„Marie & Pierre“ von Bobbi Jene Smith

Die Stimmungsmacherin

„Marie & Pierre“ von Bobbi Jene Smith jetzt auch am Festspielhaus St. Pölten

Noch nicht der ganz große Wurf, aber beachtlich: Smith hievt in ihrem Stück ganze 31 Künstler*innen auf die Bühne.

St. Pölten, 19/02/2024

Man versteht gleich, warum sich da mit Bobbi Jene Smith und ihrem Team mit Or Schraiber, der Komponistin Celeste Oram und Keir GoGwilt (Violine, Klavier) gerade etwas mit beachtlichem Potenzial entwickeln könnte. Denn dem im November 2023 in Basel herausgekommenem zweiteiligen Abend „Marie & Pierre“ lief „Pierre“ allein 2021 beim Royal Danish Theatre voraus. Dezidiert bezeichnet als „dance-theatre-work“ erlangte der in einer kargen Szenerie von Smith als „Anschuldigung“ des Pierre übertitelte Einakter großen Publikumszuspruch. Als wären Pina Bauschs Merkmale weitergeführt in eine Gegenwart des Multitasking und der Parallelitäten, die vor allem die Regisseurin Smith behende und auf allen Ebenen mit den Mitteln von heute anzuwenden versteht. 

Die Frau, die sich nicht einfädeln kann

In dem 20-Personen-Stück „Pierre“ bleibt die Frau in Grün (Breanna O’Mara) am Ende allein. Verästelungen zwischen genderfluiden Männern um einen Tisch herum, ein überdimensionales Löwen-Denkmal, das herein und wieder hinausgeschoben wird, die Frau, die sich da nicht einfädeln kann – das lässt nicht nur auf Unstimmigkeiten schließen. Macht und Ohnmacht dominieren die Atmosphäre.

Smith übernahm also „Pierre“ für Basel und entwarf dort einen vorangestellten, ersten Teil „Marie“, der in seiner überbordenden Sinnlichkeit und opulenten Dichtheit weniger als Kontrast zu Teil zwei als vielmehr wie ein Film mit Szenen um Liebe in einer zeitgenössischen Gesellschaft aus einem café dansant in Erinnerung bleibt. „Leidenschaft“ benennt Smith dieses Stück, das mit einer großzügigen Vorhang-Draperie (Ausstattung Christian Friedländer), einem alten Radio, einem großen Klavierflügel, dem unvermeidlichen Tisch mit Sesseln, das Ambiente liefert. 

Anspielung an das Alte Testament

Wie mit einer uminterpretierten Anspielung an das Alte Testament eröffnet sie die Inszenierung (mit großem Ensemble): Die nackte Frau beißt in den Apfel, isst den selbst mit großer Lust, die Männer erhaschen noch einen Brocken davon. (Das verlorene Paradies mag nach der Pause Teil zwei darstellen.) Um ein Mit- und ein Gegeneinander von Frauen und Männern und allen anderen scheint es danach zu gehen, um Anziehung und Durchspielen eines menschlichen Variantenreichtums, um Hüftendrehen und immer wieder kurze, tanzdramatische Eklats. 

Sehr fein und speziell, wie die musikalische Ebene auf der Bühne integriert ist: Zur eingespielten Komposition von Celeste Oram mit dem Basler Sinfonieorchester unter Tianyi Lu sind live auf der Bühne Valentina Dubrovina (Cello), Keir GoGwilt und die, fast wie nebenher, vermeintlich alte Chansons singende und agierende Tänzerin Alma Toaspern, eine Art weiblicher Fürsprache.

Der Tanz fällt nicht ins Auge

Und der Tanz? Der zeitgenössische Tanz ist da, sogar stupende, akrobatisch, alert, gemeinsame Gruppen schieben sich immer wieder kommentierend in das dramatische Geschehen, aber er fällt nicht ins Auge, und das bei einer viele Jahre aufgetretenen Tänzerin mit der Batsheva Dance Company.

Der Blick der Smith scheint, jedenfalls an diesem Abend, einer, der Stimmungen aufkommen lässt und befördert und das mit allen Mitteln des Theaters. Das neue Ballett Basel, ein zeitgenössisches, sehr diverses Ensemble, feierte mit dieser Produktion am Theater Basel und nun auch in St. Pölten seinen Einstand: So als wären sie schon lange Zeit miteinander.

 

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