Wer abweicht, wird ausgegrenzt

Der Choreograf und Tänzer Raimund Hoghe zeigt erstmals in München zwei seiner Soli

München, 20/02/2002

Er ist Journalist, er schreibt, fotografiert und war zehn Jahre lang Dramaturg bei Pina Bausch. Seit Anfang der 90er Jahre choreografiert Raimund Hoghe. Für seine Theater- und Tanz-Arbeiten, in denen er mit dem Körper, mit Objekten und Worten Geschichten erzählt, wurde der Künstler im vergangenen Jahr mit dem Deutschen Produzentenpreis für Choreografie ausgezeichnet. Jetzt gastiert er zum ersten Mal in München: In den beiden Soli „Meinwärts“ (20.2.) und „Another Dream“ (22.2., jeweils 20.30 Uhr in der Muffathalle) zeigt er mit sparsamen Mitteln ein emotional verdichtetes Geflecht aus persönlicher Biografie und kollektiver Erinnerung.
 

Süddeutsche Zeitung: „Meinwärts“ war Ihr erstes Solo, in dem Sie selbst auf der Bühne standen, nachdem Sie Stücke für andere Tänzer choreografiert hatten. Wie kam es dazu?

Hoghe: Das Stück kreist um den jüdischen Tenor Joseph Schmidt, der aus Deutschland emigrieren musste und 1942 in einem Schweizer Internierungslager gestorben ist. Ich kannte seinen Namen aus meiner Kindheit, hatte gehört, dass er klein sei, und Angst davor, selbst auch klein zu sein. Da habe ich das weggeschoben. Erst später, als ich durch Zufall auf Material und Musik von ihm stieß, habe ich mich mit ihm beschäftigt, fasziniert davon, dass er alle Genres beherrscht hat: Schlager, Opern, Operetten, religiöse Musik. Sein populärster Song war „Ein Lied geht um die Welt“.

SZ: War diese Figur des Joseph Schmidt der Impuls, selbst solistisch zu arbeiten?

Hoghe: Ja, und ich wollte Stellung beziehen zu deutscher Vergangenheit und Gegenwart. Zu der Zeit starben sehr viele Tänzer an Aids. Und ich wollte etwas zu diesem Thema machen, zu Aids, zu meinem Körper. Meinen Körper in den Kampf werfen. Sehr persönlich. Die Biografie Schmidts steht stellvertretend für die Geschichte anderer Juden, für die Verfolgung von Künstlern während der Nazi-Zeit. Schon die Kritik aus den Jahren vor dem Nationalsozialismus hat immer sehr deutlich auf die geringe Körpergröße von Schmidt hingewiesen, weswegen er nie auf der Bühne auftrat. Der „Völkische Beobachter“ hat ihn dann als klein und hässlich beschrieben. Kein Artikel hingegen hob hervor, dass Heinz Rühmann ebenfalls klein war.

SZ: Bei Ihnen wird Ihre geringe Größe auch ständig thematisiert.

Hoghe: Immer wieder neu. Ich bin nicht kleinwüchsig, ich habe diese Krankheit nicht. Aus fünf oder sechs Zentimetern wird eine große Sache gemacht. Beim Theaterfestival in Hannover hieß es in einer Überschrift: „In der Dunkelkammer des Buckligen“.

SZ: Ihre Größe, Ihr Buckel werden stets thematisiert; gemeint ist freilich eine Abweichung in einem anderen Bereich. Was ist bei Ihnen das Andere?

Hoghe: Ich verstoße gegen mehrere Rollenbilder. Als Tänzer, als Behinderter im Alltag; außerdem thematisiere ich Sexualität, was einem Behinderten auch nicht zugestanden wird.

SZ: In „Meinwärts“ zitieren Sie persönliche Texte über Ihren Körper und hängen nackt am Trapez.

Hoghe: Der Titel „Meinwärts“ stammt aus einem Gedicht von Else Lasker-Schüler, man sieht mich, meinen nackten Körper von hinten. Wie eine Geburt. Es war das erste Stück, in dem ich mich auf der Bühne präsentiert habe. Acht Jahre ist das nun her. Ich war damals scheu, so alleine auf der Bühne. Deswegen ist das Licht sehr dunkel. Ich benutze kleine Lichtquellen, Fahrrad- und Taschenlampen. Die Bewegungen habe ich in Front des Fensters entworfen, als es draußen dunkel war und ich mich in der Scheibe spiegelte. „Meinwärts“ hat weniger Farben als die übrigen Stücke. Es ist das dunkelste von allen.

