ANTHEMS Barker:  Giuseppe Ferrara, Ashton Benn, Giuseppe Iodice, Atticus Dobbie, Mathilde Roberge

Wo die roten Fahnen wehen

„Anthems“ von Gauthier Dance im Theaterhaus Stuttgart mit den Gauthier Juniors und der Hauptkompanie

Zwei Stücke des amerikanisch-israelischen Choreografen Barak Marshall, seit 2024 Hauschoreograf der Kompanie. Bei der Premiere zeigt er vor allem sein Talent für Slapstick, Theatertricks und seinen Sinn für schwarzen Humor.

Stuttgart, 08/05/2026

Sie kommuniziert mit ihrer Dienerschaft im Kellergeschoss nur über das Haustelefon, Mrs. Siegrun. Die gefürchtete Chefin der acht in grau gewandeten Diener und Dienerinnen versetzt die Truppe regelmäßig in Angst und Schrecken, wenn sie die Glocke schrillen lässt. Das ist die Rahmenhandlung von „Barker“, uraufgeführt beim Colours Dance Festival 2025. Im Lauf der nächsten 50 Minuten verwandelt sich die Notgemeinschaft, ausdrucksstark gespielt von den Gauthier Juniors, mit zunehmendem Druck zu einer rebellischen Truppe, die schließlich zurückbellt (to bark), ihre grauen Kittel und Schürzen in die Ecke wirft und auf die Internationale, die Hymne der Roten Armee, die Bühne in ein Meer aus roten Fahnen verwandelt. Ist das noch schwarzer Humor oder schon Realsatire? 

„Harry“

Das weiß man bei Barak Marshall nie so genau. Auch nicht bei „Harry“, dem zweiten Stück mit der Hauptkompanie von Gauthier Dance. Marshall choreografierte es bereits 2012 für Les ballets de Jazz de Montréal. Warum er es 24 Jahre später für Stuttgart neu eingerichtet hat, wissen die Götter. Und die spielen auch mit in der Tragikomödie über „Harry“, der die Liebe sucht und solange nicht sterben will, bis er sie gefunden hat. Dabei stirbt er nach dem Plan der Götter dauernd und steht genauso oft auch wieder auf. Doch das Schicksal ist unberechenbar. Aus Langeweile bittet Hera ihren Göttergatten Zeus, einen Krieg anzuzetteln. Da knallen die roten Luftballon-Salven auf der Bühne und fallen die jungen Männer in Zeitlupe. Nur Harry hält bis zum Schluss die rote Fahne hoch – rote Fahnen, eindeutig eine Vorliebe von Barak Marshall.

Das alles spielt sich in einer rasanten Geschwindigkeit auf der Bühne ab. Und das gilt auch für die slapstickartigen Einfälle von Marshall, seine Puppenspielertricks, für die er mehr als einmal den großen Koffer auspackt. So zeigen in „Barak“ zwei nebeneinandersitzende Tänzer nacktes Beine und ziehen sich jeweils einen roten Pumps an. Schon sitzt eine aufreizende Dame in ihrer Mitte, die ihre rot behandschuhten Hände nicht bei sich halten kann. Und wo kommen all diese Babies her, die im Schoß einer Reihe von Häubchen tragender Hebammen gewogen werden? Man sieht nur die Köpfe, die Körper sind versteckt unter langen grauen Gewändern. Ein Gag, für den auch Freiwillige aus dem Publikum geholt werden. 

Der Tanz fungiert in dieser Konstellation als Kommentar des Geschehens, nicht mehr und nicht weniger. Und wie sieht er aus? Barak Marshall selbst beschreibt seinen Stil als „Ganzkörper-Zeichensprache.“ Aus einer Grundposition, einer breitbeinigen Hocke, wird wahlweise barfuß gestampft, gesprungen, sich auf die Erde geschmissen und das Ganze mit einem entschiedenen „ Ha“ und „Ho“ verstärkt. Arme und Hände sind dabei ständig in Bewegung, nehmen wie im Tanztheater üblich, alltägliche Gesten auf und machen sie zu Bewegungsmustern. 

Choreografische Vorbilder

Vieles erinnert aber auch an traditionelle Folklore, was durch die Musik verstärkt wird. Tatsächlich ist Barak Marshall mit diesen Vorbildern groß geworden. Seine Mutter war Mitglied der ersten israelischen Modern Dance Kompanie, dem Inbal Dance Theatre, das zwischen Tanztheater und der Tradition choreografiert. Und obwohl er sich gegen den Tanz und für das Studium der Soziologie und Philosophie entschied, kehrte er als Choreograf zurück und ist seit 2025 selbst Leiter dieser Kompanie.

Daneben aber war er vor allem Hauschoreograf der Batsheva Dance Kompanie. Dieser Stil des Contempory Dance aus Israel, der aus rasantem Tempo, expressiver Körperlichkeit und diesem Funken Wut besteht, den man immer zu spüren glaubt, ist auch bei Marshall wiederzuerkennen. Sein Bewegungsrepertoire bei“ Barker“ und „Harry“ bleibt dabei aber überschaubar, die Choreografien folgen oftmals einem Muster. 

„Anthem“ übersetzt als Kampf um Freiheit und Selbstbestimmung als roter Faden bei „Barker" und „Harry" 

Dass er auch anders kann, zeigt Barak Marshall leider nur kurz in „Harry“, wenn er Gesellschaftstänze zitiert. Die Paare drehen sich geschmeidig umeinander, eine Bewegung initiiert die nächste. Modern Dance auf die Musik und Mode der 50er Jahre mit weit schwingenden Röcken. In dieser Tanzhaltung findet Harry auch seine Liebe – ein zartes, aber leider nur sehr kurzes Pas de Deux. 

Marshalls Arbeit berühre den Kern von Gauthier Dance, sagt Eric Gauthier bei der Premiere. Wenn er damit den Bruch mit der reinen Tanzperformance meint und dafür auf den bunten Mix der Genre mit einer Prise Humor setzt, dann trifft das zu. Rein tänzerisch aber bleibt dieser Abend hinter den Möglichkeiten zurück, die die beiden Ensembles von Gauthier Dance mittlerweile auszeichnen.

Trotzdem sagen wir höflich „Dankeschön“ mit Bert Kaempfert, nehmen einen Besen und reinigen die Bühne, bevor Mrs. Siegrun wieder klingeln kann. 

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