KRITIKEN 2018/2019



Heidelberg

DER STEIN AUF DER BRUST

Tänzer José Luis Sultán beschwört in der Hebelhalle seine persönliche „Toten-Insel“



Wo Sultán auf der Bühne steht, liegen Schrecken, Schmerz, Trauer, Wut und Tod in erreichbarer Nähe. Der argentinische Jude mit spanisch-türkisch-syrischen Wurzeln scheint seine ganz persönliche historische Bürde mit auf die Tanzfläche zu bringen.


  • Uraufführung von José Luis Sultán, in Koproduktion des UnterwegsTheater, in der HebelHalle Heidelberg Foto © Günter Krämmer
  • Uraufführung von José Luis Sultán, in Koproduktion des UnterwegsTheater, in der HebelHalle Heidelberg Foto © Günter Krämmer
  • Uraufführung von José Luis Sultán, in Koproduktion des UnterwegsTheater, in der HebelHalle Heidelberg Foto © Günter Krämmer
  • Uraufführung von José Luis Sultán, in Koproduktion des UnterwegsTheater, in der HebelHalle Heidelberg Foto © Günter Krämmer

Wo José Luis Sultán auf der Bühne steht, liegen Schrecken, Schmerz, Trauer, Wut und Tod immer in erreichbarer Nähe. Der argentinische Jude mit spanisch-türkisch-syrischen Wurzeln scheint seine ganz persönliche historische Bürde mit auf die Tanzfläche zu bringen – egal, ob er mit hochkarätigen Choreografen arbeitet oder eigene Stücke ersinnt. Die Zusammenarbeit des international gefragten Charakterdarstellers mit dem Heidelberger UnterwegsTheater dauert schon über zwei Jahrzehnte – fulminanter Auftakt war die Uraufführung von Sultáns eigenem Stück „Kaddish – in memoriam“ 1996. In dieser darstellerischen Tour de Force fand er den Stil, dem er bis heute treu geblieben ist: In assoziativen Bildern mit sprechenden, gelegentlich bestürzenden Requisiten beschwört er all das, was weht tut – bei sich und beim Publikum. „Staub und Hauch“ war seine zweite Uraufführung in Heidelberg, als das Alte Hallenbad für eine unvergessliche Saison in einen Tanztempel verwandelt werden konnte.

Für ihre diesjährige Reihe “Old Stars – New Moves” haben die Macher des UnterwegsTheaters, Jai Gonzales und Bernhard Fauser, José Luis Sultán für eine neue Produktion eingeladen. Freundliches „Bonbon“ für alle Altersgenossen des 61jährigen: Sie hatten freien Eintritt. Ausgesucht hat er sich als Thema „LA ISLA DE LOS MUERTOS - Die Toten-Insel“ – in Anspielung an das berühmte gleichnamige Gemälde von Arnold Böcklin, der von diesem Motiv ab 1880 gleich fünf Versionen fertigte. In unterschiedliches Licht getaucht, zeigen sie alle dieselbe kleine Insel im Meer, zu der ein geheimnisvolle Boot unterwegs ist. Sein Ziel ist eine Felsenburg mit eingelassenen Grabkammern, umstanden von Trauerzypressen. Den späteren Versionen hat Böcklin schon eine der Grabammern mit seinem Namen versehen – Sultán reserviert sich sozusagen tanzend seine Anwartschaft auf einen Platz.

Der Tod ist in seinem Tanz allgegenwärtig. Aber vorher kommt der Schmerz, und dafür lädt sich Sultán nicht nur persönliche Erfahrungen, sondern die schmerzvolle Geschichte seiner Herkunft auf die Schultern. Eine Wanne – ein Nachen, wenn man so will – zieht ihn auf die Bühne, die übersät ist mit Relikten aus der Vergangenheit. Sie dienen als Anlässe für traurige Erinnerungen der unterschiedlichsten Art, auf die ein Soundtrack von Rachmaninov über Penderecki bis Wagner einstimmt.

Schleier, Kleider und Tücher erlauben ihm einen rasanten Wechsel von Geschlecht und Rolle – aber die traurigen Augen, die endlos langen, oft hilflos wirkenden Arme, die überbeweglichen Finger und Zehen bleiben auch angesichts des Todes seine wichtigsten Ausdrucksmittel. Hier werden Sultáns Lebensthemen noch einmal wach: Die Angst vor Verfolgung, das Sitzen auf gepackten Koffern, die Trauer um gestorbene und ungeborene Kinder, die Sehnsucht nach der fehlenden Mutter und Frau. So kippt Sultán mal Schottersteine, mal Frauenschuhe auf die Bühne; maskiert sich zum Stammestanz und misstraut dann doch den mitreißenden Rhythmen; zieht verzweifelt Puppen in Fötusgröße aus einem uralten Kinderwagen; singt inbrünstig vergessene Lieder; streicht mit größer Zärtlichkeit über eine am Boden platzierte steinerne Rosette; legt sich als Mitbringsel einen schweren Stein auf die Brust und geht am Ende allein ins Dunkel. Respektvoller Beifall für so viel authentische Qual.

Veröffentlicht am 26.05.2019, von Isabelle von Neumann-Cosel in Kritiken 2018/2019

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Kommentare zu "Der Stein auf der Brust"



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