„Split State“ von Oriel Santoso, Tanz: Oriel Santoso und Finley Thomas Adams

Zeitgeist im Zwischenraum

Die diesjährigen Bachelor-Arbeiten an der Palucca Hochschule Dresden

Die meisten bleiben „in der Spur“ – Unter dem Motto „On Track“ kommen viele Arbeiten aus einer vergleichbaren Richtung. Nur einer hebt ab, wörtlich. Ausgerechnet um den geht’s aber gar nicht.

Dresden, 23/05/2026

Eins sollte man hier im Hinterkopf behalten: Es ist ihre eigene Entscheidung, wie sich die Bachelor-Studierenden in ihren Abschlussarbeiten ausdrücken. Wahl eines Themas, die Musik, der technische Ansatz der Choreografie. Das ist alles individuelle Geschmackssache. Anders gesagt: Zwölf Arbeiten in der Folge zeigen Einblicke in den Zeitgeist. Und leichtfüßig kommt der momentan nicht gerade um die Ecke. Die meisten Studierenden schöpfen aus dem klassischen Vokabular, einige wenige auf Spitze. Mit überhöhter Geschwindigkeit ist keins der Solos und Duette unterwegs. Stattdessen wirkt es in vielen Arbeiten, als ginge es immer wieder gerade um die Lücke, das Dazwischen, zwischen den Bewegungen, der Moment des kurzen Innehaltens. Tatsächlich spiegelt sich das auch in Titeln wie „In the Stillness between“ (Šimon Mikulášek) und „Beyond the in-between“ (Yeowon Yoon).

Nur Tom Stratz gerät gemeinsam mit Anka Yorimitsu in „Shadow in Light“ momentweise unter Stress. Allerdings ist „Interstellar“ von Hans Zimmer als Soundtrack für sein Vokabular der größeren Geste rhythmisch ganz schön ambitioniert gewählt. Und trotzdem muss man sagen, dass beide in Sachen Interpretation hinreißend unterwegs sind. 

Und an Ambitionen rumzukritteln ist leicht. Stattdessen sollte man sie lobpreisen. Das gilt auch für die komplexen Hebefiguren von Diana Karpekova. Für ihre Arbeit „What I saw in the Water“, einem geradezu neoklassischen Pas de Deux, hat sie mit Wilhelm Julius Waske einen wunderbar kongenialen Partner gefunden, der auch genau für solche Hebefiguren die Voraussetzungen mitbringt. Die professionelle Leichtigkeit in der Ausführung war allerdings zur Premiere noch nicht so ganz da. Desto mehr Respekt verdient der Mut für diesen Ansatz. 

Marco Goecke als Vorbild?

Die zweifellos stärkste Arbeit des Abends ist ausgerechnet ein Solo. In „~13 Reasons~“ zeigt Mariia Kravets als Einzige einen deutlichen contemporary Ansatz. In ihrem schwarzen Kostüm wirkt sie mit ihren flirrenden, schnellen Bewegungen schon irgendwie, als hätte sie ganz viel Marco Goecke konsumiert. Und das mit Erfolg. Keine einzige Sekunde hat hier Schwachstellen, die Dramaturgie ist knackig und das Vokabular auffällig kreativ. Selbst in ihren Sound hat sie viel Arbeit investiert. Da die Gema-Gebühren für Nina Simone nicht direkt im angedachten Budget liegen, hat sie ausgehend von deren kraftvoller Interpretation von „Don’t let me be misunderstood“ eine neue Komposition umsetzen lassen. Und auch bei ihr wird eine konzeptionelle Lücke sichtbar, indem sie inmitten dreier Stühle tanzt, aber auf keinem zum sitzen kommt.

Überraschend ist, dass innerhalb des gesamten Programms der zwölf Arbeiten gerade einer aus dem Rahmen fällt, oder besser springt, der eigentlich mit dem Ganzen nicht direkt etwas zu tun hat. Die Vorgaben für die Bachelor-Absolventen sehen vor, dass sie sich für ein Duett eine Partnerin oder einen Partner aus den jüngeren Jahrgangsstufen auswählen. Im Fall von „How are you“ hat sich Takatoshi Ohno aus der 1. Stufe der Bachelor-Studierenden Chinatsu Yamazaki gewählt. Und der braucht nur einen Grand Jeté hinzuwerfen, und beim Publikum klappt die Kinnlade in Richtung Boden. Seine Sprungkraft ist geradezu verblüffend, während er gleichzeitig eine augenscheinlich mühelose Leichtigkeit mitbringt, dass einem die Worte fehlen. 

Angesichts der Tatsache, dass also hier gleichzeitig das Niveau der Absolvent*innen und einzelner Studierenden jüngerer Jahrgänge sichtbar wird, ist eins klar: Um Technik und Ausdrucksfähigkeit muss man sich an keiner Stelle Sorgen machen. Und der Appetizer für den nächsten Jahrgang steckt da auch schon mit drin. Dass es stellenweise in einzelnen Arbeiten noch etwas an der Dramaturgie zu schrauben gäbe, kann man da getrost durchgehen lassen. 

 

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