabene Körper-Erinnerungen wach. Er freut sich über eine neue Beschwingtheit und aufsteigende Abfolgen von Armbewegungen, die wiederum Schritte nach sich ziehen. Auch die Beziehung der beiden (Ex-)Tänzer ändert sich. Sie haben Blickkontakt, werden einander zu Spiegeln, schwingen sich wie zwei Pendel aufeinander ein, umkreisen sich mit wachsendem Interesse oder stehen so nahe voreinander still, als wäre jeder in Wahrheit mit sich alleine und der andere nur ein Echo aus Fleisch. In dem, was sie einzeln abrufen, mag sich wiederum das Echo früher getanzter Stücke brechen. Bei Reinisch schallt es von ferner herüber, bei ihm sind die Brüche naturgemäß größer. Bei Paar könnte man die kurzen getanzten Passagen vermutlich noch auf das Original legen und merkte kaum einen Unterschied. 

Unklare Kontexte

Es gibt auch richtige Begegnungen an diesem tastenden Abend. Eine fast intime Umarmung zum Beispiel, vor der Paar minutenlang vor Reinisch steht, dessen Hals und Kopf seine Hände wie eine zärtliche Variante des Schraubstocks umfassen. Einmal schlägt er seinem ehemaligen Lehrer mit einem lauten Knall gegen den Oberarm, wie man sich selbst im Traum eine Ohrfeige zu geben versucht, um zu testen, ob man nicht doch wach ist. Wie ein Traumgespinst wirkt auch die Sequenz, in der Paar den fast Achtzigjährigen wie ein Kind auf den Arm nimmt. Oder eine ausgelassene Szene, in der die beiden Opa und Enkel sein könnten, die sich hier – einer beim anderen untergehakt – auf einem Volksfest amüsieren. Viel Info zum Kontext des Ganzen bekommt man nicht. Einmal wird recht unvermittelt ein Audio eingespielt, auf dem man einen Mann von der russischen Kriegsgefangenschaft und eine Frau von Hitler sprechen hört („als Mann nicht mein Typ“) Vielleicht Reinischs Eltern? Oder aus irgendeinem Film?

Auch musikalisch wechseln die Ton- und Stimmungslagen. Auf die hochgepegelte Automatenmusik folgt ein Choral und folgen Independent-Klänge voller akustischer Anspielungen auf wichtige Orte und Erfahrungen in beider Leben. Wer sie besser kennt, wird mehr herausgehört haben.

Es gibt hübsche und anrührende Momente in diesem kurzen Abend, dessen größtes Plus der sympathisch-offene Umgang mit der eigenen Verletzlichkeit ist. Aber dramaturgisch hängt er durch, und energetisch hat er die meiste Zeit die Handbremse angezogen.  Da wäre deutlich mehr drin gewesen. „Heimatkörper“ ist eine erste Annäherung, der eine zweite folgen könnte. Vielleicht sogar müsste. Der beachtliche Schlussapplaus, bei dem der junge Choreograf seinem Ko-Performer den Vortritt lässt, gilt zu einem Gutteil auch der Lebensleistung von Karl Reinisch.

 

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