Ein Triumph der Jugend
John Neumeier eröffnet die 48. Hamburger Ballett-Tage mit „Romeo und Julia“
Er ist eigentlich promovierter Pharmazeut und fand erst als Erwachsener zum Tanz, dafür aber so richtig: Hervé Koubi. Im Jahr 2000 gründete er seine eigene Kompanie und zählt inzwischen zu den spannendsten zeitgenössischen französischen Choreografen. Jetzt haben ihn Lloyd Riggins und Nicolas Hartmann, die interimistischen Direktoren des Hamburg Ballett, als Gastkompanie zu den 51. Balletttagen eingeladen. Koubi brachte seine 14 Tänzer mit, allesamt aus Nordafrika: Algerien, Marokko und Burkina Faso. Keine ausgebildeten Profis, sondern Männer von der Straße, die sich dem Streetdance, Hiphop und Sufi verschrieben haben. Brillante, kraftstrotzende Virtuosen jeder einzelne.
Und um sich dem hanseatischen Publikum in der gut verkauften Hamburgischen Staatsoper mit den zwei Stücken, die an den beiden Gastspieltagen gezeigt werden sollten, besser bekannt zu machen, trat Hervé Koubi vor Beginn der Vorstellung erstmal vor den Vorhang: Aufgewachsen in Frankreich habe er erst spät, mit 35 Jahren, von seinen nordafrikanischen Wurzeln erfahren, berichtet er auf Deutsch. Er vereine beide Ursprünge schon in seinem Namen: mit dem Vornamen Hervé das Französische, mit dem Nachnamen Koubi das Algerische. Seine Mutter ist Muslima, sein Vater Jude: „Es bedeutet Glück für mich, daran erinnert zu werden, dass jahrhundertelang alle Religionen friedlich miteinander lebten, egal, woher sie kamen“, sagt er. „Wurzeln sind älter als nationale Identitäten. Geschichte wiederholt sich, es liegt an uns, sie anders zu gestalten.“
Mit dem 2010 entstandenen „El Din“ und „Les Nuits Barbares Ou Les Premiers Matins Du Monde“ aus 2015 gestaltete er dann erstmal einen sehr besonderen Abend, der das Publikum immer wieder in staunende Andacht versetzte ob der Kraft und Dynamik, die die Tänzer auf der Bühne entfesselten.
Kampf und Versöhnung
„El Din“ ist arabisch und bedeutet Schuld. Ein Gefühl, das Hervé Koubi befiel, als er sich mit seinen algerischen Wurzeln auseinandersetzte. Das 30-minütige Stück, ein Auschnitt des größeren „„Ce que le jour doit à la nuit“, beginnt in der Stille, während die ganz in weiße Hosen und Wickelüberröcke gekleideten Männer ihren wilden Reigen beginnen. Zu einer musikalischen Collage aus traditioneller nordafrikanischer Musik und Johann Sebastian Bachs Johannespassion schlagen sie Rad, wirbeln mit Salti und Flic-Flacs über die Bühne, drehen wilde Headspins, unterbrochen von Phasen der Ruhe, der Begegnung, der Akzeptanz und des Friedens. Schuld und Vergebung halten sich hier in einer glücklichen Balance.
Nach der Pause dann „Les Nuits Barbares Ou Les Premiers Matins Du Monde“. Die Musik wiederum eine Collage aus algerischer Volksmusik, Richard Wagner, Wolfgang Amadeus Mozart und Gabriel Fauré, zusammengestellt von Maxime Bodson. Mit silbrig schimmernden Glitzerhelmen bewegen sich die Tänzer über die sparsam ausgeleuchtete Bühne (Licht: Lionel Buzonie), die „Ohren“ auf den Helmen entpuppen sich später als Dolche, mit denen wilde Messertänze vollführt werden. Erst nach und nach werden die Helme abgelegt und zeigen sich die Menschen in ihrer Schlichtheit.
Es folgen 75 Minuten Rituale, Erinnerungen an archaische Bräuche, Krieg und Frieden, Kampf und Versöhnung, sich hineinwerfen in das Leben und hinausbegleitet werden. Hier offenbaren sich einige Schwächen in der Choreografie, die sich zu oft wiederholt und immer wieder neue Kreise zieht. Und mit all den Kämpfen und kriegerischen Gebärden ist da doch auch etwas viel Testosteron auf der Bühne unterwegs ... Da wäre weniger definitiv mehr gewesen.
Zugutehalten muss man Hervé Koubi allerdings, dass er nicht der Versuchung erliegt, das Ganze zu effekthascherisch aufzubauschen. So verblüffend die Hip-Hop-Einlagen immer wieder sind in ihrer Virtuosität, so selbstverständlich werden sie doch eingesetzt und fügen sich in das große Ganze. Das Publikum staunte und feierte alle Beteiligten mit Standing Ovations.
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