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Graz

DAS LEBEN DURCHLEUCHTEN MIT BACH

Jörg Weinöhl entwickelt in „Kontrapunkt. Auf der anderen Seite von Bach“ am Opernhaus Graz spezielle Tanzqualitäten



In Graz wächst etwas Besonderes heran. In seiner zweiten Spielzeit mit Intendantin Nora Schmid treibt Ballettdirektor Jörg Weinöhl einen spannenden Werkkatalog voran.


  • "Kontrapunkt. Auf der anderen Seite von Bach" von Jörg Weinöhl; Arthur Haas, Bárbara Flora und Clara Pascual Martí Foto © Werner Kmetitsch
  • "Kontrapunkt. Auf der anderen Seite von Bach" von Jörg Weinöhl; Arthur Haas, Chris Wang und Clara Pascual Martí Foto © Werner Kmetitsch
  • "Kontrapunkt. Auf der anderen Seite von Bach" von Jörg Weinöhl; Clara Pascual Martí Foto © Werner Kmetitsch
  • "Kontrapunkt. Auf der anderen Seite von Bach" von Jörg Weinöhl; Chris Wang und Marina Schmied Foto © Werner Kmetitsch
  • "Kontrapunkt. Auf der anderen Seite von Bach" von Jörg Weinöhl; Clara Pascual Martí und Chris Wang Foto © Werner Kmetitsch

Mit einer den Tanz wertschätzenden Theaterleitung ist es einem Choreografen doch möglich, ein junges Ensemble zu bauen und zu prägen, seine persönliche Kunstsprache weiterzuentwickeln und damit im großen Haupthaus und nicht auf einer Studiobühne zu reüssieren. Um das Publikum muss immer geworben werden, die Frage ist nur mit welchem Risiko und Temperament. . . Am Grazer Opernhaus wächst etwas heran, das von besonderer Eigenart ist. In seiner zweiten Spielzeit mit Intendantin Nora Schmid (davor Semperoper, Dresden) treibt Ballettdirektor Jörg Weinöhl einen Werkkatalog voran, in dem er einerseits auf eine unkonventionelle erdachte Klassikerpflege setzt, zuletzt „Nussknacker und Mäusetraum“, andererseits Titel wie „Und der Himmel so weit“, ein ungewöhnlich konzipiertes, zeitgenössisches Ballett zu Musik von Franz Schubert und Isabel Mundry in der ersten Saison und nun „Kontrapunkt. Auf der anderen Seite von Bach“ ansetzt.

Für diese Vorstellungsserie, es gibt noch sechs Präsentationen bis 30. April, verläuft der erste Teil des reinen, auf (auch vorösterliche) Introspektion zielenden Bach-Abends für das Publikum direkt auf der Bühne. Eine dort installierte Tribüne mit 300 guten Plätzen macht es möglich, den Tänzerinnen und Tänzern sehr nah zu folgen. Vor Beginn rollt ein Bühnentechniker sorgfältig den schmalen Schutzboden zusammen, der eben noch den Zuschauern gedient hat, der helle eigentliche Tanzboden reicht nun direkt bis an die erste Zuschauerreihe heran. Nach der Pause erfolgt der Sichtwechsel. Das Publikum sucht sich im üblichen Zuschauerraum frei ohne Einschränkung seinen Platz. Weinöhl, der dieses Programm eines abstrakten Balletts, wie es Dramaturg Jörg Rieker bezeichnet, mit seiner ehemaligen Tänzerkollegin und Choreografin Ainara Garcia Navarro gestaltet hat, spielt dadurch mehrere Trümpfe aus. Ungewohnte Sichtachsen, Nahe und Ferne, Offenheit und Verschlossenheit. Und thematisiert auch diese Themen in der unüblich zusammengestellten musikalischen Folge, die aus Variationen aus „Goldberg“ besteht, die Navarro bestreitet, aus Chorälen, live aber nicht sichtbar vom Chor der Grazer Oper unter Bernhard Schneider und Teilen, etwa aus dem Wohltemperierten Klavier und dem Italienischen Konzert, die Weinöhl interpretiert. Stellenweise verknüpfen Navarro und Weinöhl ihre choreografischen Sprachen, Zwischentitel wie ‚Seele’ und später ‚Zuversicht’ deuten auf ein Umgehen mit der Existenzialität des fühlenden und denkenden Menschen hin. Was sich so komplex aus vielen Quellen herausgefiltert liest, läuft auf der Bühne wie ein sorgsam eingekleidetes Ganzes ab. Das von Ausstatterin Saskia Rettig entworfene skulpturale Objekt, das zweimal auf der Bühne zu finden ist, scheint der Dürer-Vorlage „Melencolia I“, die Rieker als Inspiration erwähnt, entnommen.

Was aber sieht man denn? Eine genaue, bis in die kleinste Regung differenzierte Serie von Soli, Duetten und Ensembleszenen, in denen Musik und Stimmung Anlass sind, den Menschen tanzend zu machen. Sich aufbäumend, lustvoll, in sich gekehrt. In den Abschnitten, die Navarro verantwortet, scheint der Bewegungsfluss vorrangig, in Weinöhls Szenen eine stark beredte Auseinandersetzung mit der Vielfalt an und Differenzierung von Bewegungsqualitäten, die auch inhaltliche Interpretationen zulassen. Die Tänzerinnen und Tänzer tragen grau-blaue Hosen und Oberteile, Kleider, Sakkos. Eine „Vanitas“-Tänzerin in einer Gewandung, deren Zeichnung auf den Knochenmann anspielt, hat rare Auftritte. Insgesamt wirken die Szenen, die sehr bewusst mit Stille dazwischen, mit Licht (von Bernd Purkrabek) inszeniert sind, aufgrund der Qualität (unterstützt durch Ballettmeisterin Jaione Zabala) und dem ganz ohne Pathos aber mit großer Bewusstheit und Respekt auftretenden Ensembles. Zwölf von siebzehn Mitgliedern des Balletts der Oper Graz sind zu sehen. Den unmittelbaren Anlass für diese Lebensdurchleuchtung, welche diese Produktion suggeriert, gibt der finnische Pianist Pauli Matias Jämsä, der wie das gesamte Team anhaltend vom Publikum beklatscht wurde.

Mag gut sein, dass Spuren von Martin Schläpfers künstlerischer Redlichkeit in Graz hin und wieder durchschimmern; immerhin hat Jörg Weinöhl bei ihm ausführlich getanzt und wichtige Kreationen mitbestimmt. Aber das ist nur eine Vermutung.

Veröffentlicht am 09.04.2017, von Andrea Amort in Homepage, Kritiken 2016/17

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