„Romeo / Juliet Paradise“ von Winnie Ange, Eya Khalifa und Elise de Heer

Outside the Box

„Romeo / Juliet Paradise“ in einer deutsch-ruandischen Koproduktion am Theater Görlitz

Shakespeare in Afrika? Oder was passiert eigentlich, wenn augenscheinlich so verschiedene Kulturen aufeinandertreffen?

Görlitz, 12/04/2026

Auf den Zusatz „deutsch-ruandische Tanz-Koproduktion“ sollte man hier nicht zu genau schauen. Man könnte sonst enttäuscht sein, angesichts des Ausbleibens irgendwie „afrikanisch“ gearteter künstlerischer Ausdrucksformen. Entscheidender ist ein Blick ins Programmheft von „Romeo / Juliet Paradise“. Auf der Besetzungsliste stehen nämlich weder Capulet noch Montague, die beiden bei Shakespeare so miteinander verfeindeten Familien. Da sind nur die Namen der Tänzerinnen und Tänzer aufgeführt, unter ihnen fünf Gäste aus Ruanda. Und dahinter: Länderkürzel. Damit ist der Ansatz klar. Es geht hier nicht um ein „Deutschland trifft Ruanda“. Dass Tanz schon immer global war und ist, gilt natürlich auch für das Görlitzer Ensemble. Japan, Italien, Griechenland. Die Liste ist lang. 

Entsprechend sind auch die beiden hier genutzten Stoffe, die tragische Liebesgeschichte von „Romeo und Julia“ und die biblische Schöpfungsgeschichte, nur in Motiven verwendet worden. Im Kern dieses Abends findet sich die Frage nach den Möglichkeiten des Miteinanders der Menschen und die Frage danach, wer was wie in eine Gemeinschaft einbringen kann. Natürlich bleibt das nicht frei von Konflikten. So liegen Romeo und Julia gleich zu Anfang scheinbar tot auf der leeren Bühne. Eine Djembé, eine afrikanische Bechertrommel, haucht ihnen aber wieder Leben ein. Da gibt es zwar einen Apfel und eine mysteriöse, verführerische Gestalt, die sich als die Schlange im Paradies lesen lässt, aber die gesamte Arbeit kommt ohne konkreten Handlungsstrang aus. Niemand hält sich lange mit komplizierten Verstrickungen auf.

Ganz verschieden, aber gleich

Fast wirkt es so, als würde das Ensemble tänzerisch durchprobieren, was es denn war, das die Montagues und Capulets ihrerzeit falsch gemacht hatten. Und wie es sich besser machen ließe. Und siehe da: So schwer ist die Sache gar nicht. Es braucht halt nur grundlegenden Respekt füreinander. Das wird sichtbar, wenn die Capulets, wie so oft auch hier als die Steifen, Zugeknöpften skizziert, eine Art höfischen Tanz zelebrieren. Würdevoll wird da langsam umhergeschritten. Die Kompositionen von Konstantin Dupelius und Falk Schönfelder verpassen dieser Szene entsprechende, barockartige Klänge. Das klingt schon ziemlich nach Cembalo. 

Ganz langsam schieben sich dann aber trommelartige Rhythmen unter die Musik. Ohne ihre Grundstruktur zu verlieren, wandelt sich die Musik hin zu einem ganz anderen Genreansatz, wird leichtfüßig, und prompt kommen die Montagues dazu. Lässig und cool machen sie aus den neuen Rhythmen eine ausgelassene Uptempo-Nummer. Und das, während gleichzeitig neben ihnen die Capulets noch immer ihr höfisches Ding machen. Da tanzen also zwei Gruppen nebeneinander zwei völlig verschiedene Stile gleichzeitig zu ein und derselben Musik. Die Wirkung dessen ist so verblüffend, wie simpel die damit verbundene Message ist: Wir tanzen auf unsere eigene Weise, aber alle zum gleichen Beat. Als wäre das nicht schon beeindruckend genug, geht das auch noch in einen fröhlichen Battle der Familien über.

Nichts „Afrikanisches“

„Romeo / Juliet Paradise“ kommt also gar nicht auf die Idee, etwas „Afrikanisches“ herauszustellen. Was wäre denn auch ein „afrikanischer Tanzstil“? Und wie würde man dem einen „europäischen“ oder, im schlimmsten Fall sogar „deutschen“ danebenstellen? Durch den Fokus darauf, was die einzelnen Tänzerinnen und Tänzer selbst mitbringen, als Individuen, wird jegliche eurozentristische Perspektive vermieden, kein Machtgefälle hin zu einem „Globalen Süden“. Und gleichzeitig auch keine Form etwaiger kultureller Aneignung. Wenn alle synchron tanzen, sind das einfach zeitgenössische Bewegungsformen, die sich nicht weiter mit Bezug auf irgendeinen Kulturraum spezifizieren lassen.

Wichtiger ist das Aufeinandertreffen dieser so verschiedenen Menschen. Die Leichtigkeit im Ausdruck wirkt so selbstverständlich, dass man sich als Publikum kaum vorstellen kann, dass sich die Künstler*innen in ihrer Arbeit natürlich auch erst haben einander annähern müssen. Was sie als Gemeinsamkeit gefunden haben ist ganz offensichtlich die Freude am Austausch, am Miteinander. Das ist auch von einem feinen Humor durchzogen. So könnte man einfach nur wahrnehmen, dass in einer Szene eine Tänzerin auf einem Fahrrad über die Bühne fährt. Bedenkt man aber, dass hier mit Eefje van den Bergen eine Niederländerin auf dem Fahrrad sitzt, wird deutlich, wie mit einem Augenzwinkern Klischees einfach gefeiert werden. 

Das verdankt sich auch der Mischung der choreografischen Ansätze. Neben Winnie Ange und Eya Khalifa aus Ruanda hat hier Elise de Heer mitgewirkt, die bis letzte Spielzeit selbst lange am Haus getanzt hat. Das Ergebnis hat eine unverkopfte Leichtigkeit, die zur Premiere das Publikum geradezu elektrisiert hat.

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