„Quinceañeras“ von und mit Estefanía Álvarez Ramírez und Luisa Fernanda Alfonso

Reclaiming the princesses

Deutschlandpremiere von „Quinceañeras“ von Estefanía Álvarez Ramírez & Luisa Fernanda Alfonso im PACT Zollverein

Viel Glitzer, Strass und Schuhe für zwei Prinzessinnen: „Quinceañeras“ examiniert den lateinamerikanischen Zauber des 15. Geburtstags.

Essen, 01/06/2026

Die Bühne ist strukturiert durch eine zentrale Arkade, einen weißen Teppich und ein Buffet, das an das Setting einer Hochzeit erinnert. Allerdings handelt es sich hier um das Ritual der Quinceañeras, das in lateinamerikanischen Traditionen verwurzelt ist. An ihrem fünfzehnten Geburtstag feiern junge Mädchen ihren Übergang in die womanhood. Doch das Tänzerinnen-Duo tritt nicht durch diese imposante Arkade ein, sondern erscheint seitlich und setzt sofort den Ton: „Quinceañeras“ wird mit unseren Erwartungen spielen. In einer grandiosen Szenografie aus rosa Tüllröcken, Stoffen, weißen Baisers und einer Vielzahl gelber Bänder dekonstruieren und erfinden Estefanía Álvarez Ramírez und Luisa Fernanda Alfonso die Idee des Rituals neu.

Die Choreografie wirkt zunächst beinahe skizziert: Schritte aus der klassischen Technik, kaum betont, die an die ersten Tanzversuche der Kindheit erinnern. Nach und nach erscheinen Figuren von Prinzessinnen oder Feen, die jedoch sofort durch die Gesichter der Performerinnen relativiert werden – facettenreich, manchmal verspielt und lachend. Diese Szenen strukturieren das Stück, doch die Beiden scheinen sich regelmäßig aus dem Fest zu lösen. Das Warten wird dabei zu dramaturgischen Material: lange Momente ohne Bühnenpräsenz zwingen das Publikum, sich auf die Musik zu konzentrieren, die nicht länger bloße Begleitung ist, sondern zu einem aktiven Bestandteil der Komposition wird. Die Fremdheit, „Happy Birthday“ zu hören, ohne dass eine Feier sichtbar wird, verstärkt diese Verschiebung und lenkt uns zunächst ab, bevor sie uns schließlich in ihren Bann zieht.

Wo also ist die Quinceañera? Die Künstlerinnen verlagern das Fest in die Imagination der Zuschauer*innen, zwischen Klängen von Zauberstäben und Kirchenglocken, durch präzise Gesten und humorvolle Posen.

Schrittweise Tranformationen zur womanhood

Die beiden kolumbianischen Künstlerinnen wechseln ständig ihre Schuhe und steigen dabei schrittweise in immer höhere Absätze, in Anlehnung an ein traditionelles Übergangsritual zwischen Kindheit und Weiblichkeit. Diese schrittweise Transformation, sowie die Konstruktion von Weiblichkeit selbst bilden einen zentralen Strang ihrer Recherche. „Quinceañeras“ erkundet so unterschiedliche Formen weiblicher Repräsentation durch eine Abfolge von Rollen: abwechselnd Freundinnen, Kinder oder Kurtisanen füreinander. Momente scheinbarer Naivität wechseln sich mit Szenen ab, in denen sexuelle Handlungen angedeutet, fast explizit werden, jedoch stets teilweise durch die Röcke verborgen bleiben.

Doch die Feier der „Quinceañeras“ ehrt immer nur ein junges Mädchen. Nicht zwei. Die Bühne im PACT wird so zu einem Aushandlungsraum zwischen zwei Körpern, die sich eine einzige Zeremonie teilen, mit ihren Erwartungen und Wünschen. Eine der Strategien des Duos besteht darin, Spiegelbewegungen zu nutzen, um diese Freundschaft zu verkörpern. Dieser Ansatz mag zunächst offensichtlich oder zu einfach erscheinen, wird jedoch durch ihre Interpretation und eine bewusst eingesetzte Selbstironie bereichert. So zeigen die beiden erneut ihre Fähigkeit, Traditionen, choreografische wie nicht choreografische, als Spiel- und Experimentierfeld zu nutzen.

Über diese Feier hinaus spricht Quinceañeras vor allem von ihnen selbst: von ihrer Freundschaft, aber auch von ihrem Verhältnis zur Migration. Für die beiden lateinamerikanischen Künstlerinnen, die in Deutschland und Belgien leben, ist das Stück eine gemeinsame Antwort auf den Wunsch, lateinamerikanische und europäische Elemente miteinander in Beziehung zu setzen und Traditionen sowie folkloristische Tänze in ihren soziokulturellen Bedeutungen und den daraus entstehenden Bewegungen zu untersuchen. „Quinceañeras“ ist, wie sie es in ihrem Artist Talk formulieren, eine Form der Versöhnung.

 

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