Scheitern an der Männerwelt
„Lulu“ von Edvin Revazov im Hamburger Ernst-Deutsch-Theater
Der Mann ist ein Phänomen. Noch tanzt er als Erster Solist beim Hamburg Ballett. Aber im Hauptberuf ist Edvin Revazov eher Choreograf. Ein hochbegabter noch dazu. Nicht nur, dass er seit 2023 das Hamburger Kammerballett mit sechs vor dem Krieg aus der Ukraine geflüchteten Tänzer*innen als Künstlerischer Leiter aufgebaut hat. Nicht nur, dass er in der Lage ist, innerhalb kürzester Zeit immer wieder neue, spannende Stücke für diese kleine Kompanie unter Einbeziehung von Gasttänzer*innen zu kreieren. Und nicht nur, dass er vor kurzem mit „5 Seasons“ zu Musik von Leon Gurvitch die Elbphilharmonie an einem Tag gleich zweimal ausverkauft (siehe tanznetz vom 10. Juni 2026) und sich inzwischen einen festen Platz in der Hamburger Tanzszene erobert hat. Jetzt hat er sich auch noch eines der sperrigsten Stücke der Literatur angenommen und innerhalb von gut zwei Wochen kongenial in Tanz umgesetzt: „Warten auf Godot“ von Samuel Beckett. Vier Vorstellungen gab es dazu im Hamburger Ernst-Deutsch-Theater. Alles Ausverkauft.
Das Bühnenbild: ein paar Felsbrocken aus Pappmaché, zwei Baumskelette und eine schiefe Ebene. Mehr braucht es nicht (abgesehen von dem feinfühlig auf die Bedürfnisse des Inhalts und des Tanzes abgestimmte Lichtdesign von Joshua Paul). Die Musik: Eine Collage aus Johann Sebastian Bach, Eric Satie, Claude Debussy, Camille Saint-Saens, Ennio Morricone, Richard Wagner und Kompositionen für Schlagwerk. Verantwortlich: Edvin Revazov, der mit dem Estragon auch eine der beiden Hauptrollen übernahm. Ihm zur Seite neben den vier Tänzerinnen (die als „Gedanken“ fungieren) und zwei Tänzern des Hamburger Kammerballetts (als Pozzo und Lucky) Sasha Trusch in der zweiten Hauptrolle als Wladimir. Beide kommen aus der Ukraine, beide kennen sich seit über 20 Jahren. Viele Jahre tanzten sie zusammen beim Hamburg Ballett, und als Sasha Trush im Winter 2024 im Zuge der Auseinandersetzungen um die Intendanz von Demis Volpi dort kündigte, traf Revazov dieser Verlust hart. Und so ist es schon etwas Besonderes, dass er jetzt für sich und seinen besten Freund dieses Stück kreiert hat.
Keine Effekthascherei
Es ist gerade die Schlichtheit der Szenerie, die so überzeugt und auf der kleinen Bühne des Hamburger Ernst-Deutsch-Theaters eine hoch konzentrierte Atmosphäre erschafft. Sie paart sich mit einer raffinierten Bewegungssprache, die auf jegliche Effekte verzichtet und das Wesentliche herausarbeitet. „Im Mittelpunkt stehen scheinbar unscheinbare Momente: ein Blick, eine Pause, eine gemeinsame Handlung, eine kaum wahrnehmbare Geste“, heißt es im Programmzettel. Und weiter: „Aus ihnen entfaltet sich Bedeutung. Die Choreografie fragt danach, worauf wir warten, woran wir uns erinnern, was wir miteinander teilen und welche Geschichten unsere Körper erzählen, wenn Worte nicht mehr ausreichen.“ Besser kann man es kaum fassen, was sich da auf der Bühne abspielt.
Es ist diese scheinbar selbstverständliche Kommunikation in den Pas de Deux und Soli, die einen sofort in den Bann schlägt, zurückhaltend und drängend zugleich, ein Wechsel aus Bewegung und Stille, Nähe und Distanz, Verständnis und Konfusion, Wissen und Ratlosigkeit. Es sind gerade die kleinen Gesten, die hier so berührend sind. Zum Beispiel, wenn Revazov (der Größere von beiden) versucht, seinen Kopf auf Trushs Schulter zu legen, was ihm natürlich nicht gelingt – der abgewinkelte Kopf bleibt schwebend über die Schulter des kleineren Partners. Aber genau in diesem Moment hebt Wladimir die seine, und so geht es eben doch, der Kopf findet Heimat, und die beiden verharren für einen kostbaren Augenblick in dieser Haltung – liebevoll aufgefangen der eine, sich verständnisvoll anpassend der andere.
Immer wieder unterbrechen die vier Tänzerinnen das Geschehen. Mit ihren Trippelschritten auf Spitzenschuhen symbolisieren sie sowohl das Ticken der Zeit wie auch die unsichtbaren Gedanken von Waldimir und Estragon. Vladyslav Bondar als Pozzo und Valerii Liubenko als Lucky bringen die von Beckett vorgesehenen verstörenden Elemente kongenial ins Bild.
In diesen gut 75 Minuten zeigt sich das Stück, das Beckett als Schauspiel konzipiert hat, als für den Tanz fast noch besser geeignet denn als Sprechtheater. Bleibt nur zu wünschen, dass es nicht bei den vier Aufführungen bleibt.
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