Daumenkino im Zeitraffer
Krönender Abschluss des Jubiläums 15 Jahre Bayerisches Junior Ballett München im Prinzregententheater
Sie sind jung, ambitioniert und ausgesprochen talentiert. Der Münchner Ballett-Nachwuchs hat Elan, beeindruckt mit Höchstleistungen und vermag mit seiner Leidenschaft für den Tanz, jeden Zuschauer anzustecken. Jorma Elos rasanten Neoklassiker „Slice to Sharp“, Jiří Kyliáns melancholische „Lieder eines fahrenden Gesellen“ und als wilden Rausschmeißer „Devil’s Kitchen“ von Marco Goecke an drei aufeinanderfolgenden Abenden aufzuführen, wäre selbst für arrivierte Profis kein Zuckerschlecken. Und dabei stehen diese 17 Tänzerinnen und Tänzer aus 12 Ländern erst am Anfang ihrer beruflichen Laufbahn.
Zum Auftakt präsentiert sich das Bayerische Junior Ballett München (BJBM) heiter strahlend und virtuos energiegeladen in atemberaubend vertrackten und unvorhersehbaren Figuren. Nicht bloß die teils wagemutig geworfenen Hebungen, sondern der gesamte Stückverlauf sind in „Slice to Sharp“ des Finnen Jorma Elo voller geschliffen sauberer Positionen und tückischer Richtungswechsel. Letztere werden den Interpret*innen sogar inmitten von Drehungen oder Sprüngen abverlangt. Das irrwitzige Tempo gibt Barockmusik von Heinrich Ignaz Franz Biber und Antonio Vivaldi vor. Tanz pur trifft auf pfiffig-verspielte körperliche Ausführung. Pointierter Witz wird mit flexibler Geschmeidigkeit und messerscharfer technischer Brillanz kombiniert. Da kippen die Frauen in Spitzenschuhen den Männern schon mal in den Arm. Und diese schleppen ihre Partnerinnen wiederum fort, als hätten sie steife Stockschirme am Ellbogen hängen.
Dem gut harmonierenden BJBM-Oktett aus vier Frauen (Vera Cortell, Hanxi Wang, Tahlia Szumowski, Rose Perrot) und vier Männern (Axel Mero, Joe Bratko-Dickson, Benedetto Fenni, Mark Sims) gelingt es, den enormen Schwierigkeitsgrad der präzisen musikalischen Umsetzung wegzulächeln. Zusammen durften sie das Werk im November 2025 erstmals zeigen. Nun lassen sie schön durchschimmern, dass sie sich der extremen Geschwindigkeit erneut – locker wie kämpferisch – stellen. Auftritt für Auftritt können sie dabei nur gewinnen. Immerhin hat Elo „Slice to Sharp“ vor 20 Jahren den Solisten des New York City Ballet auf den Leib choreografiert.
Emotionaler Umbruch mit Mahler
In eine graue Welt emotionalen Umbruchs entführen Elzė Sadauskaitė/Benedetto Fenni, Olja Aleksić/Manuel Mircuda, Apolline Hartz/ Joe Bratko-Dickson, Vera Cortell/Ata Naci Aktaş, Danielle Beskur/Mark Sims das Publikum im Anschluss. Nach drei Jahren sind Jiří Kyliáns „Lieder eines fahrenden Gesellen“ wieder in München zu sehen. Fünf Paare mit ihrer Freude und Wehmut – zwischen Schmerz, Trauer und hoffnungsgetränkter Aufbruchsstimmung – stehen im Zentrum des immer noch sehr bewegenden Stücks, das Kylián, der 1968 aus Prag fliehen musste, nach der ersten Rückkehr in seine Heimatstadt 1982 für das NDT erarbeitet hat. Den Titel seiner „Road-Choreografie“ übernahm er von der zugrunde gelegten Musik: Gustav Mahlers „Lieder eines fahrenden Gesellen“. Der schwarz-weiß gemalte Hintergrundprospekt von John F. Macfarlane lässt einen hellen Weg in die Ferne erahnen. Visuelle Eindrücke, die zum Nachdenken anregen und noch lange nachwirken.
Rohe Emotionen mit Pink-Floyd
Vor einem Jahr erst – anlässlich des 15-jährigen BJBM-Jubiläums – hatte Marco Goeckes „Devil’s Kitchen“ hier an der Prinzregentenstraße seine umjubelte scharfkantige Uraufführung gefeiert. Nun kehrte das eigens von Goecke in intensiver Zusammenarbeit mit der damaligen Besetzung kreierte Werk an seinen Premierenort zurück. Für dessen Erarbeitung war der Choreograf damals im selben Wohnheim wie der Nachwuchs untergebracht.
Emotional roh rauscht Musik von Pink Floyd über die Bühne. Kunstnebel hängt in der Luft. Ein erster Tänzer rennt aus der an den Rändern vorherrschenden Dunkelheit vor zur Rampe. Um seinen Hosenbund baumeln Ketten. Sein Gesicht ist angespannt, die Bewegungen explosiv. Bald gesellt sich ihm eine nicht minder aufgeregte Tänzerin zur Seite. Beider Hände verschachteln sich – wohl stellvertretend für eine recht hitzige Debatte. Schon stürmt ein weiteres physisch spannungsgeladenes Paar herbei. Auch in ihrer gestischen Kommunikation liegt der Teufel im nicht klar dechiffrierbaren, dafür sehr assoziationsreichen Detail.
Schnell füllt sich der leere Raum. Kurze, scheinbar sehr intuitive Tête-à-Têtes werden von vermeintlich solistischen Impromptus flankiert oder von plötzlich auftauchenden Gruppen geschluckt. Ein dramatischer, mittendrin akustisch von Hundebellen konterkarierter Kosmos an Gefühlen macht sich breit – musikalisch unterminiert von den psychedelischen Pink-Floyd-Songs „Wish you were here“ und „Dogs“. Gemütsbewegungen, subtile Regungen und übertriebene Affekte: Alles überlagert und verwandelt sich ständig. Nebenbei schnellen Arme und Beine in Attitüden von höchst technischem Anspruch durch die Luft. Gesten – ausgeführt mit so gar nicht ballettöser Heftigkeit – werden zu quasi zischenden Ventilen für tief im Inneren aufgestaute Wut.
Goeckes stilistische und ästhetische Eigenarten verlangen jedem unheimliche Power und Dynamik ab, die es stets mit einem Hauch geheimnisvoller Düsternis zu kombinieren gilt. Dennoch vermisst man im Vergleich zur Uraufführung die seinerzeitige Vehemenz. „Devil’s Kitchen“ fühlt sich diesmal irgendwie softer, weniger existenziell, kaum mehr frustgesteuert beziehungsweise eruptiv wie der höllische Vulkanausbruch einer geschlossenen Gesellschaft aufgewühlter Seelen an. Und das, obwohl alle 16 Interpret*innen durchweg körperlich ausgesprochen intensiv auftreten.
Aber eine Rolle selbst zu kreieren oder die Partie später gut gecoached zu übernehmen, sind halt zwei paar Stiefel. Zumal im harten Profibetrieb großer Companies leicht jemand untergeht, wenn er oder sie sich über die schöne Linie und tolle Technik hinaus nicht auch als Charakter zu behaupten weiß. Es will eben gelernt sein, sich den individuellen, inhaltlich und energetisch ganz persönlichen Zugriff auf Rollen, die man nur aus zweiter Hand beigebracht bekommt, zu erarbeiten. Genau aus diesem Grund sind Ensemble wie das BJBM als Karrieresprungbrett so wichtig.
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