„NewEarth“ von Shahar Binyamini, Tanz: Ensemble House of Dance

„NewEarth“ von Shahar Binyamini, Tanz: Ensemble House of Dance

Im Kollektiv entfesselt

House of Dance mit „New Earth / Bolero X“ bei DanceFirst in Fürstenfeldbruck

Shahar Binyamini verbindet in neuer Besetzung der House of Dance Company mit der Ballett-Akademie der HMTM archaische Bildwelten mit präziser Körperarbeit.

Fürstenfeldbruck, 27/07/2026

Von Teresa Lindner

„New Earth“ entfaltet von Beginn an eine hypnotische Sogwirkung. Die Bühne wird zu einem Labor der Evolution: Eine Schicht Erde bedeckt den Boden, die Tänzerinnen und Tänzer wirken in ihren hautfarbenen Kostümen beinahe nackt, als seien sie eben erst diesem Grund entwachsen. Aus tastenden, kriechenden Bewegungen entstehen organische Formationen, die sich fortwährend auflösen und neu zusammensetzen. Die Körper erscheinen weniger als individuelle Figuren, sondern mehr als lebendige Materie, die sich ständig verändert und neu organisiert. Die Choreografie lebt von einer außergewöhnlichen Präzision. Jede noch so kleine Gewichtsverlagerung besitzt Bedeutung, jede Wellenbewegung setzt sich durch die Gruppe fort wie ein biologischer Impuls. Die Musik – eine vielschichtige Collage aus elektronischen Klängen, klassischer Struktur und Einflüssen des Nahen Ostens – verstärkt den Eindruck einer permanenten Transformation.

Einen überraschenden Kontrast setzt der spätere Wechsel zu den leuchtenden Neonfarben der Kostüme. Die Körper verlassen die Anmutung eines „natürlichen“ Anfangs und erscheinen als Teil einer künstlich geformten, fast futuristischen Welt. Auch der Bühnenraum verändert sich: Zwischen der Erde leuchten künstliche Blumen hervor. Sie verwandeln den vermeintlichen Naturraum in eine hybride Landschaft, zwischen organischer Erscheinung und futuristischer Konstruktion. In diesem Spannungsfeld entwickelt sich ein Pas de Deux zwischen dem Tänzer Joseph Kudra in beigefarbener Kleidung und einer Tänzerin in leuchtendem Neongrün. Ihre Begegnung ist von Zärtlichkeit und Sinnlichkeit geprägt. Die beiden suchen Nähe und entfalten eine intime Verbindung. Die hybride Gestaltung des Bühnenraums findet ihre Ergänzung in der Vielfalt des Ensembles. Unterschiedliche Hautfarben und Körperlichkeit erweitern das Bild eines Kollektivs, das aus Diversität besteht. Gemeinschaft entsteht nicht durch Anpassung, sondern durch das Zusammenspiel verschiedener Körper. Die beiden schwarzen Tänzerinnen und Tänzer werden weder hervorgehoben noch symbolisch aufgeladen. Sie sind selbstverständlicher Teil eines Kollektivs, dessen Kraft gerade aus der Vielfalt seiner Mitglieder entsteht. Binyamini entwirft ein Ensemble, in dem Verschiedenheit nicht überwunden werden muss, sondern eine besondere Stärke ist.

Idee des Kollektivs – „Bolero X“ 

Nach der organischen Entstehung einer neuen Welt in „New Earth“ setzt Binyamini mit „Bolero X“ die Idee des Kollektivs in eine andere Dimension. Von Beginn an zeigt sich eine kraftvolle Atmosphäre. Während in „New Earth“ einzelne Körper aus der Erde hervortreten und sich allmählich zu einer Gemeinschaft formen, wird der einzelne Körper in „Bolero X“ zum Teil einer immer größer werdenden rhythmischen Masse. Binyamini nimmt Maurice Ravels „Boléro“ (1928) als Ausgangspunkt für eine Untersuchung der Kraft, die aus Wiederholung, Verdichtung und gemeinsamer Bewegung entsteht. Zu Beginn lösen sich aus der Dunkelheit einzelne Körper, deren Bewegungen zugleich animalisch und hochkontrolliert wirken. Die Tänzerinnen und Tänzer werden Teil eines pulsierenden Organismus. Sie bewegen sich mit außergewöhnlicher Präzision über die Bühne und bilden fortlaufend neue Formationen. Die Choreografie lebt von fließenden, organischen Bewegungen, die sich kontinuierlich weiterentwickeln. Mit jeder musikalischen Steigerung wächst auch die Zahl der Körper auf der Bühne. Diese Entwicklung spiegelt Ravels musikalisches Crescendo eindrucksvoll wider und führt zu einem mitreißenden Höhepunkt, bei dem Musik und Bewegung eine nahezu überwältigende Einheit bilden.

Im Zusammenspiel von „New Earth“ und „Bolero X“ wird Shahar Binyaminis choreografisches Interesse besonders deutlich. Während „New Earth“ den Körper als wandelbare Materie zwischen Natur und Künstlichkeit erforscht, zeigt „Bolero X“ ihn als soziale und rhythmische Kraft. Die stetige Wiederholung des musikalischen Motivs entfaltet eine hypnotische Sogwirkung, die sich unmittelbar auf die Bewegungen überträgt. Diese wirken beinahe rituell und verdeutlichen, wie ein gemeinsamer Rhythmus einzelne Körper verbinden kann. Aus dieser Verbindung entsteht eine Energie, die weit über das Individuum hinausreicht. „New Earth“ zeigt die Entstehung eines neuen Zustands, „Bolero X“ macht die Entfaltung eines Kollektivs sichtbar. Aus den einzelnen Tänzer*innen entsteht in beiden Teilen ein Ensemble, das sich durch Diversität auszeichnet. Insgesamt überzeugt „Bolero X“ durch die außergewöhnliche Verbindung von Musik, Bewegung und emotionaler Ausdruckskraft. Binyamini gelingt es, Wiederholung nicht als Monotonie, sondern als Motor für Veränderung und Entwicklung erfahrbar zu machen. Seine Choreografie regt dazu an, über das Verhältnis von Individuum und Gemeinschaft nachzudenken und beeindruckt zugleich durch ihre ästhetische Klarheit, tänzerische Präzision und intensive Bühnenwirkung. „Bolero X“ ist ein kraftvoller Abschluss des Doppelabends, der noch lange nach dem letzten Ton nachwirkt – und für die Nachwuchstänzer*innen der Münchner Ballett-Akademie ist die gemeinsame Arbeit an Ravels Kultstück sicher eine einmalige Erfahrung, die sie nicht so schnell vergessen werden. 

Dieser Text ist Teil des Projekts „Stärkung der zeitgenössischen Tanzszene durch journalistische Nachwuchsförderung“ Tanzpakt Stadt-Land-Bund.

 

TANZPAKT STADT LAND BUNDDer Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien

Gefördert von TANZPAKT Stadt-Land-Bund aus Mitteln des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.

BLZT

Dieses Projekt wird ermöglicht durch den Bayerischen Landesverband für zeitgenössischen Tanz (BLZT) aus Mitteln des Bayerischen Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst.

 

Landeshauptstadt München Kulturreferat

gefördert vom Kulturreferat der Landeshauptstadt München

 

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