„5 Seasons“ von Edvin Revazov, Tanz: Anna Laudere, Alessandro Frola

Tanz für den Frieden

„5 Seasons“ von Edvin Revazov in der Elbphilharmonie

Das Hamburger Kammerballett mit Gastsolist*innen brillierte zu Live-Musik von Leon Gurvitch im Großen Saal und interpretierte die Jahreszeiten auf sehr eigene Art und Weise.

Hamburg, 10/06/2026

Er hat schon mehrfach als Choreograf von sich reden gemacht und Preise eingeheimst: Edvin Revazov, 1983 in Sebastopol auf der Krim geboren und seit 2003 im Ensemble des Hamburg Ballett, seit 2008 als Solist, ab 2010 als Erster Solist. Schon 2011 zeigte er im Rahmen der „Jungen Choreografen“ erste eigene Werke. 2019 kreierte er zusammen mit Marc Jubete und Aleix Martínez die abendfüllenden „Shakespeare – Sonette“, 2023 gründete er seine eigene Ballett-Kompanie, die er seither als künstlerischer Leiter und Choreograf führt: Das „Hamburger Kammerballett“, bestehend aus sechs nach Kriegsbeginn 2022 geflüchteten Tänzer*innen aus der Ukraine und wechselnden Gästen. 

Jetzt zeigte Revazov seine jüngste abendfüllende Kreation: „5 Seasons“, uraufgeführt im Großen Saal der Hamburger Elbphilharmonie mit zwei Vorstellungen an einem Tag, die beide samt und sonders komplett ausverkauft waren. Und das aus dem Stand, ohne viel Werbung. Von einem jungen Choreografen mit kleinem Ensemble. Zweimal die 2.100 Zuschauer-Plätze dieses Hauses mit einer Tanz-Aufführung zu füllen, das will schon etwas heißen … Noch dazu in dem Rund des Weinberg-Saals, bei dem man von allen Seiten einen guten Blick auf die Bühne haben muss. 

Wie schafft er das? 

Das Erfolgsgeheimnis Revazovs ist zum einen seine kleine, aber hochkarätige Kompanie, allesamt bestens ausgebildet und wandlungsfähig. Es ist zum anderen seine choreografische Phantasie, die nie vordergründig, effekthascherisch oder aufdringlich ist, sondern immer von einer behutsamen, fast zurückhaltenden und gerade dadurch so wirkungsvollen Poesie geprägt ist, mit vielfältigen ineinanderfließenden Bewegungsmustern, raffinierten Ensembles und intensiven Pas de Deux. Die immer auch eine Geschichte erzählt mit Tiefgang, kein oberflächliches Bling-Bling. Bei „5 Seasons“ sind das Überlegungen zu den Wechselfällen der vier Jahreszeiten und einer fünften, die hierzulande etwas despektierlich als „Altweibersommer“ bezeichnet wird, im Englischen sehr viel schöner als „Indian Summer“. Revazov symbolisiert das mit einem Paar, das durch das Leben geht und wie ein Übergangs- oder Ewigkeitssymbol wirkt, ein zeitloses, verbindendes Element zu Frühling, Sommer, Herbst und Winter. 

Sein Erfolgsrezept besteht darüber hinaus in der Zusammenarbeit mit dem weißrussischen Komponisten, Dirigenten und Pianisten Leon Gurvitch und seinem elfköpfigen Ensemble, die in Hamburg und in der Elbphilharmonie inzwischen auch keine Unbekannten mehr sind. Mit „5 Seasons“ wirkten beide schon zum dritten Mal erfolgreich zusammen. Hochrangige Live-Musik und virtuoser Tanz auf hohem Niveau – das ist eben eine unwiderstehliche Mischung, die bei der ohnehin dem Ballett durch die Neumeier-Jahrzehnte wohlgesonnenen Bevölkerung (und auch bei Touristen) zieht. 

Tanz und Musik als Einheit

Der Wechsel aus Pas de Deux, Soli und Ensembles bildet zusammen mit der Musik eine kongeniale Einheit, die über den ganzen Abend trägt und nie langweilig wird. Es sind Stimmungen, Momentaufnahmen, Begegnungen, Erinnerungen, Visionen, jede für sich ein Kleinod, jede für sich überzeugend. Allen gemeinsam ist der Wunsch nach Harmonie, nach Wachstum und Licht, Aufbruch und Zuversicht – und letztlich vor dem Hintergrund der Kriege in unserer Zeit der Wunsch nach Frieden. 

Allen voran glänzen Silvia Azzoni und Sascha Riabko (der selbst aus der Ukraine stammt) als „Indian Summer“ sowie die Gastsolist*innen Anna Laudere (Hamburg Ballett) und Alessandro Frola (Wiener Staatsballett) als Frühling, Hyo-Jung Kang und Jun Xia (Semperoper Dresden) als Sommer, Martina Arduino und Marco Agostino (Teatro alle Scala) als Herbst und Zeynep Demirel und Florian Pohl (Hamburg Ballett) als Winter. Nicht minder bravourös die sechs Mitglieder des Hamburger Kammerballetts (Veronika Hordina, Alisa Nikitina, Viktoriia Moroshyna, Nataliia Hurska, Vladislav Bondar, Valerii Luibenko) sowie die Gastsolist*innen Emiliano Torres, Azul Ardizzone, Melissa Koivuaho und Yun Lin (alle Hamburg Ballett) sowie Ricardo Urbina und Nicolas Gläsmann, die beide früher zum Hamburg Ballett gehörten und seit geraumer Zeit freischaffend wirken. Das Publikum war begeistert und feierte alle Beteiligten mit Standing Ovations – zu Recht. 

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