Junior, Next, Sanchez und Mylo (v.l.n.r.)

Hip-Hop trifft Choreografie

3. Church Battle in Heidelberg

Über einen besonderen Ort und ein eigenwilliges Konzept für den Tanz im Grenzbereich zwischen Choreografie und urbanem Tanz

Heidelberg, 12/07/2026

Schreiben über einen Street Dance-Battle, da fragt man sich: Wie kann das funktionieren? Denn es gibt, auf den ersten Blick, bei einem Battle, scheinbar kein Stück zu sehen, das von einer Choreografin oder einem Choreografen mit Tänzer*innen entwickelt worden wäre. Doch dann fand vor wenigen Tagen in Heidelberg mitten in der Altstadt in der Heiliggeistkirche bereits zum dritten Mal die von der Tanztheater-Choreografin Christina Liakopoloy, dem Hip-Hop-Tänzer und Weltmeister David Kwiek und Pfarrer Vincenzo Petracca ins Leben gerufene Church Battle statt. 

Verbringt man dort seine Stunden, eingesäumt von herrlichen Säulen und hohen Gewölben des Kirchendachs, alles in weiß und orange, weiß man, dass man doch über diese Street Dance Battle schreiben muss. Denn sie ist der neueste Hit in einem 2007 gestarteten Engagement von Liakopoloy und Kwiek im Grenzbereich von zeitgenössischem und urbanen Tanz am Hip-hop-Hotspot Heidelberg, das in den 1990er Jahren maßgeblich zur Verbreitung des Hip-Hops in Deutschland beigetragen hatte. Liakopoloy hatte als erste Künstlerin vor Ort begonnen, eine Reihe neuer Stücke zu kreieren, in denen sie die unterschiedlichen Bewegungsformen und -verständnisse des urbanen Tanzes mit dem Selbstverständnis des inhaltlich ausgerichteten Tanztheaters zusammenbrachte. 

2022 schuf sie schließlich „Inferno“ für David Kwiek alias Mr. Quick, der damals als Hip-Hop-Tänzer auf den Straßen Mannheims die Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte. Heute ist Mr. Quick ihr künstlerischer Partner und Judge der 3. Church Battle, neben Janine aus Nürnberg und Tizi aus Berlin. Der Künstlername ist Teil der Identität, die man ausdrücken möchte. Hip-Hop, erklärte erst vor kurzem im Gespräch Melody Adjdadi aus Saarbrücken, sei zuallererst ein Lebensgefühl, eine Leidenschaft und die größte Subkultur. Er bewegt sich seit dreißig Jahren in der Szene, hat als Funky Mellow Berühmtheit erlangt und engagiert sich heute als erster Vorsitzender des BBoy Germany e.V., dem größten urbanen Verein Deutschlands, und als Inklusionsbeauftragter der BBoy World. Hip-Hop-Tänzerinnen und Tänzer brächten ihm zufolge die eigene Individualität und Persönlichkeit zum Ausdruck, und das müsse man sich schlicht selbst erarbeiten: „Um Hip-Hop zu tanzen, bedarf es Ehrgeiz, Rückgrat und Disziplin und den Rest muss man selbst machen.“ Denn: „Im Moment des Auftritts kommt es nicht nur auf die Kondition, die Technik oder die Präzision an, sondern darauf, dass Du weder Moves des anderen kopierst noch Dich wiederholst. Du musst die Choreografie in dem Moment kreieren, und diese Choreografie muss persönlich, individuell und überzeugend sein. Das ist der Kern des Breaking. Es ist Ausdruckstanz mit dem Körper, auf den andere im Battle wiederum mit dem Körper und der Seele kommunikativ reagieren. Dafür wird man ausgezeichnet,“ so Adjdadi. 

Breaking, Waacking, Popping, House Dance, LitFeet und Locking

Es geht also doch um Choreografie. Und bei der Church Battle um noch ein wenig mehr. Insgesamt 45 erwachsene Tänzer*innen aller Stile des Street Dance – von Hip-hop über klassisches Breaking, Waacking, Popping, House Dance, LitFeet oder Locking – waren angereist, um dort zu performen, wo sich vom Vormittagsgottesdienst noch der Weihrauch verzog, zudem zwanzig Kinder und Jugendliche bis 16 Jahren. Um sie herum ein Publikum von an die 150 Menschen jeden Alters – von der hochbetagten Rentnerin, die mit der Enkelin dasaß, über Freundinnen im mittleren Alter bis zu Mitgliedern der Hip-Hop-Communities aus ganz Deutschland. 

Wie sehr es Liakopoloy um Choreografie geht, zeigt ihr Konzept. Denn nach der Vorrunde blieben jeweils acht Kinder und Erwachsene übrig, die für die nächste Runde zu Teams zusammengelost wurden. An diesem Punkt begann das Zusammenwirken von urbanem Tanz, zeitgenössischem Tanz und Choreografie. Denn die Jungen lernten hier von den Älteren, beide Seiten ließen sich aufeinander ein und trafen choreografische Absprachen, die im Moment des Auftritts gegen das andere Team den Tanz in Ministücke verwandelte. Hierfür wurden ihnen völlig unterschiedliche Musikstile zugespielt, die die Ministücke verdichteten. Und so wurde dieser Battle immer spannender, da immer mehr emotionale Zustände, Bewegungen, Duette und Ministories aufgeführt wurden, ähnlich einer Szene aus „Romeo und Julia“, wo sich die Capulets und die Montagues einander gegenüberstehen.

Den Höhepunkt bildete das Finale, in dem der 26-jährige Next aus Berlin mit dem 13-jährigen Junior aus Duisburg ausgerechnet gegen dessen 15-jährigen Bruder Mylo und den 34-jährigen Sanchez aus Stuttgart antraten. Durch rasante Moves und Steps brachten alle vier ihre Körper, sich gegenseitig herausfordernd, kommentierend, ignorierend, zum Sprechen, zum Schluss zum Schweben. Zum Schluss erwiesen sich Next und Junior als die favorisierten Choreografen und Tänzer. 

 

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