„Wunderland“ von Alexei Ratmansky am Hamburg Ballett. Tanz: Daniele Bonelli, Olivia Betteridge

Kraft der Phantasie

„Wunderland“ von Alexei Ratmansky im Rahmen der 51. Hamburger Ballett-Tage und der Tanztriennale

Eine fiktionale Story, schräge Typen. Wie setzt man das in Tanz um? Bei Ratmansky lässt sich bewundern, wie das geht. Und das Ensemble erblüht zu neuer Pracht.

Hamburg, 20/06/2026

Man kann sich lange den Kopf zerbrechen, was Lewis Carroll uns 1865 mit „Alice im Wunderland“ und 1871 mit „Alice hinter den Spiegeln“ wohl erzählen wollte. Eine Metapher auf das Leben in seiner Abgründigkeit und Vielfältigkeit? Eine Ermahnung, auch Außenseiter zu respektieren? Das Abgründige im Normalen zu suchen? Nicht alles immer so bierernst zu nehmen? Alles hat seine Berechtigung, und doch ist es ziemlich egal. Weil das Wesentliche nicht im Verstand zu suchen ist, sondern im Gefühl. Nicht im Hirn, sondern im Herzen. Und deshalb ist diese Uraufführung, das erste große Handlungsballett seit Neumeiers „Glasmenagerie“ 2019, ein Werk, das man mit dem Herzen sehen muss. Eines, das man nicht analysieren, sondern auf das man sich einlassen, dem man sich unbedarft und mit kindlicher Naivität öffnen sollte. 

Dann wird man merken: Unsere Phantasie ist unser Lebenselixier. Sie belebt, sie erfrischt, sie beflügelt, sie vermittelt Zuversicht und Mut, gerade in dem nicht unmittelbar Fassbaren. Es ist das große Verdienst von dieser neuen Kreation Alexej Ratmanskys, dass sie uns das vor Augen führt, dass sie uns an die Kraft unserer Phantasie erinnert. 

Eine kongeniale Mischung 

Bleibt der erste Teil, der sich auf das Buch „Alice im Wunderland“ stützt, noch eher oberflächlich, allerdings mit viel unterhaltsamem Klamauk, üppigen Bildern, raffinierten Ensembles und großformatigen Tableaus, geht Teil zwei auf Basis von dessen Fortsetzung „Alice hinter den Spiegeln“ in die Tiefe und entwickelt eine poetische Dichte, die in der Seele berührt. Ratmansky überrascht hier mit lyrischen Pas de Deux (z.B. zwischen Alice und dem weißen Ritter), melancholisch-tiefgründigen Assoziationen (Humpty Dumpty). 

Es ist aber nicht nur die Choreografie, es ist das gesamte Arrangement, das Ratmansky hier in vergleichsweise kurzer Zeit auf die Bühne der Hamburgischen Staatsoper gestellt hat. 

Die Musik: Eine großartige Collage aus 37 Einzelstücken von Bach über Schubert bis John Cage und Eigenkompositionen von Vasyl Ratmanskys (dem Sohn des Choreografen), arrangiert und orchestriert von Philip Feeney. Das ist alles feinfühlig darauf abgestimmt, was auf der Bühne gebraucht wird, um den wechselnden Gefühlslagen gerecht zu werden. Nur wenige Stücke werden vom Band eingespielt, überwiegend ist das Philharmonische Staatsorchester unter der kundigen Leitung von Vello Pähn lustvoll im Einsatz, zum Schluss sogar mit Wagners Walkürenritt … 

Das Bühnenbild: eine Meisterleistung der Werkstätten der Staatsoper, die Sebastian Hannak zu Höchstleistungen angetrieben hat, unter Einsatz von Projektionen und mit riesigen sechsfachen Rundbögen, die die Kaninchenhöhle imaginieren, aber auch zu Rosengärten werden können. Selten hat man solche Üppigkeit und Raffinesse gesehen. 

