„Solo Echo“ von Chrystal Pite bei DanceFirst

Spaziergang durch tänzerische Landschaften

CCN / Aterballetto mit vier Stücken bei DanceFirst in Fürstenfeldbruck

Das Aterballetto zeigt mit Choreografien von Iratxe Ansa & Igor Bacovich, Phillip Kratz, Angelin Preljocajs und Christal Pyte eindrucksvoll, welcher Facettenreichtum im zeitgenössischen Tanz liegt.

Fürstenfeldbruck, 16/07/2026

von Vanessa Thron

I says, Hello, blues, Now what ‘cha doin’ here so soon?  Mit Bessie Jones Song „Beggin the blues“ und 16 Tänzer*innen des CCN/Aterballetto als schwingende Gruppe mit dem Rücken zum Publikum, beginnt der vierteilige Ballettabend des italienischen Ensembles. Und noch kann man als Publikum nur erahnen, welche facettenreichen Landschaften an diesem Abend tänzerisch erkundet werden.

Mit dem ersten Stück „Rhapsody in Blue“, in dem das spanisch-italienische Choreograf*innen- Duo Iratxe Ansa & Igor Bacovich George Gershwins bekannte Rhapsody für den zeitgenössischen Tanz neu interpretieren, steigt Aterballetto ein in einen „Zauberwald“ der choreografischen Struktur. Mit dem Einsetzen der Musik von Rhapsody in Blue dreht sich die Gruppe um – aus der wogenden anonymen Formation werden individuelle Charaktere. Die Gruppe bricht auf in Duette, Unisono-Momente, es entsteht ein pulsierendes Geflecht, in dem die Musik sich in der Bewegung der Körper widerspiegelt. Und obwohl die Grundidee von Ansa und Barcovich war, Gershwins Rhapsody aus der Verortung der New Yorker 1920er Jahre herauszulösen, kann man sich durch die eingängige Melodie, die manchmal gestische Bewegungsumsetzung und die lichtbedingte Atmosphäre bestimmter Assoziationen nicht entziehen: nächtliche Großstadtszenen in New York oder musicalähnliche Bilder wie aus Westside-Story. 

Gershwins Stück wurde weltweit von renommierten Choreograf*innen bearbeitet. Doch Ansa und Barcovich schaffen durch die Kombination aus dynamischer Bewegungsorganisation der Tänzer*innen in Verbindung mit der Lichtscheibe als einziges Bühnenelement und der bunten Gestaltung der Kostüme eine beachtliche Neuverortung des Stücks. Sie erzählen keine Geschichte, sie lassen die Musik lebendig werden durch die Körper.

Besonders beeindruckend zeigt sich die Energie des Ensembles, für das es kein Durchatmen in der dynamischen Rhapsody-Struktur gibt. Erst im lyrisch-orchestralen Mittelteil entsteht ein kurzer Moment des Innehaltens, wenn sich die Lichtscheibe rot färbt und ein inniges Duett zur solistischen Violine aufscheint. Wenig später kehrt die Unruhe zurück – ein violetter Mond, nervöse Gruppenbewegungen, das Klatschen zu den jazzartigen Musikelementen und ein präzises Unisono führen schließlich als Tableau vivant zum Ende der bunten Nacht.

Aterballetto verwandelt Rhapsody in Blue in ein vibrierendes Bewegungspanorama – virtuos, energiegeladen und von jener Leichtigkeit, die nur aus höchster Präzision entstehen kann.

Vom Zauberwald zu Meereswellen

 „An Echo, a Wave“ ist ein Duett, das der aus dem Ruhrgebiet stammende Choreograf Phillip Kratz 2024 für das Aterballetto schuf. Der Titel des Duetts ist selbst das choreografische Thema, das durch die präzisen bis in die Fingerspitzen durchchoreografierten Bewegungen der Tänzer*innen sichtbar wird. Wie Wellen beginnen sich die Impulse durch die tanzenden Körper zu bewegen, unterstützt durch die sphärischen Klänge, die an Meeresrauschen erinnern, dann übergehen in rhythmische Strukturen und sich wieder auflösen. 

Wie Wellen, die niemals vollständig zur Ruhe kommen, oszilliert die Choreografie zwischen langsamen und schnellen Phasen, zwischen Annäherung, Sammlung und erneutem Auseinanderbrechen. Als Publikum ist man auf der Suche nach festen Strukturen und wird einzig von dem Gefühl einer unsichtbaren Verbindung zwischen den Tänzer*innen gehalten. Diese Verbindung wird von den Duett-Partner*innen beeindruckend hergestellt, in einer Dichte, aus der man nicht austeigen kann. Die oft präzise beginnende Wellenbewegung im Körper beider Tänzer*innen und deren zeitversetze Reaktionen des Echos in einer anderen Bewegungsqualität erinnern an einen fugenähnlichen Aufbau in der klassischen Musik, in der ein Hauptthema die anderen Stimmen in eine eigene Bewegung versetzt. Die hier tänzerisch perfekt aufeinander abgestimmten Bewegungen funktionieren dabei als Übetragungssysteme von Resonanz auf unterschiedlichen Ebenen. Die Duett-Partner*innen verhandeln Resonanz – körperlich, emotional und räumlich.

Und so plötzlich es beginnt, so plötzlich löst es sich auf, schlicht und undramatisch: ein Augenblick, eine Welle, ein kurzer Widerhall.

