Zartheit und Ekstase
„New Works - Hakobyan / Jung“ beim Ballett Basel
Fünfteiliger Tanzabend „Dreamer“ im Alten Kino Franklin Mannheim
Quasi im Vorbeigehen am Rande seines geradlinigen internationalen Aufstiegs hat der französische Choreograf Martin Harrague voriges Jahr in Mannheim einen Publikumserfolg gelandet. Der Ballettdirektor der Oper in Avignon und designierte Leiter des Malandain Ballet Biarritz feierte mit seinem Stück „The Dreamer“ zu Musik der Band Groundation die Werte des Reggae in einer mitreißenden tänzerischen Vision. Barfuß auf schnellen Füßen beschwören die acht Beteiligten eine bessere Welt, die dekorativ in den Wolken spielt: freundlich, dramatisch, düster, hoffnungsvoll. Die Neueinstudierung bot zudem die Gelegenheit, Neuzugänge mit bestem Erfolg in das herausragende Ensemble zu integrieren.
Zum abschließenden Reggae-Fest gesellen sich im ersten, rund einstündigen Teil des Tanzabends „Dreamer“ vier neue Choreografien, die das Thema aus unterschiedlichsten Perspektiven aufgreifen. Das Konzept dieses Abends ging bei der Premiere voll auf: Viel Beifall für alle Beteiligten.
Übergang zwischen Wachen und Schlafen
Rubén Julliard – im Laufe seiner Tänzerkarriere auch für eine Spielzeit in Mannheim engagiert – hat sich ganz aufs Choreografieren verlegt; vor vier Jahren gründete er seine eigenes Kompanie SOLMA. Für den Mannheimer Tanzabend thematisierte er in „Over Under“ den empfindlichen Übergang zwischen Wachen und Schlafen. Inspiration für seine Bilderwelt lieferte „La Nuit“, ein Zyklus von Zeichnungen des französischen Malers Odion Redon.
Haben wir nicht alle irgendwann mal vorsichtshalber unters Bett geschaut? Das junge Mädchen, das sich auf dem großen Podestbett ans Einschlafen macht, hat das versäumt. Und so greifen erst unsichtbare Hände, dann ganze Gestalten nach ihr und entführen sie in eine schaurig-schöne Traumwelt. Da locken Zirkus und Varieté, und auf wundersame Weise wird die kleine Schläferin immer wieder zum Mittelpunkt. Einen traurigen jungen Mann weiß sie auf hübsch unschuldige Weise gut zu trösten. Rubén Julliards höchst agile und expressive Tanzsprache ist gar nicht weit weg von der Ausdruckswelt von Stephan Thoss.
Traum von einer besseren Welt
Der Mannheimer Ballettdirektor steuerte in „Keep on ...! einen trotzigen Traum von einer besseren Welt als der gegenwärtigen bei, die in Ton und Bild immer wieder düster durchschimmert. Am Ende des Tunnels wird das Licht für die drei in Schwarz gehüllten Tanzpaare sichtbar, während Scheinwerferlicht von oben die Gruppe dekorativ als Gemeinschaft bündelt. Zu einer jazzigen Version der John-Lennon-Hymne „Imagine“ (Eve Cassidy) beschwört Stephan Thoss die Werte, auf die es am Ende ankommt.
Ensemblemitglied Louis Tenna Torres trug ein kurzes, intensives Solo bei: In „La nuit bleu“ bringt ein Tagtraum all die innere Zerrissenheit ans ungewisse Licht. Aus dem Off fällt ihm ein Jackett vor die Füße, aber am Ende schützt auch die formelle Hülle nicht vor Verlorenheit.
In Sachen Originalität und Coolness hatte die in Berlin ansässige Choreografin Lilit Hakobyan die Nase vorn. Ihre Arbeit „Luck“ wurde unter anderem beim Choreografie-Wettbewerb in Hannover im vorigen Jahr ausgezeichnet (bei dem Stephan Thoss in der Jury sitzt). Kann das gutgehen, wenn die beiden größten Tänzer die kleinste Tänzerin des Ensembles im Anfangsbild regelrecht im Würgegriff halten? Das ungleiche Trio bewegt sich durch die widersprüchlichen Facetten von Freundschaft in schneller, von Urban-Moves geprägter Tanzsprache, die für überraschende Umbrüche und effektvolle emotionale Stimmungswechsel gut ist. Hier zeichnet sich eine choreografische Zukunftshoffnung ab: ein Name zum Merken, nicht nur für Tanzkritiker*innen.
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