HOMEPAGE



München

DAS SYMPATHISCHE KLEEBLATT

Die Posterino Dance Company mit neuem zweiteiligem Abend im Münchner HochX



Geschlechtergleichstellung und Umweltverschmutzung betreffen eigentlich alle. Das hat sich der stadttheatererfahrene, heute freischaffende Choreograf Gaetano Posterino wohl gedacht und gleich beide politisch brisanten Themen aufgegriffen.


  • Die Posterino Dance Company mit "Mondo Paradiso" im Münchner Theater HochX: Annalisa Piccolo, Bernardo Pereira Ribeiro, Clara Plausteiner, Gabriel Wanka Foto © Ren Wang
  • Die Posterino Dance Company mit "Pink and Blue" im Münchner Theater HochX: Gabriel Wanka, Clara Plausteiner, Annalisa Piccolo, Bernardo Pereira Ribeiro Foto © Paul Bonik
  • Die Posterino Dance Company mit "Pink and Blue" im Münchner Theater HochX: Gabriel Wanka, Annalisa Piccolo Foto © Paul Bonik

Geschlechtergleichstellung und Umweltverschmutzung betreffen eigentlich alle. Das jedenfalls hat sich der stadttheatererfahrene, heute freischaffende Choreograf Gaetano Posterino wohl gedacht und gleich beide politisch brisanten Themen für seinen neuen zweiteiligen Tanzabend aufgegriffen. Aber kann man Gendergrenzen und Klimawandel tatsächlich vertanzen?

Den Auftakt im intimen Bühnenambiente des HochX macht Posterinos griffiger Halbstünder „Mondo Paradiso“. Eine eindrückliche Choreografie über, mit und in viel Plastikmüll. Seit 1995 überzeugt der künstlerisch in München und Wiesbaden stationierte Italiener mit Arbeiten für Ballett, Tanztheater, Film und Oper. Die Gründung seiner eigenen Posterino Dance Company folgte 2002. Mit einem markanten Unterschied zu anderen Gruppen der zeitgenössischen freien Szene. Das lose aus jungen TänzerInnen und erfahrenen Profis zusammengesetzte Ensemble beherrscht nämlich – und das beachtenswert gut – auch das Vokabular des klassischen Balletts.

Clara Plausteiner (jüngster Zuwachs aus Augsburg), die in Rom ausgebildete Annalisa Piccolo, Bernardo Pereira Ribeiro, ein smarter Portugiese, und Gabriel Wanka (ehemals Student der hiesigen Ballettakademie) sind diesmal die einzigen, dafür recht wandlungsfähigen ProtagonistInnen. Ihr Start ins Stück beginnt geheimnisvoll. Mit kleinen Lämpchen zoomen sie ihre Körper ab. Plötzlich gehen alle vier mit bunten Ballons schwanger. Doch die luftgefüllten Kugeln zerplatzen und Augenblicke später verhüllen durchsichtige Tüten die Köpfe.

Drastisch wird der Gesamteindruck durch die Großaufnahme einer jungen Robbe im Hintergrund. Sie hat sich in ein Netz verheddert. Im Quartett rutschen die Tänzer zu Boden. Mutieren zu einem perfekt eingespielten Perpetuum mobile, das durch den virtuosen Umgang mit Bewegungseinschränkungen fasziniert. Schrittweise wird so die Frage nach dem Überleben abgehandelt. Im scharfen Kontrast dazu zelebrieren die Tänzer in einer Szene ausgeflippter Laufstegallüren die Fatalität unserer rücksichtlos verschwenderischen Konsumgesellschaft. Zum Walzer werden erst Müllsäcke geschwungen, dann Staubsauger aktiviert, deren Lärm bald ins Leere läuft.

„Mondo Paradiso“ lebt von einfachen, starken Bildern. Wenn aus Rieseneiern Quietschenten schlüpfen und auf Spitzenschuhen dahintrippelnde Ballettschwäne Packungen von Fertigessen am Tutu kleben haben, kapiert man's sofort: Hier geht es um die Gleichgültigkeit angesichts von Zerstörung. Wer wegschaut, verpasst bei dieser Aufführung definitiv etwas!

