Wechsel in Regensburg
Wagner Moreira gibt mit Ende der Spielzeit die Leitung des Tanzensembles ab
„Coppélia – Ein mechanischer Traum“ von Wagner Moreira am Theater Görlitz/Zittau
Von dem Versuch, eine neue Epoche an der Tanzsparte zu starten sprach Philipp Bormann, seit dieser Spielzeit Intendant des Theaters Görlitz/Zittau, bei der Premierenfeier. Der Anlass dafür war die erste abendfüllende Arbeit des neuen Leiters der Tanzcompagnie am Haus. Wagner Moreira hatte vor 20 Jahren selbst am Haus getanzt. Über die Landesbühnen Sachsen und Regensburg, wo er jeweils die Tanzsparte leitete, ist er also „zurückgekehrt“. Und das Publikum hat ihn ausgesucht freundlich empfangen.
In seinem „mechanischen Traum“ reduziert Moreira die ohnehin übersichtliche Handlung noch weiter hin zu reinem Divertissement. Keine Swanilda, kein Franz, keine Eifersüchteleien. Hier gibt’s nicht mal eine klar erkennbare Coppélia. Stattdessen ist die Sache reduziert auf den Gedanken der (Selbst-)Optimierung und der Befragung des Sinns dahinter. Wo sich Coppelius im Original mit Coppélia eine Puppe schafft, der er Leben einhauchen möchte und die Anlass für ein Zerwürfnis zwischen Franz und Swanilda ist, zieht sich der Sonderling hier die Bauteile für seine Experimente aus einem Automaten. Zuallererst, natürlich: ein Herz. Und einen Kopf. Vielleicht das Wichtigste. Schließlich eine Hand, ein Bein. Während alle anderen um ihn herum fröhlich in bunten Farben das Leben feiern. Er gehört auf jeden Fall nicht zu der farbenfrohen Meute. Und da alle ohne konkrete Charakterzuschreibungen unterwegs sind, setzt sich der ganze Abend hauptsächlich aus Ensembleszenen zusammen. Die Figur des Coppelius selbst ist gedoppelt und hat einen kleinen Jungen zur Seite, der deutlich macht, dass das Interesse an Körpern schon früh vorhanden war.
Neue akustische Ebenen
Die Neue Lausitzer Philharmonie unter der Leitung von Ulrich Kern trägt das ganz entspannt. Léo Delibes‘ bekannte Kompositionen geben einen Rahmen vor, der Moreira nicht gereicht hat. Eine Mischung aus klassischem Ballett, zeitgenössischem Tanz und urbanen Einflüssen wollte er auf die Bühne stellen. Das macht er auch gleich zu Beginn deutlich. Pirouette à la seconde direkt neben einem one-handed handspring. Und dazu ein bisschen ritueller Volkstanz.
Wie aber lässt sich das umsetzen, ohne dem Rhythmus eines seichten Walzers davonzurennen? Diese Aufgabe hat hier Jarii van Gohl übernommen. Der DJ ist mit seinem Set im ersten Teil des Abends am Coppelius’schen Haus direkt auf der Bühne platziert. Von dort aus kommuniziert und spielt er mit dem Orchester, ohne sich dabei akustisch in den Vordergrund zu drängen. Oft sieht man eher seine Bewegungen, als dass man neue akustische Ebenen wahrnehmen würde. Wie zufällig kommen dann irgendwann Loops und Echoes an, die so nicht von den Musikern stammen können. Wenn er dann über alles einen Beat schiebt, ist das eine überraschende Bereicherung. Nur kann er damit ja nicht am Tempo drehen. Entsprechend sind auch den choreografischen Ansätzen in ihrer Vielfalt Grenzen gesetzt. Wirkliche Powermoves sind da nicht möglich. Trotzdem funktioniert das im Zusammenspiel.
Mechanische Bewegungen auf dem Balkon
Für die Brücke zwischen der mechanischen Puppe Coppélia und dem inhaltlichen Ansatz mit der Frage nach Perfektion hat sich Moreira Sophie Hauenherm als Gast dazugehört. Die Absolventin der Palucca Hochschule für Tanz in Dresden tanzt aufgrund einer körperlichen Einschränkung mit Gehhilfen und bringt so, nolens volens, Bewegungen mit, die sich als „mechanisch“ lesen ließen. Dabei macht die Inszenierung den einzig richtigen Kniff und setzt Hauenherm gerade nicht in den Fokus. Sie ist nicht die Coppélia, obwohl sie vom Coppelius’schen Balkon aus ruckelnde Bewegungen zeigt. Der Punkt ist hier, dass sie sich eben inmitten derer bewegt, die alle selbst nicht perfekt sind. Sie ist eine von ihnen, keine künstliche Kreation.
Das wäre alles schön und gut, würde nicht die Neugier siegen: Hier schleichen sich gleich alle in Coppelius‘ Haus, als dieser mal vergisst, die Tür abzuschließen. Drinnen lagern in einer Ecke haufenweise Körperteile. Sonst scheint alles eher „normal“ zu sein. Sukzessive aber tauschen sich die Tänzer*innen aus gegen austauschbare Körper ohne Individualität. Unter haarsträubenden Knack- und Schmatzgeräuschen, die an das Ausweiden eines Tieres denken lassen, bekommen alle das gleiche blaue Kleid mit helmartiger dunkler Perücke verpasst. Alle sind Coppélia. Eine groteske, seelenlose Riege. Lange hält dieser Zustand allerdings nicht an. Sukzessive „verwandeln“ sich alle wieder zurück, bis die farbigen Kostüme aus dem Anfang wieder Leben auf die Bühne bringen.
Gerade weil das ohne weitere Handlung auskommt, wären einige dramaturgische Straffungen vielleicht nicht ganz schlecht gewesen, da vor allem im zweiten Teil szenenweise der Eindruck entsteht, das trete etwas auf der Stelle. Das Premierenpublikum war das allerdings offenbar anderer Meinung und hat das Ensemble mit für das Haus seltener Begeisterung gefeiert.
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