„Alles Gut!“ von Gregory Caers

Arbeit und Rhythmus

„Alles Gut!“ am Theater der Jungen Welt in Leipzig

Mit Slapstick rein ins Bürokratentanzstück: So sieht eine Parabel über das Scheitern der modernen Arbeitswelt aus.

Leipzig, 10/10/2026

Von Tobias Prüwer

 

Das Automatenbecher-Monster schleicht um die Gänge. Ein Mann ringt mit einem gigantischen Zugluftdackel. Mit der Zerstörung all der getanen Arbeit droht der Aktenvernichter. Während nichts gut ist, ruft ein Mitarbeiter im Pullunder „Alles gut!“ in einen Telefonhörer. Er versucht die anweisende Stimme von oben zu beruhigen, trotz des tobenden Chaos. 

Mit reichlich Slapstick und zwischen anmutig und verrenkt wirkenden Bewegungen begeistert das Leipziger Theater der Jungen Welt (TdJW) mit einer Parabel über das Scheitern in der modernen Arbeitswelt. Das geschieht leichtfüßig, ganz ohne erhobenen Zeigefinger, was nicht immer so war. Denn das älteste deutsche Kinder- und Jugendtheater wurde vor 80 Jahren als moralische Anstalt gegründet – im Sinne der sozialistischen Weltanschauung nach sowjetischem Vorbild. Erst nach der politischen Wende wurde es zum Ort freier Entfaltung und ästhetischer Erfahrung.

In „Arbeit und Rhythmus“ (1899) träumte der Leipziger Nationalökonom Karl Bücher den Traum von der Vereinigung aller Lebensaspekte und -verhältnisse, der von ihm entworfenen Aufhebung der Trennung von Arbeit und Freizeit, Mühsal und Lust. 

Der Traum ist geplatzt

„Alles gut!“ malt eine Welt aus, in der dieser Traum geplatzt ist. Der belgische Regisseur Gregory Caers bringt die Uraufführung übers Verbiegen in der Arbeitswelt und das Verheddern in Listen auf die Bühne. Fluchtlinien ziehen sich in spitzem Winkel nach hinten, erzeugen so als optische Täuschung eine Tiefe des Raumes. Der wirkt wie ein Schulflur, weil er in grüner Tafelfarbe gehalten ist. Dann entpuppt er sich als Gang einer namenlosen Behörde, durch den fünf Pullunder-Typen wuseln. Mal lautlos, mal zu Musik, die an einen Mix aus Chanson und Balkan-Folk erinnert.

Die Spielenden erschienen durch die verzerrte Perspektive größer und ihre Bewegungen grotesker. Anfangs sind automatisierte Bewegungen zu sehen. Es strömen die Beamten Türen schlagend in den Gang und daraus hinaus, sie tauschen Aktenstapel aus, arbeiten an den Wänden notierte Listen ab. Durchdringend schrill klingelt vorne rechts ein Telefon, durch das Anweisungen von hierarchisch oben kommen. Die Aufgabenpunkte innerhalb der Listen wachsen an. Aber: „Alles gut!“, wie die Beamten in den Hörer hinein vermitteln. Doch nichts ist gut in der Bürokratiefabrik. Immer fahriger werden die Blicke und unkontrollierter die Beamtenbewegungen. In irren Verrenkungen verschwinden die Menschen im nicht zu schaffenden Arbeitspensum.

Alptraumszenario der Bürokratie

Das wächst sich bis ins Monströse aus, bis in die Raserei rammeln die Beamten über die Bühne. In zahllosen Wiederholungen verlieren sie sich. Bestechend in tänzerischer Sicht ist hier Sofiia Stasiv. Wenn sie in hoher Geschwindigkeit durch den engen Gang taumelt, fürchtet man, dass sie anstößt. Dann geht sie so verzweifelt wie anmutig in einer Pirouette zu Boden, springt energiegeladen wieder auf und wiederholt die Prozedur. 

Fast als wortloses Stück gelingt dieses Alptraumszenario der Bürokratie, in dem die Menschen zu lebendigen Aktenvernichtern werden. Der schonungslose Blick auf die Erwachsenenwelt zieht auch das junge Publikum ab zehn Jahren in den Bann. Das liegt natürlich vor allem an den wiederkehrenden clownesken Parts, die sich in die Choreografie fügen und schließlich mit dem Auftreten von Automatenbecher-Monster und Zugluftfdackel famos enden.

 

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