Seine vier TänzerInnen positioniert Posterino auch nach der Pause in „Pink and Blue“ stets ausgesprochen geschickt im Raum. Mal hocken sie auf ihren Stühlen, mal tanzen sie drumherum. Die Choreografie holt ihren Drive aus verschiedenen Songs. Deren Worte und Rhythmen motivieren Soli und Duette. Doch bleiben die Aussagen des Tänzerquartetts nun eher klischeehaft im Wagen. Die Männer greifen zu High Heels. Das Requisit der Frauen ist ein Lebkuchenherz. Der Versuch, geschlechtertypische Verhaltensmuster aufzulösen, gelingt nur halbwegs. Am Ende macht das sympathische Kleeblatt aber deutlich, dass jeder Mensch zählt. Egal, wie es unter der Kleidung um ihn steht. Runde Sache – Kurve noch gekriegt.

Veröffentlicht am 29.04.2019, von Vesna Mlakar in Homepage, Gallery, Kritiken 2018/2019

Dieser Artikel wurde 1281 mal angesehen.



Kommentare zu "Das sympathische Kleeblatt"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    LETZTE BEITRÄGE 'TANZ IM TEXT'


    TANZ 31: CARMEN.MAQUIA

    Gustavo Ramírez Sansano ist zurück in Luzern und bringt eine Neufassung seines grossen Erfolgs «CARMEN.maquia» mit.
    Veröffentlicht am 17.09.2019, von Anzeige


    OPULENZ UND MAGIE

    Wiederaufnahme von John Neumeiers „Sommernachtstraum“ beim Hamburg Ballett
    Veröffentlicht am 17.09.2019, von Annette Bopp


    REBELLEN (UA)

    Tanzabend von Asun Noales, Tarek Assam und Jörg Mannes Musik von Steve Reich, Dmitri Schostakowitsch und Igor Strawinsky
    Veröffentlicht am 17.09.2019, von Anzeige



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    CREATING DANCE IN ART AND EDUCATION – TANZPÄDAGOGIK UND CHOREOGRAFIE

    Berufsbegleitende Weiterbildung der TanzTangente Berlin in Kooperation mit dem Berlin Career College der Universität der Künste Berlin startet mit neuen Partnern die neue Bewerbungsrunde. Anmeldefrist ist der 1. November 2019

    In dieser Weiterbildung können TänzerInnen und Menschen mit fundierter Bewegungserfahrung Methoden erlernen, um tanzpädagogische Projekte in unterschiedlichsten Kontexten zu leiten und den Tanz in all seiner Vielfalt an Laien jeden Alters zu vermitteln.

    Veröffentlicht am 11.06.2019, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    ADOLPHE BINDER BEKOMMT AUCH IM BERUFUNGSVERFAHREN RECHT

    Neues in der Causa Tanztheater Wuppertal
    Veröffentlicht am 19.08.2019, von tanznetz.de Redaktion


    ENGAGEMENT VERLOREN

    Sergei Polunin nicht mehr im "Schwanensee" an der Pariser Oper
    Veröffentlicht am 15.01.2019, von tanznetz.de Redaktion


    HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH!

    Der Primaballerina Lynn Seymour zum 80. Geburtstag
    Veröffentlicht am 06.03.2019, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    EINE EISKALTE WINTERREISE FEIERN

    Das Ballett Chemnitz zeigt Schuberts Zyklus

    Veröffentlicht am 09.09.2019, von Gastbeitrag


    IGOR ZELENSKY IM AMT BESTÄTIGT

    Der russische Tänzer bleibt bis 2026 Direktor des Bayerischen Staatsballetts

    Veröffentlicht am 11.09.2019, von Pressetext


    CHRISTIAN WATTY ÜBERNIMMT DIE EURO-SCENE LEIPZIG

    Ab 2021 wird der Düsseldorfer Festivaldirektor und künstlerischer Leiter des europäischen Theater- und Tanzfestivals

    Veröffentlicht am 12.09.2019, von Pressetext


    LEBEN UND STERBEN FÜR DEN TANZ

    Abschluss des Festivals Tanztheater international in Hannover

    Veröffentlicht am 09.09.2019, von Andreas Berger


    BIZARRE STOFFOBJEKTE

    Fotoblog von Dieter Hartwig

    Veröffentlicht am 09.09.2019, von Dieter Hartwig



    BEI UNS IM SHOP