„GEMeinsam“ von Jessica Nupen

Zusammen und doch allein

Jessica Nupens neue Arbeit „GEMeinsam“ in der Hamburger Kampnagelfabrik

Das Thema lag nahe – hatte doch die Corona-Krise der deutsch-südafrikanischen Choreografin die Uraufführung von „The Nose“ verunmöglicht. Ihr neues Stück verarbeitet auch diese große Enttäuschung.

Hamburg, 03/11/2022

Wenn Jessica Nupen ein neues Stück produziert, ist mit Sicherheit ein kleines Spektakel zu erwarten. Bunt, laut und lebendig waren ihre Arbeiten bisher ­– und auch ihre neueste steht diesem Image in nichts nach. Es geht – wie so oft nach den Strapazen der Corona-Zeit – um den Menschen als soziales Wesen, um seine Bindungen und die Notwendigkeit der Gemeinsamkeit, mit der lähmende Einsamkeit überwunden werden kann. Zusammen mit der Dramaturgin Maria Isabel Hagen hat die Tänzerin und Choreografin Jessica Nupen, in Hamburg ebenso zuhause wie in Johannesburg in Südafrika, ihr neuestes Stück „GEMeinsam“ diesem Thema gewidmet. Denn nur gemeinsam mit ihrem Team, mit ihren Kooperationspartnern und Künstler*innen konnte sie die schwierige Corona-Zeit überstehen. Kurz vor der Uraufführung im März 2020 musste ihre Produktion „The Nose“ nach zweijähriger Vorarbeit von heute auf morgen abgesagt werden – Ausgang ungewiss (siehe tanznetz vom 31.5.2020).

Die Frage nach dem, was die menschliche Gemeinschaft zusammenhält und ausmacht, stellt sie sich aber auch angesichts der Weltlage nach dem 24. Februar 2022: „Die Vorstellung und das Verständnis von Normalität, Isolation und Zusammengehörigkeit haben sich vor dem Hintergrund der jüngsten weltpolitischen Ereignisse drastisch verändert“, heißt es im Programmzettel. „Die Verlässlichkeit von bewährten Kategorien hat sich verabschiedet und hinterlässt ein Puzzle von neu zu sortierenden Ansichten und Perspektiven.“

Genau das ist auch der Inhalt von „GEMeinsam“, das am 27. Oktober in der Kampnagelfabrik in Hamburg aus der Taufe gehoben wurde: 10 Performer*innen aus aller Welt treffen sich, um zusammen zu ergründen, was eine menschliche Gemeinschaft ausmacht. Zu Beginn betritt eine Frau die Bühne, die da noch hinter einem dünnen, transparenten Plastikvorhang liegt, der den gesamten Bühnenraum vom Publikum abtrennt. In dessen Hintergrund blähen sich weiße Tücher wie große Segel, eine senkrechte hohe Leuchtschriftbox steht an der rechten Seite. Mit zuckendem Oberkörper durchmisst die Frau den Boden, wild schlenkern die Arme, laut gellt ihr Schrei, bei dem sie in der Bewegung erstarrt. Nach und nach folgen acht Männer und Frauen, die es ihr gleichtun, bis alles in einem gemeinsamen großen Schrei mündet. Eine imposante Sopranistin im goldenen Gewand erscheint und singt „We stand all together“ – und die Tänzer*innen stampfen rhythmisch dazu, während Menschenmassen bei Demonstrationen oder Versammlungen auf die Plastikfolie projiziert werden.

Im nächsten Moment rauscht die gesamte Folie nach unten und gibt die Bühne frei für ein Kaleidoskop verschiedenster zwischenmenschlicher Begegnungen. „I feel so lonely,“ sagt eine Tänzerin, während die anderen sie mit allerlei Floskeln und übergriffigen Umarmungen zu trösten versuchen. Vergebens – „I feel so lonely,“ jammert sie weiter vor sich hin. Währenddessen zeigt sich auf der Leuchtschriftbox der Schriftzug „You will never be alone again. We are your friends“. Und es wird klar: Das Vereinnahmen durch andere Menschen lindert die Einsamkeit gerade nicht.

Nupen findet für ihre Botschaft, dass der Mensch die Gemeinschaft zwar braucht, aber eben doch nie wirklich aus der Einsamkeit erlöst werden kann, ein wildes Sammelsurium aus afrikanischen und europäischen Tanzelementen – mal lässt sie ihre Leute auf in grobe Stiefel geschobenen Händen über die Bühne rutschen, mal zeigen vor allem die Männer dynamische Bewegungsmuster – zu zweit, zu vielen, allein. Mittendrin wird die am linken Fuß verletzte Tänzerin Sinazo Bokolo auf dem Rollstuhl hereingefahren – und es gelingt ihr souverän, sich trotz des Handicaps in die Gemeinschaft einzureihen. Alle Einsamkeit und Verlorenheit löst sich zum Schluss hin jedoch schlagartig auf, als zwei der Tänzer einen furiosen Zulutanz entfesseln, mit Schreien, Pfeifen, Trillern und Klatschen. Das Publikum feierte vor allem diesen Schluss mit großer Begeisterung.
 

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