51. Nijinsky-Gala: „Yondering“ von John Neumeier, Tanz: Ballettschule des Hamburg Ballett

Lebendiges Erbe

51. Nijinsky-Gala zum Abschluss der Hamburger Balletttage

Lloyd Riggins präsentierte ein vielfältiges Programm, das Anlass zu Hoffnung und Zuversicht, aber auch zu ein bisschen Sorge gab.

Hamburg, 08/07/2026

Die traditionelle Gala zum Abschluss der Spielzeit bietet immer einen Anlass für einen Rückblick auf die zurückliegende Saison. Diese sei wie ein Grand Jeté gewesen, sagte Lloyd Riggins, Künstlerischer Direktor des Hamburg Ballett und Moderator des Abends. Ein Sprung in die Luft im Spagat, bei dem man sich in einem hohen Bogen recken und strecken muss, um dann wieder gut auf dem Boden zu landen, in diesem Fall in einem „stärkeren Gefühl der Sinnhaftigkeit“. Es war die erste Spielzeit, die er gemeinsam mit Betriebsdirektor Nicolas Hartmann zu gestalten hatte, „eine große Verantwortung und ein Privileg“, teilweise noch vorgeprägt durch Engagements, die Demis Volpi veranlasst hatte (z.B. Teile des Ballettabends „Fast Forward“, den Volpi noch als „Kein Zurück“ betitelt hatte, im Dezember, siehe tanznetz vom 23. Februar 2026 oder „Wunderland“ von Alexej Ratmansky, siehe tanznetz vom 20. Juni 2026). 

Das lebendige Erbe der 50-jährigen Arbeit von John Neumeier sei das wertvolle künstlerische Fundament, auf dem die Kompanie stehe, ihre DNA, die sie auch in die Zukunft trage, betonte Riggins. Weshalb der Auftakt den Schüler*innen der Ballettschule des Hamburg Ballett gehörte, die mit „Yondering“ gekonnt und spritzig einen immer wieder gern gesehenen Klassiker Neumeiers zeigten. Mit Pas de Deux aus „Anna Karenina“ (sehr schön präsentiert von Anna Laudere und Edvin Revazov), „A Cinderella Story“ (mit Charlotte Larzelere, die an diesem Abend zur Ersten Solistin befördert wurde, und Hamburgs Neuerwerb Callum Linnane – wobei sich beide in diesen Rollen aber erkennbar noch nicht so ganz heimisch fühlten), einem Auszug aus der „Matthäus-Passion“ (bei dem das Bundesjugendballett etwas überfordert erschien), „Opus 100“ (mit dem wie immer brillanten Alexandre Riabko sowie Marijn Rademaker von WINN Dance) und „Epilog“ (mit Alina Cojocaru, Lennard Giesenberg, Aleix Martínez und Caspar Sasse) war Neumeiers lebendiges Erbe an diesem Abend gut vertreten. 

Zu dieser „Living Legacy“ gehören aber natürlich noch andere. Und so pfefferten Ana Torrequebrada und Louis Musin (der zum Ersten Solisten befördert wurde) genüsslich die „Tarantella“ von George Balanchine zu Musik von Louis Moreau Gottschalk auf die Bühne. Und wenn Lloyd Riggins das Programm zusammenstellt, darf auch August Bournonville nicht fehlen, hier in Form eines Pas de Trois aus „La Ventana“ (mit Futaba Ishizaki, Charlotte Kragh und Francesco Cortese vom Hamburg Ballett).

 

Von Martha Graham bis zu Emma Portner 

Fast hundert Jahre zurück liegen die Kreationen „Lamentation“ und „Satyric Festival Song“ von Martha Graham, muten aber an wie gestern kreiert. Anne Souder von der 1926 gegründeten Martha Graham Company zelebrierte beide Werke höchst gekonnt. 

Weniger beeindruckend dagegen drei Werke von zeitgenössischen Choreografinnen: „And So Am I“ von Neshama Nashman, ein eher fragwürdiger, reichlich aggressiver Pas de Deux für zwei Frauen zu kratzigen elektronischen Klängen, bei dem die eine die andere am Schluss unter heftigen Stöhnlauten umbringt. Silvia Azzoni zeigte hier zwar, dass sie auch diese abgehackte, eckige Tanzsprache grandios umzusetzen vermag, und Emilie Mazón (die damit ihren Abschied vom Hamburg Ballett nahm) passte sich dem ebenfalls eindrucksvoll an. Aber man fragt sich schon, ob gerade diese Choreografin (neben Yuka Oishi und Kristina Paulin) eine gute Wahl war für den im März 2027 bevorstehenden dreiteiligen Abend über Virginia Woolf. 

Auch der Auszug aus „From In“ von Xie Xin, den sie zusammen mit ihrem Partner Liu Xue zeigte, war wenig aussagekräftig und erschöpfte sich weitgehend in immer wiederkehrenden fließenden Bewegungen, die Xie Xin allerdings perfekt beherrscht. 

Ebenfalls eher schwach der Pas de Deux „Islands“ von Emma Portner, den Heather Ogden und Emma Ouellet vom National Ballet of Canada zu einer Musik-Collage präsentierten. Da gibt es Spannenderes von anderen heutigen Choreograf*innen … 

Das bewies z.B. der Pas de Deux aus „Äther“ von Aleix Martínez aus „Romantic Evolution/s“ zu „My Heart’s in the Highlands“ von Arvo Pärt (siehe tanznetz vom 9. Dezember 2025), den Hayley Page und Florian Pohl aufs Feinste zelebrierten. Das bewies darüber hinaus der Auszug aus „Distant Light“ zu Musik von Georg Friedrich Händel und Bryce Dessner von Edvin Revazov, den das sechsköpfige Hamburger Kammerballett zusammen mit Xue Lin, Olivia Betteridge (die ebenfalls zur Ersten Solistin avancierte), Daniele Bonelli und Artem Prokopchuk darboten. Revazov überrascht hier immer wieder mit neuen Einfällen und einer überzeugenden Bewegungssprache. 

Schwungvoll dann der Rausschmiss mit einem Auszug aus Neumeiers „Shall We Dance?“ zum Schluss, mit dem sich das gesamte Ensemble in Frack und Zylinder in die Ferien verabschiedete. Und das gab dann doch wieder Anlass zu Hoffnung und Zuversicht für die nächste, umbaubedingt verkürzte Saison (im Orchestergraben der Staatsoper muss einiges repariert und modernisiert werden), denn das Hamburg Ballett präsentierte sich sowohl während der Spielzeit als auch an diesem Abend in Bestform. 

Simon Hewett leitete das Philharmonische Staatsorchester mit sicherer Hand durch die verschiedenen musikalischen Herausforderungen des Abends. 

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