„Symphony in C“ von George Balanchine, Tanz: Ensemble

Hear the Dance – Feel the Music

Double-Bill „Fearful Symmetries“ am Staatsballett Berlin

Berlin feiert die Rückkehr eines Meisterwerks. Und eine Uraufführung mit vier absurden Figuren.

Berlin, 31/05/2026

Es läuft für Christian Spuck und das Ensemble des Berliner Staatsballettes. Nach dem medialen Volltreffer „Nurejew“ versprach Spuck beim nächsten Mal „Ballett als großartige und herausfordernde Kunst“ zu zeigen. Er wählte dazu ein Werk, das für beides steht: George Balanchines so berühmt wie bei Tänzerinnen und Tänzern berüchtigte Arbeit „Symphony in C“ auf die gleichnamige Sinfonie von Georges Bizet. Bei der Premiere in der Oper unter den Linden hat die Kompanie das Versprechen eingelöst.

Georges Bizets „Symphonie in C“ flirrt aus dem Orchestergraben, während auf der Bühne 50 Tänzer*innen in exakter Formation den gesamten Bühnenraum für das imposante Schlussbild einnehmen. Ein Meer aus weißen Tutus und Korsagen glitzert vor dem berühmten Balanchine-Blue, dem blauen Hintergrund. Dem Eindruck von Größe und Kraft kann man sich nicht entziehen. Die Symmetrie ist das durchgehende Thema dieser Choreografie, bei der Balanchine streng den vier Sätzen der Partitur folgt und dabei vier in sich abgeschlossene Ballette kreierte. Diesen ordnete er jeweils eine Gruppe des Corps de Ballett und ein Solistenpaar zu, das jedem Satz seine eigene Charakteristik gibt. 

Das muss eine Kompanie erst einmal bieten. Berlin hats. Im ersten Satz sind das mit klassischer Akkuratesse Iana Salenko und David Soares, mit ruhiger Linienführung im zweiten Satz der Sinfonie Polina Semionova und Martin ten Kortenaar. Energiegeladen und mit ansteckender Leichtigkeit tanzen Marina Duarte und Jack Easten den dritten Satz, bevor sie alle beim vierten Satz dynamisch verstärkt werden durch Haruka Sassa und Kalle Wigle. 

Höchstmaß an technischer Präzision

„See the music- Hear the dance“ Das ist Balanchines Credo: Komplizierte Partituren übersetzt er im neoklassischen Tanzstil in präzise, komplexe Tanzschritte. Sein Augenmerk liegt auf der Beinarbeit und damit diese auch zu sehen ist, verschlankte er das Tutu zu fast tellerflachen Röckchen. Daran hat sich auch bei der Neuausstattung (Kostüme Elsie Lindström) der Berliner Kompanie nichts geändert, denn auch darüber wacht der Balanchine Trust wie über die Einstudierung. 1969 kam Balanchine selbst dazu nach Berlin. 

Aktuell hat diese Sandra Jennings für die Stiftung vorgenommen. Die anspruchsvollen Schrittfolgen fordern ein Höchstmaß an technischer Präzision, der Umgang mit der Musik eine unübliche Zählweise. Die eigentliche Herausforderung aber ist das Tempo. George Balanchine priorisierte die Musik und das heißt, keine „Beugung“ zugunsten der Tänzer*innen. Dirigent Paul Connelly beichtet, dass er von einem Corps de Ballett deshalb schon einmal ausgezischt wurde, und Christian Spuck erlebte in New York Stürze auf der Bühne. Von all dem blieb der Premierenabend in Berlin verschont. Der umjubelte Schlussapplaus galt neben den Tänzer*innen Dirigent Paul Connelly und der Staatskapelle Berlin.

Nach der Pflicht die Kür 

So großartig sich das Ensemble auch im ersten Teil des Abends geschlagen hat, so befreit, auch von den etwas unförmigen Korsagen, erlebt man die Tänzer*innen bei der Uraufführung von Christian Spucks „Fearful Symmetries“, auf die gleichnamige Musik von John Adams, seine meistchoreografierte Komposition.

Der Begriff der Symmetrie bildet dabei nicht nur im Titel den roten Faden. Christian Spuck deutet ihn als Sinnbild für Machtstrukturen. Aus Feigheit vor dem Vergleich mit Balanchine habe er dazu eine Handlung kreiert, kokettiert er. Es erscheinen vier Gestalten in opulenter Theaterrobe auf der spärlich beleuchteten schwarzen Bühne: eine Königin (Weronyka Frodyma), ihr Liebhaber (Ross Martinson), ein Alchemist (Jan Casier) und ein Narr (Dominik W. Slavkovsky). Sie stehen für Macht, Liebe, Wissenschaft und Ironie. Während sie marionettenhaft in zuckenden Bewegungen und wunderbar komisch einem kleinen goldenen Ball hinterherjagen, haben die Tänzer*innen fast unmerklich den Bühnenraum erobert. 

In Spucks organischem Tanzstil, bei dem sich eine Bewegung aus der anderen fließend ergibt, finden sich Paare zum Pas de Deux, korrespondieren mit Gruppen von Tänzer*innen. Das Geschehen findet zunehmend gleichzeitig statt und löst die Ordnung von hinten und vorne, rechts oder links auf. Dazwischen irrlichtern die vier Gestalten auf der Suche nach – ja was eigentlich? Diese Vier, die dem absurden Theater entsprungen sein könnten, sind ein augenzwinkernder Scherz à la Spuck, ein Ablenkungsmanöver. Das eigentliche Geschehen liegt, wie bei Balanchine, auf der Umsetzung dieser treibenden, überraschenden und enervierenden Musik in Tanz und einer Symmetrie, die aus dem scheinbaren Chaos entsteht. Tosender Applaus für Spucks 29-minütigen Geniestreich.

 

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