SZ: Trotzdem ist es das europaweit meistgespielte Ihrer Stücke.

Hoghe: Bisher wurde es über 50 mal gespielt, von Italien bis Norwegen, quer durch Europa. Ich denke wegen der „deutschen Thematik“. Mir geht es in allen Stücken um Ausgrenzung, zum Beispiel die des abweichenden Körpers, die der Aids-Kranken. Das ist heute immer noch so. Es scheint schon wieder vergessen, wie viele schon an Aids gestorben sind. Man ist zur Tagesordnung übergegangen. Natürlich kann man das nicht mit dem Krieg und der Verfolgung vergleichen, aber man kann das Vergessen vergleichen.

SZ: Ist das der Anknüpfungspunkt für „Another Dream“, das zweite Solo, das Sie in München zeigen, den letzten Teil dieser Trilogie?

Hoghe: Ja, es geht in allen Teilen dieser Trilogie um Ausgrenzung und Verdrängung. „Chambre séparée“, der zweite Teil, den ich diesmal nicht zeige, reflektiert in der Geschichte meiner Mutter die Nachkriegszeit und die 50er Jahre, „Another Dream“ die 60er des 20. Jahrhunderts. Alles in einem Wechselbezug von Vergangenheit und Gegenwart.

SZ: Sehen Sie darin Ihre politische Stellungnahme?

Hoghe: Ja, und ich meine, dass die Verknüpfung von Vergangenheit und Gegenwart in Deutschland immer wieder als problematisch empfunden wird.

SZ: Für „Meinwärts“ verwenden Sie ausschließlich Musik von Joseph Schmidt. In „Another Dream“ sind viele verschiedene Songs zu hören, darunter von Peggy Lee, Dalida, Mahalia Jackson. Wie kommt die Musikauswahl zustande?

Hoghe: Ich wollte zunächst nicht nur Musik von Joseph Schmidt nehmen, aber er hat alle Genres gesungen, die mir wichtig sind. Für „Another Dream“ suchte ich – wie immer – mit meinem Mitarbeiter Luca Giacomo Schulte zusammen. Mir ist der Text der Lieder sehr wichtig. Das ist ein Kriterium. Dann probieren wir die Songs auf der Bühne aus. Was über Kopfhörer gut ist, wirkt im Raum nicht, andererseits funktioniert plötzlich auf der Bühne, was zu Hause gar nicht doll war.

SZ: Woran erkennen Sie, dass es funktioniert?

Hoghe: Dass eine bestimmte Atmosphäre entsteht. Das liegt nicht zuletzt an der Qualität der Sänger. Mir ist die Ernsthaftigkeit wichtig. Keiner serviert sein Können auf dem Silbertablett. Daran bin ich nicht interessiert, auch bei Tänzern nicht, mit denen ich zusammenarbeite, wie jetzt im neuesten Stück „Sarah, Vincent et moi“. Sarah Chase und Vincent Dunoyer haben ihre eigene Ästhetik.

SZ: Was erwarten Sie vom Tänzer?

Hoghe: Persönlichkeit. Dass er mit der kleinsten Bewegung berühren kann. Auch mit einer aus dem Warm-up.

SZ: Ihre Bewegungen sind klar, einfach, rituell, wiederholen sich in einer bestimmten Zeit.

Hoghe: Ich suche nach dem Beginn von Tanz. Muss man dazu alle Glieder bewegen? Wie ist die Bewegung in der Zeit? Sieht der Betrachter selbst, wo der Tanz beginnt? Das ist mir von der Arbeit mit Pina Bausch geblieben: zu fragen, wo Tanz beginnt. Bei mir ist das verbunden mit der Musik, die man durch den Körper gehen lassen und spüren soll. Das ist die einzige Regieanweisung, die ich gebe: Jeder muss für sich die Musik spüren. Und das gilt auch für die Zuschauer.
 

Interview: Katja Schneider

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