Von der Resonanz zur Versöhnung

Ohne Musik in einem nur auf die zwei Tänzerinnen konzentrierten Bühnenraum beginnt mit dem als Frauenduett angelegten Werk „Reconciliation“ des französisch-albanischen Choreografen Angelin Preljocajs. Mit dem Einsetzen von Beethovens Mondscheinsonate tauchen die zwei Tänzer*innen grazil und sphinxähnlich mit maximaler Flexibilität, großer Ausdruckskraft und klassischer Präzision in das durch die biblische Apokalypse inspirierte Thema der Versöhnung ein. 2024 wurde „Reconciliation“ von Angelin Preljocajs für die Compagnie Aterballetto als Frauenduett neu geschaffen. Er griff dabei auf tänzerisches Material aus seiner Choreografie „Suivront mille ans de calme“ aus dem Jahr 2010 zurück und verdichtete diese in einem intimen Duett.

Durch nahezu perfekt synchrone Bewegungsabfolgen mit klaren Formen in den Extremitäten schaffen die Tänzerinnen einen poetischen, fast religiösen Raum durch ihre Körper. Und nur kurze irritierende Gestiken durchbrechen die emotionale Dynamik, die sich durch das Spiel mit räumlicher Nähe und Distanz und durch die klare Bewegungssprache zeigt. Es wird eine emotionale Erfahrung von Hoffnung und Versöhnung vermittelt, die eine Geschichte hat und sich doch nicht in Worte fassen lässt. Untermalt mit der teils melancholisch klingenden Mondscheinsonate, bekommt das Duett keine dramatische Schwere und entzieht sich durch die eindrückliche Klarheit der Tänzerinnen jeglicher Pathetik. Nur die Mimik in den Gesichtern der Tänzerinnen lässt hin und wieder erahnen, dass Versöhnung ein emotionales Thema sein kann.

Winterliche Schneelandschaft

Mit „Solo Echo“ der kanadischen Choreografin Chrystal Pite widmet sich das Aterballetto einem Werk über Verlust und Akzeptanz, das heute zu den bedeutendsten zeitgenössischen Tanzstücken des internationalen Repertoires zählt. Thematisch inspiriert ist Pites Werk durch das Gedicht „Lines“ for Winter von Mark Strand, ein Versuch im Angesicht von Vergänglichkeit und Tod, sich selbst anzunehmen.

Im Hintergrund der Bühne rieselt Schnee. Dieser durchlässige Vorhang wird die einzige Konstante in „Solo Echo“ sein. Alles anderes verändert sich stetig: Formationen, Richtungen, Beziehungen, Intensitäten.

Mit Einsetzen von Brahms erster Sonate für Cello und Klavier ist der Bühnenraum in Bewegung. Schnelle Wechsel zwischen unterschiedlichen Tänzer*innen-Konstellationen mit langen Raumwegen, Drehungen und Rotationen treiben die Körper voran. Kaum hat man eine Konstellation erfasst, zerfällt sie bereits wieder. 

Die schnellen Hebefiguren, die fast mühelos wirkend in die anspruchsvolle Choreografie eingebaut werden, wirken wie flüchtige Begegnungen zweier Menschen, die sich berühren und sofort wieder in den Strom der Umgebung zurückgeworfen werden. 

Pites ist bekannt dafür, dass sie Ensembles nicht wie ein Corps de Ballett choreografiert, sondern wie einen Schwarm oder lebenden Organismus in Bewegung versetzt. Die Tänzer*innen des Aterballetto formen diesen Organismus selbstverständlich, ohne Bruch und in einer ständig fortlaufenden Bewegung.

Mit dem Übergang zur zweiten Brahms-Sonate verändert sich die Atmosphäre. Aus dem hellen Streifen im oberen Teil des Schneevorhangs wächst ein kälteres, durchlässigeres Licht.

Die Tänzer*innen sind im Kontrast zu „Rhapsody in Blue“ nicht als eigenständige Personen in einer Gruppe erkennbar, sondern als Teile eines sich immer neu formierenden Organismus, der im Gegensatz zur ersten Brahms Sonate nicht in kleinere Formationen zerfällt. Sie brechen aus einer Raum-Diagonalen raus, werden wieder aufgesammelt, fügen sich in neue Raumbewegungen ein. Sie halten sich gegenseitig, bauen sich zu einem neuen Bild auf, fallen wieder und bleiben liegen. Die ständige Bewegung wird nur durch kurze theatral anmutenden Gesten durchbrochen: ein geöffneter Mund, der ans Schreien erinnert oder ein kurzes Innehalten in einer Position wirken wie pantomimische Einschübe.

Am Ende hat sich die Bühne geleert. Ein einzelner Tänzer bleibt zurück. Er liegt regungslos da, während der rieselnde Schnee ihn langsam bedeckt. 

 

Dieser Text ist Teil des Projekts "Stärkung der zeitgenössischen Tanzszene durch journalistische Nachwuchsförderung" Tanzpakt Stadt-Land-Bund.

 

TANZPAKT STADT LAND BUNDDer Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien

Gefördert von TANZPAKT Stadt-Land-Bund aus Mitteln des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.

 

BLZT

Dieses Projekt wird ermöglicht durch den Bayerischen Landesverband für zeitgenössischen Tanz (BLZT) aus Mitteln des Bayerischen Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst.

 

 

Landeshauptstadt München Kulturreferat

gefördert vom Kulturreferat der Landeshauptstadt München

 

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