HOMEPAGE



Hamburg

RUN, BABY, RUN!

Olivier Dubois und das Ballet du Nord eröffnet mit „Auguri“ das Sommerfestival auf Kampnagel



An den Flug von Vögeln erinnert diese Choreografie, die volle 70 Minuten lang aus nichts anderem besteht als aus Rennen und vereinzeltem Innehalten, mal alleine, mal in Gruppen, mal alle zusammen.


  • "Auguri" von Olivier Dubois Foto © Francois Stemmer

Dunkel, am Anfang ist es nur dunkel. Nachdem sich das Auge etwas daran gewöhnt hat, werden schemenhaft vier große Kästen im Bühnenhintergrund erkennbar. Aus weiter Ferne beginnt ein tiefes Wummern (mehr eine Geräuschkulisse als Musik: François Caffenne). Diffuses Licht (Lichtregie: Patrick Riou) beleuchtet einen Raum hinter dem rechten Kasten. Eine Frau tritt hinein, tizianrotes langes Haar, eher üppig von Statur, keine typische Tänzerinnen-Grazie. Sie steht da nur und schaut zum Publikum. Ruhig, gelassen. Wie eine Statue. Bis sie vom Dunkel wieder verschluckt wird. Es dauert rund 10 Minuten, bevor sich etwas mehr Licht in das Dunkel vortastet und vereinzelt eine Gestalt irrlichternd über die Bühne huscht. Mehr Ahnung als Realität.

Und langsam, sehr langsam werden es mehr, wird das Licht heller. Sie rennen und flitzen, jagen und wuseln über die Bühne, immer haarscharf aneinander vorbei, immer mit vollem Tempo, bis sie die Düsternis hinter den Kästen verschluckt. Auch die Geräusche verändern sich jetzt: Dem Wummern gesellt sich wellenartiges Rauschen hinzu, schwillt an zu einer ubiquitären Geräuschkulisse, der man nicht entrinnen kann. Das Licht steigert sich zur Helligkeit, die eine Zeit lang auch vom Stroboskop in zuckende Blitze getaucht wird, während die 22 Tänzerinnen und Tänzer über die Bühne hetzen, sich schubsen, drängeln, taumeln, fallen, aufstehen, weiterhetzen, um sich schließlich hinter den vier Kästen skulpturartig zusammenstellen, immer wieder die Position verändernd.

Vier Schaukästen, in denen Menschen sich begegnen, berühren, betasten, vereinen, verlassen, um sich erneut zusammenzufinden. Sie erklimmen schließlich diese vier Kästen und bleiben oben liegen, bis die Fläche von Menschen überquillt, um dann zähflüssig einzeln herunterzutropfen, wieder hinaufzusteigen, herabzusinken. Bis das Wummern und Wogen der Musik langsam leiser wird, und – wie am Anfang – die rothaarige Frau in einen diffusen Lichtkegel tritt, steht und schaut, und im Dunkel verschwindet.

Olivier Dubois wollte mit „Auguri“, so heißt es im (wie immer äußerst dürftigen Programmzettel), „die Bühne zu einem Orakel der Menschheit machen“. Denn Auguri, das waren im alten Rom Priesterbeamte, die den Flug der Vögel als Orakel interpretierten. An den Flug von Vögeln, vor allem den atemberaubenden Kurvenflügen der Schwalben und Mauersegler, erinnert auch diese Choreografie, die volle 70 Minuten lang aus nichts anderem besteht als aus Rennen und vereinzeltem Innehalten, mal alleine, mal in Gruppen, mal alle zusammen. Immer wieder im Wechsel, in an- und abschwellenden Sequenzen. Die Magie liegt in diesem so absichtslos erscheinenden, aber extrem gut durchdachten und ausgeklügelten Rhythmus des Kommens und Gehens. Man wird davon angesogen und ausgespuckt, verschluckt und aus der Schwerkraft gehoben. Das hat zwar nicht mehr viel mit Tanz zu tun – außer dem Gehetze über die Bühne gibt es kaum andere Bewegungen. Und logischerweise tragen alle weder Schläppchen noch Spitzen- oder andere Tanzschuhe, sondern solide Laufschuhe mit sehr rutschfester Sohle. Und doch hat es etwas enorm Tänzerisches, dieses herein- und hinauswogende Flitzen.

