Abschied und Wiederkehr

Uwe Scholz über die "Winterreise"

Dresden, 24/11/2004

Dieses Interview mit Uwe Scholz über Todessehnsucht und Kälte, über extreme Gefühle und extreme Kunst erschien vor einem Jahr im Programmheft eines Uwe-Scholz-Ballettabends der Semperoper in Dresden. Wir danken dem Ballettdramaturgen Adi Luick und der Semperoper sehr herzlich für die Erlaubnis zur Veröffentlichung im tanznetz.
 

Adi Luick: Die Uraufführung Ihrer Choreografie „Fragmente: WINTERREISE“ steht im Zentrum eines dreiteiligen Ballettabends. Ausgewählte Lieder aus Franz Schuberts „Winterreise“ bilden den Mittelteil zwischen Schumanns Zweiter Symphonie und Rachmaninoffs Drittem Klavierkonzert. Als Rachmaninoff sein Drittes Klavierkonzert komponierte, hatte er seine Theatertätigkeit in Moskau aufgegeben und war nach Dresden gereist. Das Klavierkonzert bereitete er für eine Amerikatournee vor, wo wer es auch uraufführte. Auch Robert Schumann hielt sich während der Komposition seiner großen C-Dur Symphonie in Dresden auf. Er befand sich zwar weniger auf einer Reise großer räumlicher Distanzen als vielmehr auf einer inneren Reise, deren Weg bestimmt wurde vom Hin und Her der in ihm wütenden Gefühlschwankungen. Mit der „Winterreise“ nehmen Sie einen weiteren „Reisegedanken“ – nun textlich auch ganz konkret ausformuliert – zwischen diese beiden symphonischen Werke. Auf was für eine „Reise“ begeben Sie sich mit diesem Programm?

Uwe Scholz: Als ich Rachmaninoffs Drittes Klavierkonzert choreografierte, hatte ich meine Theatertätigkeit in Zürich aufgegeben und war nach Leipzig gereist. Die Choreografie bereitete ich für viele Tourneen vor. Während der Einstudierung des Scholz-Abends in Dresden arbeite ich schon an der Choreografie des letzten Satzes der Großen C-Dur Symphonie von Franz Schubert in Leipzig. So befinde ich mich weniger auf einer Reise großer räumlicher Distanzen zwischen Leipzig und Dresden, als vielmehr auf einer Reise, deren Weg bestimmt wird vom Hin und Her der wütenden und ewig verspäteten Schwankungen des ICE. Mit der „Winterreise“ kann ich konkret ausformulieren, dass es ziemlich kalt geworden ist. Aber Spaß beiseite – das Hauptthema des Abends mag wohl „Abschied und Wiederkehr“ sein. Schubert zeigt in seinen Liedern die innere Unsicherheit und Todessehnsucht des Menschen, universell und zeitlos, die Gegensätze zwischen harter Realität einerseits und Traum und Phantasie andererseits. Sein zum Teil erschreckender Minimalismus, der kaum Raum zum Atmen gibt, und sein Katalog von Konflikten lässt uns spüren, dass Ruhe nichts mit Frieden zu tun hat. Der Wahnsinn gibt dem Wanderer – bzw. seinem Monster? – genug Futter, sich selbst zu verspeisen. Also auch kein Ausruhen, selbst wenn man sich hinlegt. Gefrorene Grabmäler im Eis.

AL: Im ersten Lied des Schubertschen Zyklus, „Gute Nacht“, ist die Grundsituation Wanderschaft. Es erzählt von der Rückkehr in die Einsamkeit und vom Verlust einer versprochenen Geborgenheit. Gerade unser modernes Weltbild vermittelt eine Sicherheit, unser Leben planen und beherrschen zu können. Wie verbindet sich Ihnen dieser „Wanderer“ mit dem Menschen der Gegenwart?

