Nijiinsky-Gala XXXIII.

Mythen und Märchen

Hamburg, 16/07/2007

John Neumeier rief zur XXXIII. Nijinsky-Gala – und alle, alle kamen in die bis unters Dach ausverkaufte Staatsoper zum fast sechsstündigen (einschließlich zweier Pausen) Spektakel, dem Abschluss der Hamburger Balletttage. Wie immer servierte Neumeier ein kaleidoskopbuntes Tanzpaket mit Häppchen aus seinem vielfältigen Schaffen, verschnürt unter dem Titel „Mythos und Märchen“. Dazu wurden Fremdchoreographien von Petipa bis Béjart gestellt.

Nebenbei wurde es auch ein Abend der Abschiede und Debuts. Wie immer moderierte Neumeier die Veranstaltung. Zu Beginn betonte er, dass ihm das wortlose, instinktive Spüren von inneren Wahrheiten im Tanz wichtiger sei als das rationale Begreifen und Verstehen. Neben dem „Wettkampf“ von Tänzern quasi um den Nijinsky-Pokal des Besten des Abends, fesselte der Gegensatz der Stile: Einerseits Neumeiers grundsätzlich dramaturgisch ausformende Handschrift, andererseits die knallig auf den Effekt getrimmte Choreographie Waganowas, die mystisch raunende der Graham, die theatralisch auftrumpfende Béjarts oder historisch anmutende Fokines.

Extrem auseinander liegende Stilpole bewältigte Polina Semionova (Staatsballett Berlin). Schlicht perfekt, aber nicht seelenlos, entwickelte sie mit ihrem Partner Wieslaw Dudek im Pas de deux Odette/Siegfried – Choreographie: Marius Petipa – die Kunst des unendlichen Legatos, bei der die Bewegungen unlösbar ineinander verflochten sind. Atemberaubend, da hier das Ideal des klassischen Tanzes erfüllt wurde: Form wird Ausdruck. In Béjarts Duo Brünnhilde/Siegfried aus „Ring um den Ring“ stand sie auf verlorenem Posten, die choreographisch dünne Substanz konnte sie nicht entscheidend aufwerten. Sehr viel gehaltvoller wirkt Neumeiers Männer-Pas-de-deux Op.100, eine kraftvolle Hommage an seine Freundschaft mit Béjart zur Musik von Simon and Garfunkel, athletisch präzis getanzt von Ivan Urban und Alexandre Riabko.

Überaus deutlich wurden die konträren Auffassungen, wie Tanz zu gestalten ist, in der Abfolge zweier Pas de deux aus Neumeiers Sylvia-Version, zwischen die Waganowas (1935) „Diana und Acteon“ (aus „Esmeralda“) platziert wurde. Während Neumeier subtil Gefühle verdeutlicht, von seinen Tänzer/innen Laura Cazzaniga/Carsten Jung und Joelle Boulogne/Lloyd Riggins sehr intensiv dargestellt, setzt Waganowa auf die Oberfläche zirzensischer Kunststückchen. Bis auf eine abgebrochene Fouetté-Passage (mit double pirouette auf dem jeweils vierten Schlag) absolvierte Carolina Aguera ihren Part mit stählerner Explosivität. Ihr Partner Maximiliano Guerra gebärdete sich als grober Klotz, dem Form völlig wurscht ist. Wie Neumeier quasi psychologisch in die Tiefe geht, erweist das Duo Herzeloyde und Gahmuret, ein anrührender Todestanz aus „Parzival“. Kusha Alexi und Amilcar Moret Gonzales schufen in konzentrierter Darstellung die Atmosphäre von poetischer Wehmut.

Während „Der sterbende Schwan“ (Michail Fokine, 1907) noch immer seinen Zauber ausübt, zumal, wenn er so verinnerlicht interpretiert wird wie von Uljana Lopatkina vom Mariinsky Theater (St. Petersburg), atmet das Pas de deux Goldner Sklave/Sobeide aus „Scheherazade“ (Fokine, 1910) den Muff vergangener Zeiten, zieht sich zähe hin, ohne je erotische Höhen zu erreichen, allen Mühen von Lopatkina und Ivan Koslov zum Trotz.

Ähnlich aus der Zeit gefallen ist Grahams „Errand into the Maze“ (1947), die Begegnung Ariadnes mit dem Minotaurus (Tadej Brdnik), der mit stilisiertem Gehörn und quer über die Schulter gelegtem, an den Handgelenken befestigten Stab auftritt. Warum er nach drei sanften Kampfszenen durch die Berührung Ariadnes (Miki Oruhara) umfällt, wird nicht ersichtlich. Mehr als einmal streift das Geschehen die Grenze zu Lächerlichkeit. Vielleicht hätte da „Diversion of Angels“ (1948) als Gruppenstück besser gepasst.

Abschiede: Standing ovations erhielt Heather Jurgensen bei ihrem Abschiedsauftritt mit „Valse Lente“, das Neumeier für sie 2005 auf Musik von Balanchine (!) choreographiert hatte: Die aparte Ballerina mit der besonderen kühlen Aura wird fehlen im Ensemble, das ihr auf offener Bühne Beifall klatschte. Fehlen in der Ballettwelt wird auch die phänomenale Italienerin Alessandra Ferri, die in der Ballettwoche in Kameliendame auftrat und nun mit einem „Roméo und Juliette“ (Berlioz, Choreographie: Amedeo Amodio) Pas de deux abtrat. Als sei sie das direkte Vorbild für die Semionova demonstrierte Ferri, im vollen Besitz ihrer technischen Fähigkeiten, den bruchlosen Fluss klassischer Linien, aus denen jugendliche Liebe, Leidenschaft erwächst. Je länger sie mit Roberto Bolle (Scala, Milano) tanzte, desto jünger wirkte sie.

Herzlich verabschiedet wurden Choreologin Susanne Menck, die seit Jahrzehnten Neumeiers Werk schriftlich festgehalten hat, und Niurka Moredo, sie wechselt auf den Ballettmeisterinposten. Moredo warf sich rückhaltlos in das Schlusssolo aus Neumeiers „Sacre“. Die riskante Entäußerung, der Schritt zum Barbarischen gelingt Neumeier hier nicht, er verharrt im ästhetischen gebändigten Duktus.

Debuts: Zum ersten Mal verkörperte Alexandre Riabko den Amleth, er wird mehr und mehr zum tragenden Solisten des Ensembles, im modernen Fach ebenso sicher wie im klassischen. Hélène Bouchet, erstmals Cinderella, zeigte, dass man auch in Spitzenschuhen geräuschlos landen kann – einige ihrer Kolleginnen klapperten dabei wie mit Holzschuhen. Schließlich überzeugte Georgina Broadhurst als Chloé mit sympathisch offenem Gesicht und solider Technik.

Die Philharmoniker Hamburg steuerte der erfahrene Klaus-Peter Seibel durch fast alle Klippen der Musiknummern, die nur bei wenigen Stücken wie Béjarts „Ring um den Ring“ vom Band gespielt wurden. Was da allerdings an schrägen Tönen bei den Geigensoli aus dem Orchestergraben aufstieg, beleidigte die Ohren.

Bis zum Schluss mit dem Finale aus der 7.Sinfonie Mahlers als buntem Rausschmeißer hielten die hart gesottenen Neumeier- und Ballettfans durch, spendeten zum Finale genauso viel Beifall wie zu Beginn.

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