Olivier Dubois ist hier ein Werk gelungen, das lange in Erinnerung bleibt, gerade durch diese atemlose Intensität des Rennens. Bewundernswert die Kondition des gesamten Ensembles! Bleibt zu hoffen, dass dieses Gehetztwerden dann aber doch nicht die Zukunft der Menschheit ist ...

Veröffentlicht am 14.08.2016, von Annette Bopp in Homepage, Kritiken 2015/2016

Dieser Artikel wurde 2639 mal angesehen.



Kommentare zu "Run, Baby, run! "



    • Kommentar am 17.08.2016 17:18 von spacefly
      dieses stück ist eine frechheit. dafür braucht es weder tänzer noch einen choreografen. man hätte auch einfach ein paar kids aus der fußgängerzone holen können und eine x-beliebige person hätte sagen können: rennt einzelnen, als paar oder als gruppe mal so über die bühne. was ist daran noch künstlerischer ausdruck, was tänzerische gestaltung. dies war ein abend der ausgestellten ideen- und konzeptlosigkeit, der mit dröhnender musik und hirnrissiger nur-rennerei absolute langeweile oder wahlweise verärgerung produzierte. große teile des publikums gingen vor dem applaus. zu recht.

Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



 

LEUTE AKTUELL


EINE WARMHERZIGE UND STARKE FRAU

Marlis Alt ist am 19. Juni verstorben
Veröffentlicht am 29.06.2020, von tanznetz.de Redaktion


DANCE!

Lucinda Childs wird 80 und wirkt heute noch radikal und neu
Veröffentlicht am 25.06.2020, von tanznetz.de Redaktion


MIT DEM RÜCKEN ERZÄHLEN

Michael Molnár ist gestorben
Veröffentlicht am 23.06.2020, von Hartmut Regitz



AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



TANZTHEATER WUPPERTAL SPIELZEIT 2020/21

Nach einer - auch für Tanztheater Wuppertal Pina Bausch - sehr langen und schwierigen Durststrecke startet das Ensemble in die Spielzeit 2020/21.

Die aufgrund der ausfallenden Aufführungen in Wuppertal, Paris, Los Angeles, Berkeley, Chicago und Ludwigsburg freigewordenen Zeitfenster nutzte das gesamte Ensemble um den künstlerischen Austausch über Prozesse im Umgang mit einem so wertvollen Erbe wie dem Pina Bauschs auch in Kooperation mit der Pina Bausch Foundation zu vertiefen und künstlerische Formate für aktuelle Szenarien zu entwickeln.

Veröffentlicht am 10.08.2020, von Anzeige

LETZTE KOMMENTARE


VORWÜRFE GEGEN TANZAUSBILDUNG

Verdacht auf Missstände an der Staatlichen Ballettschule Berlin
Veröffentlicht am 25.01.2020, von tanznetz.de Redaktion


STAATLICHE BALLETTSCHULE BERLIN– KEIN ENDE IN SICHT

Seyffert geht gegen Freistellung und Hausverbot vor. Bisher ohne Erfolg.
Veröffentlicht am 19.05.2020, von tanznetz.de Redaktion


STABEL WILL SCHULLEITER AN DER STAATLICHEN BALLETTSCHULE BERLIN BLEIBEN

Der Gütetermin um freigestellten Ballettschuldirektor scheitert. Der Zwischenbericht der Untersuchungskommission sorgte vorab für kontroverse mediale Resonanz.
Veröffentlicht am 12.05.2020, von tanznetz.de Redaktion

MEISTGELESEN (7 TAGE)


PHYSISCHE ÄSTHETIK

Eröffnung der Tanzwerkstatt Europa 2020 mit Jefta van Dinthers „Plateau Effect“

Veröffentlicht am 02.08.2020, von Vesna Mlakar


MONIKA GRÜTTERS STÄRKT DEN TANZ

Neue Hilfsprogramme für die besonders gefährdete Kunstform

Veröffentlicht am 30.07.2020, von Pressetext


VORFREUDE AUF DIE NEUE SAISON

Der tanznetz.de Premierenkalender ist online

Veröffentlicht am 03.08.2020, von tanznetz.de Redaktion


SCHRITT FÜR SCHRITT

Buchneuerscheinung: „Entwicklungsförderung durch Bewegung und Tanz"

Veröffentlicht am 02.03.2020, von Sabine Kippenberg


NACHDENKLICHES UND BRILLANTES

Das Stuttgarter Ballett verabschiedet sich mit „Response I“ in die Sommerpause

Veröffentlicht am 28.07.2020, von Annette Bopp



BEI UNS IM SHOP