„Things we share“ von Reiko Tan, Tanz: Rina Hayashi, Jessica Liu und Natsuho Matsumoto

Gefühle im Schleudergang

„Choreografische Werkstatt“ im Tanzhaus des Mannheimer Nationaltheaters

Originell sein gern, aber ohne Produktionskosten? Nicht in Mannheim. Dort entwickelt sich das Format mit eigenen Choreografien der Ensemblemitglieder zu einem Sprungbrett.

Mannheim, 08/03/2026

Hier zeigt sich einmal mehr: Um Kreativität und Professionalität in Sachen Choreografie muss man sich in der Quadratestadt keine Sorgen machen. Der Mannheimer Tanzchef Stephan Thoss ist ein leidenschaftlicher Förderer des choreografischen Nachwuchses. So lobt er in seiner Funktion als Jury-Mitglied des Choreografie-Wettbewerbs in Hannover seit vier Jahren einen Produktionspreis aus. Der jüngste Preisträger Louis Thuriot, Mitglied im tanzmainz-Ensemble (und selbst als Hoffnungsträger in der Sparte Tanz ausgezeichnet), war als Gast in der diesjährigen Ausgabe der „Choreografischen Werkstatt eingeladen. 

In „Quick wash“, einem Überraschungsprogramm für Gefühle im Schleudergang. bot er seinem Mannheimer Kollegen Leonardo Cheng die Gelegenheit, sich nachhaltig ins Gedächtnis einzuschreiben. Er demonstriert in Echtzeit und einigermaßen schonungslos, wie sich Spülen, Waschen, Schleudern im eigenen Körper anfühlen. Am Ende kommt es zum tänzerischen Showdown mit Powerfrau Dora Stepušin. Selbst für die Mannheimer Tanzbühne, auf der voller Körpereinsatz an der Tagesordnung ist, herrschte hier physischer Ausnahmezustand. 

Auch für die angehenden Mannheimer Choreograf*innen war der Arbeitsauftrag das ganze künstlerische Gesamtpaket, also die Verantwortung nicht nur für den Tanz, sondern auch für Bühne und Kostüme, Licht und Ton. Ein eindrucksvolles Statement, so recht für den bevorstehenden Weltfrauentag, setzte Reiko Tan mit „Things We Share“ für drei Kolleginnen. Die hatte sie anspielungsreich in weiße Reifröcke und enge schwarze Blusen mit langen Schößen gesteckt und lässt sie die hohe Kunst der Dreisamkeit feiern, zu dramatischen Klängen aus dem 2. Akt von „Giselle“. Die modernen Wilis rezitieren dabei ihre eigenen Themen und finden in weichen, perfekt aufeinander abgestimmten Bewegungen die Kraft des Zusammenhalts – ein höchst gelungener Auftakt des Abends. 

Aggregatzustände des Körpers

Selbsterfahrung, Welterfahrung, Krisen und Veränderungen – diese choreografischen Grundthemen bestimmten auch eine Reihe der weiteren Stücke an diesem Abend. Das gemeinsame Stichwort „Fallen“ prägt die Arbeiten von  Natsuho Matsumoto „A short story about falling” und  Rina Hayashi „To the one on the edge of falling”. Während erstere das Stolpern, Straucheln, Stürzen, das Festhalten, Sich-Fallenlassen und gegenseitige Stützen mit einem Paar systematisch durchspielt, thematisiert letztere den solidarischen Halt unter zwei Frauen. 

Halt für sich selbst suchte Paloma Galiana Moscardó in ihrem Solo „Alchemy”. Das Eintauchen in eine überdimensionierte Glaskugel bot ihr die Gelegenheit, verschiedene Aggregatzustände ihres überaus gelenkigen Körpers zu erforschen. Eher verspielt ging es dagegen im zweiten Solo „In the ballroom of my mind“ von und mit Shaun Patrick Ferren zu – mit lockeren Assoziationen, die sich wie von selbst in Tanz fügten. 

Schluss mit lustig machte Leonardo Cheng in seiner „The ballad of the giga sigam“, in der er selbstgefälligem Machotum einen witzigen Kampf mit bösem Ende ansagte – das alles in einer Art Turbo-Slapstick, bei dem er auch noch tänzerisch selbst mit am Start war. Beim Locken und Verlockt-Werden können die Rollen dagegen überraschend wechseln. Das demonstrierte Luis Tena Torres in „(Sweet Lure)“, einem Vier-Personenstück und damit der größten Besetzung des Abends. 

Auch wenn die gezeigten Beiträge im Miniformat choreografisches Talent nur aufblitzen lassen können – spannend war das höchst unterschiedliche Bewegungsmaterial allemal. 
 

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