„Germaine Acogny – Die Essenz des Tanzes“ von Greta-Marie Becker: École des Sables

Der Körper erinnert sich

Eine essayische Betrachtung zu Germaine Acogny von Hanswerner Kruse

Germaine Acogny ist eine Jahrhundertchoroegrafin des zeitgenössischen afrikanischen Tanzes und hat mit ihrer École des Sables im Senegal eine der wichtigsten Tanzschulen des Kontinents aufgebaut. Eine Annäherung

Senegal, 16/06/2026

Ende Mai lief die Dokumentation „Die Essenz des Tanzes“ über Germaine Acogny in deutschen Programmkinos an. Die zweiundachtzigjährige Choreografin zählt zu den prägenden Figuren des modernen afrikanischen Tanzes.

Beim Ansehen des Films spürt man die Hitze, den staubigen Sand auf der Haut und hört die wilden Trommelrhythmen. Man möchte selbst am Strand mittanzen. Mal zeigt der Film die junge Tänzerin, dann wieder die immer noch tanzende alte Frau. Oft führt er in die École des Sables im Senegal – jene Tanzschule im Sand, die Acogny mit ihrem deutschen Ehemann Helmut Vogt gründete.

„Dein Hintern ist zu dick“, zitiert sie im Film einen französischen Tanzlehrer, „und deine Füße, na ja…“ Nach jahrzehntelanger Arbeit als Tänzerin und Tanzpädagogin in Europa hatte sie genug von westlicher „Tanzpädagogik“. Sie kehrte in die Heimat zurück, um – auch mit Unterstützung des französischen Choreografen Maurice Béjart – eine eigene Akademie aufzubauen. Dort entwickelte sie die spätere Acogny-Technik.

Aufbau der École des Sables

In Frankreich und Belgien hatte Acogny Ballett gelernt, bei Martha Graham und anderen Erneuerern des Tanzes studiert und auf europäischen Bühnen gearbeitet. Sie kehrte nach Afrika zurück, um westafrikanische Tanztraditionen neu zu erforschen und mit dem Gegenwartstanz zu verbinden.

Im Zentrum dieser Technik standen Präzision, Persönlichkeit und vor allem die Beweglichkeit von Wirbelsäule und Becken. „Die Brust ist die Sonne, der Po der Mond. Jede Pobacke ist ein Halbmond. Das Schambein die Sterne“, erklärt sie im Film. „Ein kleiner Kosmos in unserem Körper.“ Spiegel zum Üben gibt es in der „École“ nicht. Die Lernenden sollen spüren, was in ihren Körpern geschieht.

Diese Bewegungssprache stammt aus westafrikanischen Tanztraditionen, wird von ihr jedoch nicht folkloristisch genutzt, sondern weiterentwickelt. Zugleich arbeitet sie mit Elementen des westlichen Gegenwartstanzes und individuellen Ausdrucksformen. Gerade aus dieser Verbindung entsteht etwas Eigenes.

Ein afrikanisches „Sacre“

Ihrer École entsprang 2022 eine spektakuläre Wieder-Einstudierung von Pina Bauschs „Le Sacre du Printemps“. Schwarze Tänzer stampften durch den Torf, dunkelhäutige Frauen in weißen Kleidern klammerten sich aneinander oder wanden sich in der Moorerde. Eine musste sich im roten Kleid zu Tode tanzen. Die Beteiligten gingen bis zur völligen Erschöpfung.

Unter Anleitung ehemaliger Mitglieder des Wuppertaler Ensembles studierten Tänzerinnen und Tänzer aus zahlreichen afrikanischen Ländern die Choreografie neu ein. Eine Beteiligte ohne westliche Ausbildung glaubte zunächst, sich gar nicht so bewegen zu können. Erst beim Ansehen der Originalversion im Video begriff sie: „Alle Frauen tanzen gleich, aber jede erscheint anders.“ Genau darin zeigte sich auch Acognys Ansatz: Die präzisen Bewegungsabläufe blieben erhalten und verbanden sich zugleich mit den in die Körper eingeschriebenen Erfahrungen einer anderen Kultur.

Acogny unterstützte diese Produktion in enger Zusammenarbeit mit der Pina Bausch Foundation. Wegen der Corona-Pandemie kam das Projekt erst im folgenden Jahr nach Wuppertal. Dort konnten wir dieses Aufeinandertreffen miterleben.