Die Kostüme: Da haben vor allem die Gewandmeister*innen und die Putzmacherei Wunder vollbracht und die im wahrsten Sinne des Wortes phantastischen Entwürfe von David Szauder (erstellt überwiegend unter Einsatz von KI) tanztauglich gemacht. Hinter der Bühne muss Präzisionsarbeit geleistet werden, bei all den vielen Wechseln und dem kunstvollen Kopfschmuck, den Szauder den Tänzer*innen verpasst hat. 

Ein Triumph des Ensembles 

Dieser Abend ist jedoch vor allem ein Erfolg für das gesamte Hamburg Ballett, das sich ganz und gar dieser Kreation hingibt. Allen voran Olivia Betteridge in der Titelrolle. Wie sie diese Alice zeichnet, ist einzigartig: mutig, aber auch zaghaft; draufgängerisch, aber auch sensibel. Und immer wieder voller Staunen, voller Ehrfurcht und Bescheidenheit im Angesicht der Wunder und des Wunderbaren, das ihr da widerfährt. „Alice hat eine grenzenlose Imaginationskraft, sie hat die Gabe, die Welt so zu nehmen, wie sie ist, nicht zu analysieren oder zu erklären, nicht zu urteilen oder zu verurteilen, sondern sich in der Anschauung mit ihr zu verbinden“, sagt sie in einem Gespräch vor der Premiere. „Es ist, was es ist, auch wenn es Nonsense ist, wir müssen nicht immer die Moral darin suchen.“ Das Kraftvolle ihrer Darstellung liegt in ihrer Fähigkeit, mit dieser Haltung die Rolle durch die ganzen zwei Stunden zu tragen. 

Und alle, alle anderen folgen ihr in dieser Demut vor der Kraft und Gewalt der Phantasie, sie geben dem Affen Zucker, wo es nötig ist, und sie halten sich zurück, wo dies geboten scheint. Grandios z.B. Aleix Martínez als Weißes Kaninchen und Löwe, hinreißend Louis Musin und Francesco Cortese als Tweedledee und Tweedledum, berührend Caspar Sasse als Humpty Dumpty, urkomisch auch Charlotte Larzelere als Haselmaus und als Weiße Königin, ebenso Ida Praetorius als Herzkönigin und Rote Königin. Daniele Bonelli ist ein ebenso zarter wie mutiger Weißer Ritter, um nur einige zu nennen. Das gesamte Ensemble wirft sich mit Feuereifer in die Szenerie und wächst zu neuer Größe heran. Und man bekommt eine Ahnung davon, was diese Kompanie zu leisten vermag, wenn sie derart hochrangig herausgefordert wird. 

Ratmansky selbst hat das zum Staunen gebracht: „Die große Qualität der Tänzer*innen des Hamburg Ballett liegt darin, dass sie sehr theatralisch sind“, sagt Ratmansky in einem Reel der Kompanie, das in den sozialen Medien zu sehen ist. „Ich erlebe es zum ersten Mal, dass die Tänzer erst einmal fokussiert sind auf die Charaktere und deren Motivation, und nicht auf die Schritte und Bewegungen. Sie wollen zuerst den Charakter der Rolle erfassen, daraus entstehen die Schritte. Bei allen Kompanien, mit denen ich bisher gearbeitet habe, war es andersherum: Sie starten mit den Schritten und erst dann erfüllen sie sie mit ihrer Darstellung. Das ist eine sehr interessante Erfahrung für mich.“ Ein Weg in die Zukunft, hier wurde er für das Hamburg Ballett gebahnt. 

 

"Wunderland" von Alexei Ratmansky ist eine Premiere im Rahmen 51. Hamburger Ballett-Tage und der Tanztriennale 2026 in Hamburg. tanznetz Autor*innen verfassten einen Blog über den Start und die ersten Tage der Triennale und einen weiteren Blog über die zweite Wochenhälte

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