„Schwanensee“ von Marius Petipa, Tanz: Kasumi Iwata und Luke Talirz 

Alle Farben des Tanzes

42. Internationale Ballettgala Dortmund 2026

Dortmund lädt ein und die internationalen Tanzstars aus Europa und den USA kommen. Ein runder Mix aus Tradition, Innovation und Vision begeistert das Publikum.

Dortmund, 06/07/2026

Aus Miami kamen Emily Bromberg und Rainer Krenstetter. Zart und fragil ihr erster Pas de deux, Renato Zanellas „Adagietto“ zur Musik von Gustav Mahler. Bromberg, passiv, fast zerfließend und Krenstetter dominierend und bestimmend. Die Beiden glitten durch die Musik Mahlers, eine sehr ästhetische Form von Unterdrückung. Umso fröhlicher und ganz amerikanisch swingt ihr zweiter Beitrag „Who cares?“. Zur Musik von George Gershwins Song „The man I love“ choreografierte George Balanchine einen Pas de deux ganz leicht und flirty, der sichtbar auch Emily Bromberg und Rainer Krenstetter beschwingte.

Ravels „Bolero“ kann jede*r mitsummen. In einer Choreografie von Krysztof Pastor brachten Marianna Suriano und Claudio Cocino vom Teatro Dell‘ Opera di Roma diesen Hit mit mach Dortmund. Eine neoklassische Version voller Anziehung, Blicke, Berührungen und Symmetrien, sehr innig und technisch auf höchstem Niveau. Ähnlich stark und dramatisch „Carmen“ (Choreografie Jiri Bubenicek). Selbstverständlich aus dem Fluss der Musik und der Körper entstehend, erzählten die beiden die finale Begegnung zwischen José und Carmen, die mit ihrer Ermordung endet. 

Het Nationale Ballet Amsterdam steuerte mit „Trois Gnossiennes“ von Hans van Manen und „Voorbij Gegaan“ von Rudi van Dantzig zwei sehr typische niederländische Choreografien bei, getanzt von Anna Tsygankova und Giorgi Potskhishvili. Van Manens Werk, mit den typischen abgespreizten Händen, geflexten Füßen und Turn-in-/Turn-out-Momenten wurde von den Gästen klar und präzise getanzt und erzählte eine Begegnung zwischen zwei Menschen, die ganz aufeinander bezogen und immer auf Augenhöhe kommunizierten. Romantischer gaben sich Tsygankova und Potskhishvili in der Choreografie von van Dantzig zur Musik von Chopin. Ein einziger Atemzug schien das Adagio, fließend und ohne Unterbrechung.

Aus Berlin kam im ersten Teil pure Klassik. Der Grand Pas de deux aus „Sylvia“ von Balanchine, getanzt von Haruka Sassa und David Motta Soares, Principals in der Staatsoper Unter den Linden. Traditionell und einfach brillant die blitzschnelle Fußarbeit von Sassa und ihre hinreißend eleganten Epaulements und Linien genauso wie die leichtfüßigen Tour en l’air von David Motta Soares. Nach der Pause zeigten beide den Margot-und-Rudolf-Pas de deux aus „Nurejew“, das diese Saison in Berlin aufgeführt wurde, nachdem die Inszenierung von Kirill Serebrennikov und Yuri Possokhov in Russland verboten wurde. Sicher eine der stärksten Szenen des Balletts, sehr emotional, sehr lebendig getanzt, als erwachten Probenfotos aus den späten 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts plötzlich zum Leben.

Zwei leuchtend rote Fächer, Klänge von Léon Minkus, zwei Männer, die mal fließend, mal stakkato miteinander tanzen und dabei immer wieder mit Versatzstücken der ikonischen Originalchoreografie von „DonQ“ spielen. Das sind Riva & Repele und das ist mal begeisternd brillant, mal amüsant. Wie sehr ihre Choreografien unter die Haut gehen, zeigten Riva & Repele, die als „Die Dichter des Tanzes“ gefeiert werden, nochmal in „I’m on your side“, ein Stück in dem sie sich vorstellen, zu altern und sich gegenseitig zu unterstützen. Sie gleiten nebeneinander über die Bühne, stützen sich, heben sich. Technisch ausgefeilt und berührend.

Und die Gastgeber?

Mit einer Szene aus „Frida“ von Annabelle Lopez Ochoa zeigten sie schon beim Öffnen des Vorhangs, was das Publikum erwartet: alle Farben des Tanzes. Das Ensemble und die Solistin Sae Tamura ließen die hypnotische Bilderwelt der Malerin Frida Kahlos lebendig werden.

Noch tiefer zogen Dortmunder Tänzerinnen nach der Pause das Publikum in digitale und analoge Tanzwelten. Die Uraufführung von „The Blood of a Poet“ des Dortmunder Tänzers Guillem Rojo i Gallego verbindet modernen und klassischen Tanz mit digitaler Technik auf ganz poetische Weise. Alle Kreativen bewiesen dabei, wie bereichernd und visionär es sein kann, moderne Technik einzusetzen. Guillem Rojo i Gallego wurde dafür mit dem Professor Balzert Preis 2026 ausgezeichnet und das Ballett Dortmund zeigt, dass es in der Zukunft angekommen ist. 

Und dennoch brilliert die Dortmunder Kompanie auch stark in der Tanztradition. Gewagt, könnte man denken, nach all den internationalen Stars, Kasumi Iwata und Luke Talirz als krönenden Abschluss der Gala mit dem legendären Grand Pas de deux aus dem dritten Akt von Schwanensee auf die Bühne zu schicken. Aber Iwata tanzte nicht nur technisch souverän, sie gab ihrer Odile auch eine dämonische Ausstrahlung. Talirz, der bisher Mitglied des NRW Juniorballetts ist, sprang leicht und schwerelos und fungierte als verlässlicher Partner. Experiment gelungen!

Inspirierende tänzerische Tradition und Innovation – so viele Nuancen des Bühnentanzes an einem Abend mitten im Ruhrpott. Kein Wunder, dass das Theater ausverkauft war. 

 

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