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München

DIE BEWEGUNG IM INNEREN

"Scores that Shaped Our Friendship" im schwere reiter München



Durch die Zusammenkunft und Vereinigung ihrer Körper erforschen Lucy Wilke und Paweł Duduś in ihrem Duo ihre Freundschaft und Beziehung zueinander. Ein zutiefst intimer Abend, gleichsam berührend und voller Lebensfreude.


  • "Scores that Shaped our Friendship" von und mit Lucy Wilke und Paweł Duduś Foto © Martina Marini-Misterioso
  • "Scores that Shaped our Friendship" von und mit Lucy Wilke und Paweł Duduś Foto © Martina Marini-Misterioso
  • "Scores that Shaped our Friendship" von und mit Lucy Wilke und Paweł Duduś; Kim Ramona Ranalter Foto © Martina Marini-Misterioso
  • "Scores that Shaped our Friendship" von und mit Lucy Wilke und Paweł Duduś Foto © Martina Marini-Misterioso
  • "Scores that Shaped our Friendship" von und mit Lucy Wilke und Paweł Duduś Foto © Martina Marini-Misterioso
  • "Scores that Shaped our Friendship" von und mit Lucy Wilke und Paweł Duduś Foto © Martina Marini-Misterioso

Solch feinfühlige Abende bräuchte es öfter. Lucy Wilke und Paweł Duduś haben mit „Scores that Shaped our Friendship” ein dramaturgisch, inhaltlich und ästhetisch sehr gelungenes Stück auf die Bühne gebracht.

Dass es in der Performance um Nähe und Intimität geht, lässt allein das spezielle und interessante Raumkonzept des Abends deutlich werden. Die Zuschauer*innen werden beim Einlass gebeten, sich die Schuhe auszuziehen und können sowohl auf kleinen Tribünen im Halbkreis um die Bühne als auch unmittelbar bei den beiden Performer*innen Lucy Wilke und Paweł Duduś auf einem großen weißen Fellteppich Platz nehmen. Zu Beginn der Performance lädt Kim Ramona Ranalter, die den Abend mit sphärischer und rhythmischer Klangmusik live begleitet, das Publikum dazu ein, sich im Bühnenraum frei zu bewegen und sich den Performer*innen, wenn man das Bedürfnis dazu hat, gerne zu nähern.

Zu keinem Augenblick des einstündigen Abends ist man also nur bloße*r Zuschauer*in. Viel eher ist man durch die Erforschung des kompletten Raumes durch die Spieler*innen stets Teil dieses spannenden intimen Erfahrungsaustausches. Wilke und Duduś kommen im Verlauf der Performance nicht nur sich gegenseitig körperlich und auch emotional sehr nah, sondern sie nehmen diesen Kontakt auch zum Publikum auf und ermöglichen ihnen dadurch einen tiefen Einblick in ihre Personen und ihre Freundschaft zueinander.

Lucy Wilke ist Sängerin, Schauspielerin, Tänzerin, Autorin und Regisseurin. Sie hat spinale Muskelatrophie, eine Form des Muskelschwundes, und ist daher auf einen Rollstuhl angewiesen. Paweł Duduś bezeichnet sich als Queer-Migrant-Feminist und arbeitet interdisziplinär in den Bereichen Tanz, Theater und Performance. In „Scores that Shaped our Friendship” arbeiten beide bereits zum wiederholten Mal zusammen. Seit einigen Jahren verbinden sie nicht nur produktive Kollaborationen, sondern auch eine tiefe Freundschaft, der sie in dieser Arbeit auf den Grund gehen.

Das Stück ist in sieben Kapitel geteilt, die Kim Ramona Ranalter mit deren Titeln über ein Mikrofon ansagt. Darunter sind kurze Passagen wie Kapitel 5, „Tribute to Tinder“, in dem Lucy Wilke über ihre Dating-Erfahrungen erzählt. Häufig höre sie, dass sie ein so schönes Gesicht habe. Dieser Aussage folge daraufhin aber immer ein großes „Aber“.

In anderen längeren Teilen nähern sich die beiden Performer*innen einander körperlich an. Eng umschlungen liegen sie auf dem Teppich und fusionieren zu einem gemeinsamen Körper. Dies hat immer wieder etwas dezent bis offen Sexuelles, aber in all seiner Positivität. Die beiden Performer*innen verhalten sich stets zärtlich und liebevoll und gleichzeitig äußerst leidenschaftlich zueinander. Das „Privileg“ sich vereinender Körper, wie es Paweł Duduś in einem Voice Over beschreibt, wird ebenso offenbar wie die Berührung als universelle Sprache, die alle Menschen unabhängig ihrer Herkunft und Sprache verstehen können.

Die Rahmung des Abends bilden die Kapitel „Mein Körper“ und „The House Over there“. In beiden Teilen erzählen Lucy Wilke und Paweł Duduś, was sie in diesem Moment tun und wie sie sich gerade bewegen. Während sie in Kapitel 1 aber tatsächlich dazu ihre Hände oder ihren Kopf leicht bewegen, findet diese Bewegung in Kapitel 7 einzig in der Imagination statt. Die Spieler*innen reden gemeinsam darüber, wie sie aus dem Theater laufen und letztendlich über ein Haus springen. Überhaupt – so scheint es – kommt es gar nicht darauf an, wie andere Bewegungen von außen wahrnehmen. Das einzige, was wirklich wichtig ist, ist, wie man den eigenen Körper von innen erlebt und dass man sich darin und in seinen eigenen Bewegungen wohlfühlt.

Allgemein ist es wunderschön zu sehen, mit welcher Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit Lucy Wilke und Paweł Duduś miteinander umgehen und welche positive Lebensfreude sie dabei ausstrahlen. Momente, in denen Duduś zu Kim Ramona Ranalters rhythmischen Klängen lasziv an der Wand tanzt und Wilke dabei begeistert mitgeht und anschließend ihren Freund mit dem Rollstuhl spielerisch durch den Raum zieht, machen einfach großen Spaß. Und trotzdem gelingt es „Scores that Shaped our Future“ gleichzeitig in seinen ruhigeren und kleineren Momenten, zum Nachdenken über den eigenen Körper und den anderer anzuregen.

Veröffentlicht am 18.02.2020, von Peter Sampel in Gallery, Kritiken 2019/2020

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