„Strong“ von Sharon Eyal, Tanz: Milivoje Andrejevićc, Dukin Seo, Damián Tório, Francesca Berruto, Iris Dávila, Niklas Jendrics, Marta Dias, Eric White und Rose Nougué-Cacenave (vorn)

Beständigkeit und Wandel

„Forsythe/Eyal“ in der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf

In der Kunst der Bewegung lebt, was sich wandelt. Das zeigt das Ensemble in William Forsythes „In the middle somewhat elevated“ und Sharon Eyals „Strong“.

Düsseldorf, 01/11/2026

Als ich „In the middle somewhat elevated“ einige Jahre nach der Uraufführung 1987 an der Pariser Oper zum ersten Mal gesehen hatte, war ich elektrisiert. Schnell, virtuos, präzise zur peitschenden Musik von Thom Willems brach es mit allen Erwartungen, die man damals an einen klassischen Ballettabend hatte. Und auch, wenn es das heute weniger tut, nimmt es einem noch immer den Atem. Vor allem, wenn es technisch und künstlerisch so hervorragend auf die Bühne gebracht wird wie vom Ensemble des Ballett am Rhein. Lässig nehmen sie den Wettstreit miteinander konkurrierender Tänzer*innen auf.  Immer mehr steigern sich Tempo und Schwierigkeitsgrad. 

Forsythe sieht sich selbst in der Nachfolge Balanchines: Aus dessen „höher, schneller, größer“ entwickelte er Bewegungsmuster, die nicht nur immer größer werden, sondern aus der Körpermitte und damit aus der Balance führen und die dadurch geradezu unmöglich wirken. Das beeindruckt besonders beim Pas de deux zwischen Phoebe Kilminster und Olgert Collaku, deren Battements, langgezogene Attituden, Hebungen und Turns in die Weite des Raums weisen. Kilminster, die ebenso lässig wie virtuos tanzt, und der souveräne Collaku, dessen Musikalität so auf den Punkt ist, dass man denkt, er gäbe den musikalischen Einsatz, füllen die großen Fußstapfen von Sylvie Guillem und Laurent Hilaire bei der Uraufführung bedenkenlos aus. Genau wie Maria Luisa Castillo Yoshida, die in ihrer Variation voller Balancen und Pirouetten überzeugt, die ineinanderfließen. Allen neun Tänzer*innen gelingt es in großartigem Trainingszustand Forsythes Klassiker des modernen Balletts ebenso virtuos wie selbstverständlich zu zeigen. 

Hypnotische Organismen

Sharon Eyal zeichnet mit Gai Behar verantwortlich für „Strong“, den zweiten Teil des Abends. „Ich fühle mich immer wie eine Ballerina“, sagt sie von sich selbst, ungeachtet der Tatsache, dass sie als zeitgenössische Choreografin bewundert wird. Auf den ersten Blick ist diese Wirkung völlig legitim: Zu hämmernden Technobeats von Ori Lichtik findet sich das hervorragende Ensemble zu einem Organismus im gleichen Pulsschlag, aus dem immer mal wieder jemand ausschert und wieder aufgenommen wird. Das Ensemble in schwarzen glänzenden Trikots mit viel Transparenz wird in atmosphärisches Licht getaucht (Lichtdesign Alon Cohen), das mal an Mondlicht mal an Nebel erinnert. Es zieht das Publikum geradezu in einen Zustand der Trance. 

Das Bewegungsmaterial ist minimalistisch reduziert und durch seine Wiederholungen mesmerisierend. All diese Schritte, die die großartig als Kollektiv fungierende Gruppe wiederholen, kennen wir aus den Grundübungen des klassischen Balletts: Grand Pliés in der zweiten Position, aber unendlich lange, Echappés auf halber Spitze, Relevés in der fünften Position und immer wieder Attituden. Diese ikonische Pose sorgt schon in Rosenadagio des Klassikers „Dornröschen“ für Furore, wird bei Forsythe bis ins Extreme gezogen und hypnotisiert durch Wiederholungen bei Eyal. 

Fließend und fast unbemerkt gelingt den Tänzer*innen der Übergang von einer Formation in die andere, symmetrisch, wenn Diagonalen und U-Formen an klassische Ballette erinnern, oder organisch, wie ein Meereslebewesen oder ein Herzschlag. Fast könnte man vergessen, dass hier Individuen tanzen. 

Zwei völlig verschiedene Stücke, elektrisierend das eine, hypnotisierend das andere, begeistern das Publikum. Die Werke eint ihre gemeinsame Tradition. Das ist die große Stärke von „Forsythe/Eyal“, neben dem tollen Ensemble und den begeisternden Choreografien: Die Auswahl der Stücke, die zeigt, dass das Vokabular des Tanzes immer auf den gleichen Ursprung zurückführt und doch neue Geschichten erzählt und in völlig neuem Gewand daherkommt. Nur was sich verändert, bleibt lebendig.

 

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