Feiner Beobachter des Lebens
Fulminanter Neustart des Balletts Basel unter Marco Goecke
Anfang Februar hatte der Abend „New Works - Hakobyan / Jung“ beim Ballett Basel Premiere. Das Programm wird auf der Schauspielhaus-Bühne bis in den Mai hinein gezeigt und dürfte sich weiterhin ähnlich begeisterten Anklangs erfreuen, wie es bei der fünften Vorstellung am Sonntag der Fall war.
„New Works“ ist eine Reihe, die die neue Basler Ballettdirektion ins Leben gerufen hat, um Choreograf*innen, die bereits auf längere Erfahrung zurückschauen können, aber noch nicht zu den Etablierten ihres Metiers zählen, eine Plattform zu geben. Mit den beiden Uraufführungen dieser ersten Ausgabe wurde sogleich ein Glücksgriff getätigt. Und Marco Goeckes Kompanie stellt souverän ihr vielseitiges Können unter Beweis.
Ephémėre
Anne Jung, die während ihrer Karriere unter anderem beim NDT tanzte, schuf 2016 ihr erstes Werk für das dortige Young Choreographers Programm „Switch“. Für ihre halbstündige Basler Kreation „Ephémėre“ schrieb der Komponist und Pianist Kirill Richter die Musik. Die Verbindung der beiden entstand vor drei Jahren, als Jung beim Origen Festival zu Live-Musik des Richter Trios Marco Goeckes Solo „Seven Ages“ tanzte.
„Ephémėre“ ist eine Erkundung der Flüchtigkeit des Erlebens und des Seins im steten Fluss der Zeit. Sandra Bourdais ist als erste zu sehen, in einem hellen Nebelmeer vor zwei verspiegelten Wänden (Bühne: Marvin Ott, Licht: Vassilios Chassapakis), die anderen acht Tänzer*innen tauchen sacht aus dem Dunst auf. Der schimmernde Hauch der zarten Seidenoberteile (Kostüme: Thomas Lempertz) fügt sich perfekt in die lichte Szenerie ein.
Jungs fließende, sehr expansive Choreografie mit langen Linien und Hebungen ist, begleitet von Richters dichten, atmosphärischen Klängen, ein einziger pulsierender Fluss. Bewegungen werden raffiniert gedoppelt durch die Spiegel, die den Blick in eine andere Welt zu öffnen scheinen, hin zu denen, die nicht mehr da und doch noch präsent sind.
Komplex wie choreografiertes Origami
In „Ephémėre“ verwebt Anne Jung viele Duette und Trios. Als seien unsichtbare Magneten im Spiel, ergeben sich plötzliche, spannende, aber immer sehr organische Wechsel der Konstellationen. Ihre Bewegungssprache ist filigran und komplex wie choreografiertes Origami.
Kurz vor Schluss bedeckt erneut heller Nebel den Bühnenboden, der Spiegel vereint Figuren aus zwei Welten. Louis Steinmetz bleibt dann allein zurück, mit Sandra Bourdais' sacht wahrnehmbarer Präsenz. Wo sind alle hin, eben waren sie doch noch da? Das Ende erinnert an Tucholsky: „Was war das? Kein Mensch dreht die Zeit zurück. Vorbei, verweht, nie wieder.“ Anne Jung hat ein eindrückliches, poetisches Werk geschaffen, das seinem Titel zum Trotz bleibenden Eindruck hinterlässt.
The Urge
Mit dem zweiten Werk wurde die Armenierin Lilit Hakobyan betraut, die 14 Jahre beim Staatsballett Hannover tanzte, 2011 ihr erstes eigenes Werk schuf, und sich inzwischen erfolgreich ganz der Choreografie widmet.
Für „The Urge“ wurde Hakobyan inspiriert durch ein bemerkenswertes Ereignis, das 1518 als „Strassburger Tanzwut“ in die Geschichte einging. 400 Bürger*innen tanzten zwanghaft über Wochen hinweg, viele bis in den Tod. Mediziner befanden, Tanz sei „ein natürliches Übel, verursacht durch eine übermässige Erwärmung des Blutes“, Kleriker witterten in der Choreomanie (die im Spätmittelalter auch an anderen Orten auftrat) Besessenheit durch Dämonen. Medizinhistoriker*innen vermuten hinter dem Phänomen eine kollektive Hysterie, ausgelöst durch Armut und Hunger. Andere haben die Theorie, ein Teil der kargen Getreideernte sei von einem Pilz mit halluzinogenen, toxischen Eigenschaften befallen gewesen.
Aus der Geschichte in die Gegenwart
Hakobyan transportiert das faszinierende historische Geschehen mit seiner kollektiven, tranceartigen Ekstase in die heutige Zeit, in das Setting der Clubkultur. Sie versteht den Begriff „Tanzwut“ dabei „als zeitgenössische Auseinandersetzung mit kollektiver Identität, als ein Weg, unterdrückte Emotionen sichtbar zu machen“. Samuel van der Veer, mit dem sie bereits mehrfach gearbeitet hat, hat für sie das Sounddesign für „The Urge“ gestaltet.
Ott und Chassapakis sorgen für Düsternis auf der Bühne. Vor einer schwarzen, unebenen Wand werden die elf Tänzer*innen (von Thomas Lempertz in weite schwarze Jeans und mit unzähligen Sicherheitsnadeln besteckte schwarze Oberteile gekleidet) von unerbittlichen Beats angetrieben. Die spannende, rasante, oft bodennahe Bewegungssprache lenkt immer wieder Blicke auf Oberkörper und Arme. Die Tänzer*innen absolvieren eine bravouröse Tour de Force, lassen die herausfordernd-vertrackte Choreografie spontan und unkontrolliert erscheinen. Einzeln und im Kollektiv steigern sie sich in entfesselte Entrückung – bis mitten im ekstatischen Rausch des Gemeinschaftsgefühls der Vorhang fällt. Lilit Hakobyan hat hier gekonnt ein ziemlich aufregendes Stück geschaffen. Fazit einer Zuschauerin beim Verlassen des Saals: „Das war mega cool!“
Noch keine Beiträge
basierend auf den Schlüsselwörtern
Bitte anmelden um Kommentare zu schreiben