Feiner Beobachter des Lebens
Fulminanter Neustart des Balletts Basel unter Marco Goecke
Was für ein Timing! Zwei Tage zuvor endete das leider sehr reale Theater der Mächtigen in Davos, das uns die Fragilität des globalen Gefüges einmal mehr vor Augen geführt hat. Und schon wartet am Tag darauf das Bern Ballett mit zwei Werken über den Zustand unserer Welt auf, die künstlerisch auf vielen Ebenen genau diese Spannungszustände reflektieren und erforschen, was es bedeutet, jetzt hier auf diesem Planeten zu sein.
Nach dem fulminanten Erfolg mit Jiří Pokornýs „Carmen“ (Zusatzvorstellungen laufen noch immer) hat die Direktorin des Bern Balletts, Isabelle Bischof, nun einen interessanten Doppelabend in das Programm genommen. In den Vidmarhallen hatte „Hello Earth!“ Premiere, mit der Uraufführung von „Safe Space“ der norwegischen Choreografin Hege Haagenrud und der Schweizer Erstaufführung von Marco Goeckes Stück, das dem Abend seinen Titel gegeben hat.
Die in Oslo ansässige Hege Haagenrud ist eine akribische Sammlerin von Textfragmenten, die sie aus den Medien fischt und in ihren Arbeiten verwendet. So auch in „Safe Space“, diesem neuen Werk für fünf Tänzer*innen, dem die Lippensynchronisation seine besondere Spannung verleiht. Düster beginnt es, in Leere und Dunkelheit, mit dem Urknall, der Keimzelle ist für alles, was kommen wird. Der erste Mensch findet seine Genoss*innen, alle entschrauben sich in ihren wulstigen orangefarbenen Oberteilen (die Kostüme sind von Haagenrud selbst) langsam aus dem amorphen Knäuel, das sie am Boden bilden und finden sich dann in einem an eine Selbsthilfegruppe erinnernden Zusammensein.
Worte als Motor für Bewegung
Die Textaufnahmen (Sounddesign und Musik: Maxime Le Saux und Hege Haagenrud), die die fünf Tänzer*innen ununterbrochen per Lippensynchronisation zeitgleich begleiten, geben auch die Steuerungsimpulse für die minimalistische, teils fast automatisiert wirkende Choreografie. Die Herausforderung, die Worte mit dem exakten Timing deutlich und akkurat mit den Lippen zu formen und gleichzeitig die Körper ebenso präzise damit zu synchronisieren, stemmen die Tänzer*innen souverän; die Proben haben ihnen viel Textverinnerlichung abverlangt.
Ganz unterschiedliche Stimmen, darunter die des umstrittenen, frauenfeindlichen Influencers Andrew Tate und des Verschwörungstheoretikers David Icke, bilden mit ihren Worten – oder Worthülsen – eine große Skala zwischen Alltagsbanalitäten, (vermeintlicher) Emphase, Vehemenz und Furor ab. Sie finden ihre Entsprechung in der Choreografie, die einem in ihrer Symbiose mit dem Text immer wieder kurz den Atem stocken lässt, weil sie Momente der Beklemmung und Irritation hervorruft. So in einer Szene mit Marieke Monquil und Tars Vandebeek, in der einlullende Heilsversprechen körperliche Übergriffigkeit zu kaschieren versuchen. Aber es gibt durchaus auch Momente, die mit einer sarkastischen Form der Überzeichnung befreiend humorvoll sind.
Angesichts von Fragmentation und Wortkaskaden ist es, wie in unserer täglichen Medien-Realität auch hier auf der Vidmar 1-Bühne gelegentlich nicht ganz einfach, bei der Sache zu bleiben. Und doch vergeht das halbstündige Stück, das mit seiner Reise durch den vielleicht gar nicht so sicheren Safe Space sehr nachdenklich stimmt, wie im Fluge.
Perspektivwechsel
Nur 100 Kilometer Luftlinie vom neuen „Goecke-Hauptquartier“ in Basel nimmt sich die Berner Compagnie eines Stückes an, das Marco Goecke 2014 für das NDT kreiert hatte. Er selbst ließ es sich nicht nehmen, bei dieser Erstaufführung von „Hello Earth!“ dabei zu sein.
Ein riesiges Herz aus Popcorn bedeckt den Bühnenboden. Es hat etwas Versöhnliches, das es hier wie eine Metapher für unser Universum steht, auf das sich, anders als in dem ersten Stück, die die zwölf Tänzer*innen nicht mit einer Innenperspektive zubewegen, sondern von außen. Wie Aliens umkreisen sie flirrend das Herz, bis Toshitaka Nakamura – im Wortsinn beherzt – mit einem Sprung dessen harmonische Form sprengt: der Anfang einer Auflösung. Atemlos erobern sich die Tänzer*innen diesen Raum. Oder versuchen sie, ihm oder etwas zu entkommen, so wie es geduckt Andrey Alves zu versuchen scheint oder Mari Ishida in ihrem Solo zu leicht bedrohlich wabernden Wortfetzen?
Diese Erkundung der Menschheit, des Kosmos lässt Goeckes Choreografie zu Benjamin Brittens „Variations on a Theme by Frank Bridge“ oszillieren zwischen offensiver Getriebenheit und zarter Erschütterung. Das Werk zeigt das, was Goecke so besonders beherrscht: explosiver Kraft behutsam-berührende Poesie zu verleihen. Und wie seinem Titel wohnt dem Stück etwas Liebevolles und gleichzeitig auch Flehendes inne.
Etwas mangelt es – nicht bei allen, aber im Gesamtbild – noch an der finalen Prise des „gewissen Etwas“, das die radikal-präzise Power von Goecke-Werken ausmacht, die sich aber immer wieder bei Compagnien, denen seine Bewegungssprache nicht so vertraut ist, nach mehreren Vorstellungen noch finden kann. Und die Leistung, die hier von den zwölf Tänzer*innen erbracht wird, ist mehr als respektabel und wird begeistert akklamiert. Schön, dass das Bern Ballett mit „Hello Earth!“ nun das zweite Werk von Marco Goecke im Repertoire hat.
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