„The Moon in the Ocean“ von Xie Xin

Riskante Mischung

Hamburg Ballett mit vierteiligem Abend „Fast Forward“

Balanchine, Morau, Preljocaj und Xie Xin – diese wilde Stil-Mischung stellt hohe Anforderungen an die Tänzer*innen. Denen glückt vieles, aber noch nicht alles.

Hamburg, 23/02/2026

Es war eine zusätzliche Premiere nach „Romantic Evolution/s“ und der noch bevorstehenden Uraufführung von Alexej Ratmanskys „Wonderland“ zum Auftakt der Ballett-Tage im Juni – eine Altlast aus der kurzen Ära Volpi beim Hamburg Ballett, seinerzeit noch unter dem Titel „Kein Zurück“. Schon damals waren dafür vier kurze Werke vorgesehen: eins von Volpi selbst, der „Totentanz“ von Marcos Morau von 2023, „Annonciation“ von Angelin Preljocaj von 1995 und eine Uraufführung der chinesischen Choreografin Xie Xin. Die drei Letztgenannten waren nicht mehr abzubestellen, ohne hohe Ausfallhonorare zu riskieren. Nur das Volpi-Stück konnte und musste ersetzt werden. 

Lloyd Riggins machte aus der Not eine Tugend und entschied sich für „Serenade“ von George Balanchine für zwanzig Tänzerinnen und sechs Tänzer. Sein höchst anspruchsvoller Stil ist eine reizvolle Herausforderung für die Frauen im Ensemble und beschäftigt als einziges Werk an diesem Abend auch das Orchester. Außerdem gab Riggins für die Uraufführung von Xie Xin vor, dass sie – als Gegengewicht zu „Serenade“ – eine entsprechende Anzahl Männer einsetzte, was umso sinnvoller erschien, als „Totentanz“ gerade mal drei und „Annonciation“ zwei Ensemblemitglieder erfordert. Auch gab er dem Abend einen neuen Titel: Mit „Fast Forward“ sollte eine Orientierung in die Zukunft gegeben werden, anstelle des aggressiven „Kein Zurück“, das eher als Kampfansage gegen die Neumeier-Ära interpretiert werden konnte. 

Starke Kontraste 

Balanchines „Serenade“ zu Tschaikowskys Serenade für Streicher in C-Dur ist eine Huldigung an den Tanz und die Tänzerinnen nach dem von Balanchine selbst ausgegebenen Motto: „See the dance, hear the music“. Noch konnten die Hamburger Tänzerinnen die Magie dieses Werkes nicht so richtig entfalten – das gelingt nur, wenn alle wirklich absolut synchron agieren und gemeinsam atmen. Dafür sind lange Proben nötig, für die angesichts der vielen anderen Aufführungen und eines mehrtägigen Gastspiels mit Neumeiers „Kameliendame“ in Liège kaum Zeit war. Erschwerend kam hinzu, dass das Philharmonische Staatsorchester unter der Leitung von Katharina Müllner die Musik ziemlich rasant spielte – was zwar schön klingt, aber auf der Bühne immer mal wieder für Probleme sorgt. 

Mit dem nach der Pause folgenden „Totentanz“ von Marcos Morau könnte der Kontrast größer nicht sein: drei ganz in Schwarz mit langen Schleppen verhüllte Tänzer*innen auf komplett abgedunkelter Bühne, dazu ein Edelstahl-Seziertisch mit einer nackten Neonröhre darüber. Da ist von der Choreografie außer den sich eckig-ruckartig auf die elektronische Musik bewegenden Händen und Köpfen kaum etwas zu sehen, von den höheren Rängen aus dürfte man außer der Beleuchtung noch weniger erkennen. Das Ganze gehört eher in die Intimität einer K2 auf Kampnagel als auf die große Bühne der Staatsoper. Charlotte Larzelere, Louis Musin und Daniele Bonelli gaben jedoch alles, um den schwierigen abgehackten Bewegungs-Vorgaben gerecht zu werden. 

Vom Tod geht es dann schnurstracks zur Wiedergeburt, und fast schon erholsam wirkt im Anschluss Preljocajs „Annonciation“ – eine moderne Interpretation der Verkündigung Marias, sehr schön in Szene gesetzt von Charlotte Kragh als Engel und Selina Appenzeller als Maria. 

Der Mond und das Meer 

Elegisch-besinnlich dann der Abschluss des Abends mit Xie Xins „The Moon in the Ocean“, bei dem 17 Männer das Meer symbolisieren und zwei Frauen (Xue Lin und Ana Torrequebrada) den Mond – einmal als physischer Trabant am Himmel, einmal als dessen Spiegelung in den Tiefen des Wassers, Symbol für das Unbewusste. 

Sie habe dieses Thema gewählt, sagte Xie Xin in einem Gespräch vor der Vorstellung, weil sie eine andere Seite des klassischen Balletts fühlen und wahrnehmen wollte: „Tänzer sind gewohnt, sich sehr gerade zu halten, aber wenn sie sich öffnen für etwas anderes, haben sie einen großen Reichtum an technischen Möglichkeiten. Wir müssen da nur umdenken, unserem Gefühl vertrauen. Es geht immer darum, was dazwischen entstehen darf. Je mehr man dabei loslassen kann, desto besser. Dann atmen die Bewegungen, und das Publikum kann mitschwingen.“ 

Mit ihren weichen, geschmeidigen Bewegungsmustern zeigt Xie Xin das Meer in allen nur möglichen fließenden Formationen, und die Tänzer des Hamburg Ballett geben sich diesen Schwüngen und Wellen ganz und gar hin. Etwas missglückt ist nur der Schluss mit einem unvermittelten Solo für den beeindruckenden Moises Romero und einem blendenden Scheinwerfer aus dem Bühnenhintergrund, der verhindert, dass man die Szenerie noch erkennen kann. Wie auch die Lichtregie von Gao Jie noch etwas nacharbeiten sollte, damit das Stück in seinen Details besser erkennbar wird. 

Warum in die Ferne schweifen ... 

Dass man auch mit geringen Mitteln Großes bewirken kann, zeigte dagegen Hamburgs Erster Solist Edvin Revazov mit dem Hamburger Kammerballett in den Tagen davor in der K1 auf Kampnagel: Mit „re:public“ für die sechs Stammtänzer*innen und zwei Gäste (Ricardo Urbina und Clément Guillaume), das in nur zwei Wochen entstand, gelang ihm in Zusammenarbeit mit vier Musiker*innen der Jazz-Hall Hamburg ein berührend-schlichtes Werk über die menschliche Gemeinschaft. Damit empfahl er sich ein weiteres Mal für Größeres. Warum also nicht diesem begabten Nachwuchs-Choreografen die Chance geben, für das Hamburg Ballett einmal ein abendfüllendes Werk zu kreieren? Denn – auch das zeigte „Fast Forward“ mit der Arbeit von Xie Xin, die seit Januar mit dem Ensemble intensiv an ihrer Kreation arbeitete – für Tänzer*innen gibt es kaum etwas Schöneres und Erfüllenderes, als das gemeinsame Erschaffen eines Stücks mit kompetenten Choreograf*innen. Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah? 

 

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