HOMEPAGE



München

AUSBRUCH

Sheinfeld & Laor zeigen ihre Performance "Big Mouth" beim DANCE Festival München



Aktueller denn je ist diese Kollektivität und Individualität verhandelnde Choreografie im Angesichts des erneut aufwallenden Konflikts zwischen Israel und Gaza.


  • "Big Mouth" von Niv Sheinfeld & Oren Laor Foto © Gadi Dagon
  • "Big Mouth" von Niv Sheinfeld & Oren Laor Foto © Gadi Dagon

Mit weit aufgerissenem Mund steht Keren Levi da. Das Gesicht ist verzerrt, wird immer wieder geschüttelt von Tränen. Dieser stumme Schrei ist unglaublich eindringlich und bewegend, ein Bild, das sich einprägt. Begleitet wird es von einem auf Hebräisch singenden Chor mit episch anmutender Musik, was dieser Szene eine besondere Dramatik und Intensität verleiht und Bilder von Raketen über Israel ins Gedächtnis ruft.

Das Duo Niv Sheinfeld & Oren Laor aus Israel entwickelte die Performance "Big Mouth" bereits vor zwölf Jahren, 2009, in Kollaboration mit Keren Levi. Nun zeigen sie sie erneut beim DANCE Festival in München. Vor dem Hintergrund der momentanen Unruhen in Israel und Gaza, die einen gefühlt schon immer vorhandenen Konflikt wieder aufkochen lassen, lässt sich das Stück mit einem neuen Gefühl ansehen. Das Wissen, dass die beiden Künstler erst letzte Woche für das Festival nach Deutschland gekommen sind und nun aus der Ferne mitbekommen, was in ihrer Heimat passiert, hängt den gesamten Abend in der Luft.

Es geht um Selbstentfaltung und das Verlangen nach einem Ausbrechen aus festen Strukturen, um Bewegungslust und um die Kraft von Einheit und kollektivem Marschieren. So beginnt es auch: die drei Performer*innen durchschreiten im Gleichschritt den Raum, bewegen sich entlang der Seiten der Bühne von einer Ecke in die nächste, wechseln abrupt und synchron die Richtung. Ihre Arme schwingen ebenfalls im absoluten Gleichklang. Auch wenn das Ganze nicht militärisch wirkt - dafür sind ihre Bewegungen zu federnd – erinnert es daran, dass es in Israel eine Wehrpflicht gibt, für Männer und für Frauen, was das Kollektivverständnis im Land stärken soll.

Dieses Marschieren wird jedoch immer wieder unterbrochen von kleinen Hüpfern oder Drehungen, alles ebenfalls in Synchronität. Aus dem Marsch sind Volkstanzschritte geworden. Während sie immer weiterlaufen, schert Keren Levi ab und zu aus der Formation aus. Sie variiert die Bewegungen, bleibt kurz zurück, um sich dann wieder einzufinden. Die beiden Männer sehen ihr dabei zu. Sie bricht heraus aus dieser Einheit und gibt sich völlig ihrer Bewegungslust hin. Wie eine Metapher ist es, als sie genau in die entgegengesetzte Richtung der zwei anderen läuft und ihnen ausweichen muss – immer gegen den Strom.

Ihr stummer Schrei wirkt dann wie eine Befreiung. Sie scheint ihren Frust und ihre Verzweiflung in die Welt hinauszuschreien, während die anderen sie im Hintergrund dabei beobachten. Raus aus der Einheit, raus aus dem System, dem Drang nach individueller Freiheit nachgeben – all das verkörpert Levi mit beeindruckender Intensität. Es tut ein bisschen weh, dabei zuzusehen, wie sie versucht, die beiden Männer mitzureißen, aber es nicht schafft. Sie verausgabt sich und wird dabei nur in gewissem Abstand beäugt. Am Ende verlässt sie alleine den Saal.

Es gibt Momente, da sind sie sich alle wieder ganz nah. Sie stützen sich, umarmen und halten einander. Sie bewegen sich von einer Formation in die nächste, ohne dass Levi dabei den Boden berührt. Die beiden Performer übergeben sie sich gegenseitig, tragen sie, dienen ihr als Sitz und heben sie in die Luft. Eine Einheit ist nicht nur Zwang und Einschränkung, sondern auch eine Stütze.

