Neues von John Neumeier in Baden-Baden und Hamburg
Der Choreograf unterzeichnet Kuratoren-Vertrag und gewährt Namensrechte bis 2030. Das Festival 2023 startet mit „Dona Nobis Pacem“
„Mass“, das ist Leonard Bernsteins selten gespielte Revue, von ihm selbst benannt als „A Theatre Piece for Singers, Players and Dancers“ und entstanden 1971 im Auftrag von Jacqueline Kennedy. Der Text: eine Mischung aus römischer Messliturgie und amerikanischen Zwischentexten von Stephen Schwartz und Leonard Bernstein mit zahllosen Anspielungen auf aktuelle Geschehnisse und die Befindlichkeiten aus der damaligen Zeit, die genauso heute noch gelten.
Es sei „Anklage und Hoffnung“ zugleich, schreibt Hamburgs Generalmusikdirektor Omer Meir Wellber, dem die Aufführung des Stückes ein Herzenswunsch war, in dem aufwendig gestalteten Programmheft: „Ein Werk über Dialog statt Dogma, über Bildung statt Parolen, über viele Sprachen – musikalische, politische, menschliche.“ Bernsteins „Mass“ sei kein fertiges Statement, sondern „ein offener Prozess: zwischen Glück und Zerrissensein, zwischen Kapitalismus und Mitgefühl, zwischen Optimismus und Abgrund. Eine Feier des Lebens – widersprüchlich, laut, verletzlich.“
Und so entfesselte Meir Wellber dann gut anderthalb Stunden lang ein einziges Feuerwerk an musikalischen, optischen und tänzerischen Einfällen. Leonard Bernstein hätte seine helle Freude daran gehabt: bunte Video-Projektionen an den Wänden der Elbphilharmonie wechselten sich ab mit Auftritten auf allen Ebenen des Konzerthauses, auf die sich die annähernd 200 Mitwirkenden verteilt hatten.
Die Leitfigur als „Celebrant“ war ein Bariton (Will Liverman), der ebenso souverän wie stimmgewaltig durch alle Höhen und Tiefen führte. Ihm zur Seite das Philharmonische Staatsorchester (ergänzt durch eine Blues-/Rockband), die Audi Jugendchor-Akademie, die Alsterspatzen (Kinder- und Jugendchor der Hamburgischen Staatsoper), der Hamburger Knabenchor, 16 Musical-Sänger*innen sowie drei Breaker und drei Tänzerinnen.
Eine wilde Mischung und ein Wermutstropfen
Introvertierte musikalische Passagen wechselten sich ab mit stampfender Marschmusik (die Bläser des Orchesters kamen samt und sonders zusammen mit dem Kinder- und Jugendchor wie eine Marching Band auf die Bühne), voluminösen Tutti, fein gesungenen Arien sowie fulminanten Kreiseln der drei Hip-Hop-Künstler (Victor Karwath, Yan Stesel und Amin Mohammadian alias „Amin Drillz“) und nicht minder gekonnten Einlagen der drei Tänzerinnen (Nathalia Gómez Reséndiz, Maya Selezneva, Simone Wennerberg), die schon im Foyer die Besucher zusammen mit einem Klarinettisten in Stimmung gebracht hatten.
Anfangs sind es nur die drei Frauen, die auf einem etwa zwei Meter breiten Streifen am Bühnenrand agieren und die Musik tänzerisch interpretieren. Später kommen die drei Breaker hinzu, die mal alleine, mal mit den Frauen zusammen agieren. Und so entsteht ein von Constantin Trommlitz gekonnt choreografiertes, ebenso virtuos-kraftvolles wie auch zart-einfühlsames Bewegungsbild, das sich kongenial in die Musik einfügt. Es korrespondiert ebenso mit dem Gesang des Celenbrant wie auch mit den von der Regie (szenische Einrichtung: Alexander Radulescu) über alle Etagen der Elbphilharmonie verteilten Solist*innen.
Hier aber stiehlt sich dann doch ein Wermutstropfen in die Freude am Genuss dieser wilden, stellenweise etwas überladenen, chaotischen Sause: Alle Solist*innen waren mit Microports ausgestattet (bei den Chören hatte man wohl der Menge wegen darauf verzichtet), was bedeutete, dass die Musik aus den rechts und links der Bühne aufgestellten und – für die oberen Ränge – von der Decke herabgelassenen Lautsprechern kam. Wenn nun ein Tenor aus der 15. Etage oben rechts sang, war man höchst irritiert: Wo steht der Sänger denn nun? Auf der Bühne, wo die Musik herkam? Nein. Ja, wo denn dann? Er unterschied sich auch kaum vom Sopran hinten links, weil man den genauso wenig orten konnte.
Die Suche nach dem Quell des Schalls lenkte unangenehm ab von der Musik selbst und störte die Freude am Genuss doch erheblich. Auch geht der Effekt des unterschiedlichen Raumklangs natürlich verloren. Die Sänger*innen selbst hätten dieser elektronischen Verstärkung ohnehin nicht bedurft: Bei der feinen Akustik der Elbphilharmonie hätte man sie von jeder Stelle aus vernommen, selbst den berückend zarten glockenhellen Knabensopran, der am Schluss ein berührendes Solo sang. Und so hatte der abschließende Segen „Gehet hin in Frieden“ dann doch etwas Ergreifendes und die Seele Weitendes.
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