Uwe Scholz: Der Begriff „modernes Weltbild“ erscheint mir als Leerformel. Ich sehe in „Gute Nacht“ sowie in den meisten Liedern von Franz Schubert nicht nur die periphäre – zwar auch bittere – Kälte, sondern auch die Kälte, die viele Menschen in der Gegenwart bedrückt. Bei genauerem Zu- und Hinhören (selbst wenn man sich die Frage von Traum oder Realität stellen mag) stellt man schnell fest, dass man die „Linse seines Seelenmikroskops der Empfindungen“ schärfen muss, wozu ich mich in dieser Choreografie gezwungen fühle. Sonst bleibt man sehr wahrscheinlich „nur“ bei den wunderschönen romantischen Liedern haften, die auch beim Staubsaugen Tränen hervorrufen können.

AL: Die folgenden drei Liedern, „Erstarrung“, „Auf dem Flusse“ und „Rückblick“, reflektieren in besonderer Weise den Schmerz des Verlustes in der Begegnung von Mensch und Natur. Die von Eis und Schnee verdrängte Schönheit und Lieblichkeit der Natur wird in der Dichtung zum formulierten Abbild der Seele des Wanderers. Weder die Flucht noch die „Rast“, die uns im fünften Liede Ihrer musikalischen Abfolge geschildert wird, führen zu einer Befreiung von dem erfühlten Schmerz. Kann uns die Kunst geben, was der Wanderer vergeblich von der Natur erwartet: die Beruhigung des Schmerzes?

Uwe Scholz: Ich glaube, dass Schubert-Lieder nicht gerade als Paradebeispiele für schmerzlindernde Kunst gelten können. Wenn ich z. B. vor dem Bild „Der Schrei“ von Edward Munch stehe, wird die intellektuelle Erkenntnis „das ist ein schönes Bild“ meine Schmerzen nicht beruhigen.

AL: „Die Krähe“ als Symbol des Todes aber auch als Erneuerer des Lebens ist der ständige Wegbegleiter des Wanderers. Der befindet sich inzwischen am Rande der Selbstaufgabe. Als Schumann seine Zweite Symphonie komponierte, hatte er einen schweren Nervenzusammenbruch hinter sich. Erst bei der Komposition des letzten Satzes fing er an, sich „wieder zu fühlen“. Der Dirigent Giuseppe Sinopoli schrieb dazu, dass die Wiedergenesung jenes qualvolle Feuer der Inspiration ausgelöscht hat. Kann Schöpfertum im eigentlich so lebensbejahenden Tanz etwas mit Leiden zu tun haben?

Uwe Scholz: Schöpfertum hat immer mit Gefühlen zu tun. Nur extreme Gefühle, Freude ebenso wie Leid, bringen extreme Kunst hervor. Tanz hat mehr Facetten als nur eine, die lebensbejahend ist. Ich bin mir recht sicher, dass das Publikum in meiner Choreografie von Franz Schuberts „Winterreise“ keine Momente eines Bayerischen Schuhplattlers entdecken wird... In „Die Krähe“ wird der Todeswunsch wohl am unmissverständlichsten spürbar. Aber Selbstmord scheint doch wohl nicht des Wanderers Sache zu sein?

AL: In „Im Dorfe“ vergegenwärtigt der Wanderer ganz deutlich und ohne Bedauern seine Position, abseits von den Menschen, abseits von jeglicher Behaglichkeit. Im „Wegweiser“ befindet sich der Wanderer in vollem Bewusstsein seiner Vereinsamung. Sein Ziel ist das eigene Ich. Auch Rachmaninoff hatte, als er sein Drittes Klavierkonzert schrieb, eine sichtbare Krise hinter sich und eine Amerikatournee vor sich. Der Wanderer wie auch Rachmaninoff wussten um die Besonderheit ihres eigenen Weges. Hat am Ende Ihrer „Winterreise“ der Schnee die Spuren der Erinnerung verweht und die Spuren der eigenen Seele verdeckt?

Uwe Scholz: Diese Frage werden Ballettkritiker oder -historiker beantworten.

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