We mixed our bodies and minds“

An diesem Abend im Frühling zeigte sich bereits vor dem „Sacre“ etwas Ähnliches – im Duett „common ground(s)“ von Acogny und der langjährigen Bausch-Tänzerin Malou Airaudo. Beide hochbetagten Tänzerinnen schufen ihren Pas de deux aus langsamen, stark reduzierten Bewegungen. Wir konnten einen getanzten Tag dieser Frauen miterleben: In der Morgendämmerung saßen sie mit einem großen Stab in der Hand nebeneinander. Allmählich begegneten sie einander, umkreisten sich, kamen näher, stießen einander weg oder stützten sich gegenseitig. Schließlich verschwanden sie Hand in Hand in der Abenddämmerung. Später erklärte Acogny in einem Clip der Foundation die gemeinsame Arbeitsweise: „We mixed our bodies and minds.“

Das Duett war kein Vorprogramm zum „Sacre“, sondern ein eigenständiges Stück. Zunächst trat es hinter das überwältigende und expressive „Frühlingsopfer“ afrikanischer Provenienz zurück. Gerade deshalb illustrierte es nicht das – vermeintliche – Thema „Afrika trifft Europa“, sondern die intensive Kommunikation zweier gealterter weiblicher Körper, in denen unterschiedliche Tanzbiografien gespeichert sind.

„Wenn man kulturell gut verwurzelt ist, kann man auf andere zugehen“, sagt Acogny im Film zu den Lernenden ihrer École des Sables. Dort studieren mittlerweile Menschen unterschiedlicher Hautfarbe aus vielen Nationen. Sie sollen „vollkommene Künstler“ werden, meint die Choreografin – und betont zugleich die Eigenständigkeit des Tanzes als Kunstform. Gleichzeitig fordert sie die Lernenden zur Selbstbehauptung auf: „Nehmt euch den Raum, dann könnt ihr auch euren Platz in der Welt einnehmen.“

Die Stellung der Frauen

Die Themen ihrer Choreografien sind durch persönliche, feministische und koloniale Erfahrungen geprägt. Daraus entwickelte sie keine bebilderten Thesenstücke, sondern Bewegung, Ausdruck und existenzielle Situationen. In ihrem Werk „Fagaala“ (2003/2004) über den Genozid in Ruanda wurden vergewaltigte Frauen von männlichen Tänzern dargestellt – ein verstörendes Erlebnis auch für die Tanzenden selbst. In „À un endroit du début“ (2015) setzte sie sich mit der in Teilen Afrikas verbreiteten Polygamie auseinander. Verzweifelt hüpfte und räkelte sie sich in einem Sessel, bestreute sich mit Mehl, zerfetzte Kissen und trampelte durch die Federn. „Es kommt nicht infrage zu ertragen“, rief sie. „Als mein Mann sich eine zweite Frau nehmen wollte, bin ich gegangen. Und die geworden, die ich bin.“

Inspiriert durch ihre eigene Familiengeschichte setzt sich Acogny immer wieder mit der Stellung der Frauen in Afrika auseinander. Ihre lebenslange Arbeit trennt Kulturen nicht säuberlich voneinander, sondern verwandelt deren Begegnung in Form. Gerade deshalb wirken manche heutigen Debatten um kulturelle Aneignung merkwürdig schematisch. Acognys Werk entstand aus Austausch, Wanderung, Übernahme, Widerstand und Weitergabe. Nicht das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Kulturen erscheint bei ihr als Problem, sondern die Frage, wer spricht, wer formt und ob aus der Begegnung eine eigene künstlerische Gestaltung entsteht.

Die heute weltweit gefeierte Künstlerin erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter 2021 den Goldenen Löwen der Tanzbiennale in Venedig. Doch von Rückzug keine Spur. Noch immer steht sie auf der Bühne, zuletzt unter anderem mit ihrem Solo „Joséphine“, in dem sie Joséphine Baker darstellt.

„Der Tanz ist meine Waffe“, sagt sie. Vielleicht liegt gerade darin die besondere Wirkung ihrer Kunst: Sie versteht Tanz nicht nur als Kunstform oder Unterhaltung, sondern als gespeicherte Erfahrung – etwas, das durch Körper weitergegeben wird, über Generationen, Kontinente und kulturelle Grenzen hinweg.

Quellen

„Germaine Acogny – Die Essenz des Tanzes“, Dokumentarfilm, Deutschland/Frankreich/Senegal 2025, 89 min. Regie Greta-Marie Becker

„Dancing Pina“, Dokumentarfilm, Deutschland 2022, 111 min. Regie Florian Heinzen-Ziob 

 

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