Die gesamte Performance kann als ein Abbild der israelischen Gesellschaft gesehen werden. Sie funktioniert als feste Struktur, in der kleine Ausbrüche zwar toleriert, aber nicht unterstützt werden und das auch nur so lange, bis das auf Abwege geratene Individuum sich wieder ins System einfügt. Das Kollektiv wird großgeschrieben und alle scheinen im Einklang zu leben. Was jetzt gerade wieder in dem Land passiert, zeigt, wie ambivalent die Gesellschaft doch ist. Auch wenn die Performance schon vor zwölf Jahren entwickelt wurde, hat sie nichts von ihrer Aktualität verloren. Vielmehr scheint sie gerade aktueller denn je, zumindest für alle, die nur von außen auf Israel blicken und schnell vergessen, dass dieses Land nie frei war von Konflikten.

Veröffentlicht am 14.05.2021, von Greta Haberer in Homepage, Kritiken 2020/2021

Dieser Artikel wurde 1019 mal angesehen.



Kommentare zu "Ausbruch "



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    PUPPENTANZ IN DER WIRKLICHKEITS-FATA-MORGANA

    "You Happy Puppet" von Niv Sheinfeld und Oren Laor

    Vom 21. bis 26. Mai zeigte das diesjährige Off-Europa-Festival in Dresden, Chemnitz und vor allem Leipzig Theater und Tanz aus Israel. Den Anfang machte "You Happy Puppet", eine Choreografie von Niv Sheinfeld und Oren Laor.

    Veröffentlicht am 30.05.2019, von steffen georgi


     

    LEUTE AKTUELL


    DIE WEIßEN MIT UNSEREN GEFÜHLEN KONFRONTIEREN

    Ein Gespräch vor der Berliner Premiere von „Ubiquitous Assimilation“ der Grupo Oito
    Veröffentlicht am 24.08.2021, von Volkmar Draeger


    VIELSEITIGKEIT IN PERSON

    Twyla Tharp wird 80 Jahre alt
    Veröffentlicht am 05.07.2021, von Pressetext


    TÄNZER*INNEN VON HEUTE UND MORGEN

    Ein Zoom-Interview mit den Geschwistern Julian MacKay, Nicholas MacKay, Nadia Khan und Maria Sascha Khan.
    Veröffentlicht am 02.07.2021, von tanznetz.de Redaktion



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    VERLÄNGERTE HILFEN FÜR TANZSCHAFFENDE

    Die vierte Vergaberunde des NPN-Förderprogramms STEPPING OUT läuft – Frist zur Antragsstellung ist der 1. Oktober

    Das Förderprogramm NPN-STEPPING OUT von JOINT ADVENTURES – Walter Heun geht in die Verlängerung bis Ende 2022. Die Antragstellung zur vierten Vergaberunde ist ab sofort möglich.

    Veröffentlicht am 22.09.2021, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    INTENDANTENWILLKÜR AUCH IN MAGDEBURG

    Vermutlich baldiges Ende für Gonzalo Galguera in Magdeburg
    Veröffentlicht am 30.04.2021, von Volkmar Draeger


    ZUSAMMENARBEIT

    Staatliche Ballett- und Artistikschule Berlin und Staatsballett Berlin schließen Kooperationsvertrag
    Veröffentlicht am 10.07.2021, von Pressetext


    EIN SCHWERER VERLUST

    Ismael Ivo ist gestorben
    Veröffentlicht am 09.04.2021, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    KINDERBRILLE AUFSETZEN!

    Tanzplan veröffentlicht "Tanzkind" von Andrea Simon und Achim Reissner

    Veröffentlicht am 17.08.2021, von Sabine Kippenberg


    ALFONSO PALENCIA WIRD BALLETTDIREKTOR IN BREMERHAVEN

    Ab der Spielzeit 2022/2023 tritt der Spanier Alfonso Palencia die Nachfolge von Sergei Vanaev an.

    Veröffentlicht am 14.09.2021, von tanznetz.de Redaktion


    REISE DURCH DIE MENSCHLICHKEIT

    HUMAN – Musik- und Tanzpremiere feiert großen Erfolg in Bremen

    Veröffentlicht am 30.08.2021, von Renate Killmann


    JÖRG MANNES GEHT ANS THEATER MAGDEBURG

    Neuer Intendant Julien Chavaz stellt sein Leitungsteam vor

    Veröffentlicht am 26.08.2021, von Pressetext


    DIE WEIßEN MIT UNSEREN GEFÜHLEN KONFRONTIEREN

    Ein Gespräch vor der Berliner Premiere von „Ubiquitous Assimilation“ der Grupo Oito

    Veröffentlicht am 24.08.2021, von Volkmar Draeger



    BEI UNS IM SHOP