„Delay the Sadness“  von Sharon Eyal

Suppress the Sadness

Sharon Eyals „Delay the Sadness“ eröffnet das DanceFirst Festival in Fürstenfeldbruck

Im Veranstaltungsforum Fürstenfeld zeigt Sharon Eyal Dance - technisch hochpräzise - emotionale Erstarrung.

Fürstenfeldbruck, 19/06/2026

Im enger werdenden Lichtkegel windet sich eine Tänzerin. Ihr gesamter Körper steht unter Spannung, die Beine in vollendeter Ballettästhetik gestreckt, die Arme jedoch vor dem Gesicht gekrümmt. Sie wirkt in sich versunken, mit sich ringend, für einen kurzen Moment scheint eine Emotion durchzubrechen. Doch dann lösen sich die anderen sieben Tanzenden aus dem Schatten hinter ihr, ereilen sie, wie Erinnerungen - und schon wird die Solistin von der synchronen Gruppenchoreografie verschluckt.

An Sharon Eyals Namen kommt man in der Tanzszene nicht vorbei: Die Stücke der in Israel geborenen und inzwischen in Frankreich lebenden Choreografin haben die Welt bereist und wurden von den renommiertesten Kompanien getanzt, NDT, Paris Opera, Staatsballett Berlin… the list goes on. Seit 2013 hat sie ihre eigene Kompanie namens S-E-D Sharon Eyal Dance. Diese gastiert in Rom, Paris, Amsterdam – und Fürstenfeldbruck. Denn dorthin lädt Kurator Heiner Brommel bereits in der fünften Ausgabe des DanceFirst Festivals die Crème de la Crème der Tanzkompanien ein. Die Provinz sei nicht zu unterschätzen, sagt er mit scherzender Ernsthaftigkeit bei der Begrüßung. Bei ihm trifft das wahrlich zu.

Ein Glockenspiel der Trauer

Sharon Eyal ist schon zum dritten Mal mit einem ihrer Stücke auf der Bühne des Veranstaltungsforums Fürstenfeld zu sehen: Ihre neue Kreation „Delay the Sadness“ hat Eyal ihrer verstorbenen Mutter gewidmet und behandelt den Umgang mit Trauer, Abschied und Erinnerung. Zum elektronischen Dreivierteltakt in der Musik von Josef Laimon schreiten die Tänzer*innen auf der Bühne auf und ab, die Bewegungen sind dabei stark neoklassisch anmutend: Strikte Symmetrie in den Formationen, klare Linien in den Körpern, alles perfekt auf die Musik abgestimmt. Hier und da sind alltägliche Gesten eingewoben: eine Hand am Ohr, ein nach oben zeigender Finger. Eine Tänzerin wendet den Blick ins Publikum – durch die perfekte Synchronität der anderen Tänzer*innen werden Details wie dieses umso deutlicher. 

Trotz des Wiedererkennungswertes der Gesten: Die Tanzenden erinnern an Figurinen, ähnlich derer des Glockenspiels auf dem Marienplatz in München. Sie stellen Szenen dar, imitieren das Leben, aber echte Emotion kann man ihnen nicht immer glauben. Die Bewegungen wirken nicht real oder roh, selbst die Ausbrüche einzelner Tänzer*innen sind stets durchchoreografiert.

Gut geöltes Uhrwerk

Die Glockenspiel Metapher bietet sich auch an, weil die Choreografie wie ein gut geöltes Uhrwerk funktioniert: Perfekt greifen die verschiedenen Formationen ineinander, die Tänzer*innen arbeiten hochpräzise mit bewundernswerter Kunstfertigkeit. So entstehen ästhetische Bilder – das Stück bleibt dabei energetisch auf einem Niveau. Auch darin hat es etwas Glockenspielartiges: Die Struktur wiederholt sich, auf Gruppentänze folgen Duette, mal ein Solo, und wieder Gruppenchoreografien. Das gelungene Lichtdesign von Alon Cohen, das immer wieder neue Räume kreiert, ändert daran nichts.

Eyal-Kennenden ist zwar bekannt, dass die zahlreichen Duett-Konstellationen eine Neuheit für die Choreografin sind. Doch auch in den Pas de Deux-Momenten wird der Kuss nur angedeutet, niemals ausgeführt, es entsteht keine physische Verbundenheit.

Neurotische Perfektion

Durch diese innere Isolation bei gleichzeitiger Synchronisation bekommt das Stück etwas Neurotisches: Das Eyal-typische, enge Tippeln der Füße, die perfekten Bewegungen und spannungsgeladenen Körper, all das wirkt in seiner Stilisierung fast gewaltvoll, weil echte Emotion nicht durchbrechen kann.

Das passt natürlich zum Titel: Die Abschottung von der eigenen Trauer, welche einen zu einer mechanischen Puppe werden lässt, als Hülle am Alltag teilnehmend. Als Allegorie auf diese Art der Trauerbewältigung funktioniert das Stück gut, man sehnt sich nach den kleinen Momenten, in denen die Spannung fallen und Verletzlichkeit hervorscheinen darf. Im anfangs beschriebenen Moment gibt es eine Andeutung, die jedoch sogleich übertönt wird, und auch am Ende wir eine Tänzerin hastig vom Bühnenrand weggezogen, als sie zusammenzubrechen scheint. Der Vorhang fällt, und man bleibt mit dem Eindruck zurück, dass dem Titel eigentlich ein leise mahnendes, unsichtbares „don´t“ voranstehen sollte. Verzögere deine Traurigkeit nicht. Eine perfekt funktionierende, jedoch isolierte Hülle deiner selbst wird es nicht schaffen, mit dem Leben in Verbindung zu treten.

Dieser Text ist Teil des Projekts "Stärkung der zeitgenössischen Tanzszene durch journalistische Nachwuchsförderung" Tanzpakt Stadt-Land-Bund.

 

TANZPAKT STADT LAND BUNDDer Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien

Gefördert von TANZPAKT Stadt-Land-Bund aus Mitteln des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.

 

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